{"id":262,"date":"2015-09-04T17:21:32","date_gmt":"2015-09-04T15:21:32","guid":{"rendered":"http:\/\/verlagsgeschichte.murrayhall.com\/?page_id=262"},"modified":"2015-12-27T21:16:46","modified_gmt":"2015-12-27T19:16:46","slug":"verlag-dr-hans-epstein-verlag-dr-rolf-passer","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/verlagsgeschichte.murrayhall.com\/?page_id=262","title":{"rendered":"Verlag Dr. Hans Epstein (Verlag Dr. Rolf Passer)"},"content":{"rendered":"<h3>Verlag Dr. Hans Epstein (Verlag Dr. Rolf Passer, Zeitbild-Verlag) (Wien-Leipzig)<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><span style=\"font-size: 0.7em; vertical-align: top;\">[1]<\/span><\/a><\/h3>\n<h6><\/h6>\n<ul class=\"overview\">\n<li class=\"overview\"><a class=\"none\" href=\"#Heading1\" target=\"_self\">Produktion bis zum &#8222;Anschlu\u00df&#8220;<\/a><\/li>\n<li class=\"overview\"><a class=\"none\" href=\"#Heading2\" target=\"_self\">Zeitbild-Verlag<\/a><\/li>\n<li class=\"overview\"><a class=\"none\" href=\"#Heading3\" target=\"_self\">Der Verlag ab M\u00e4rz 1938<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p>Der am 4. Juli 1897 in Wien geborene Dr. Hans Epstein gr\u00fcndete nach Absolvierung der Buchhandelslehre bei Ernst Peter Tal im J\u00e4nner 1927 in der elterlichen Wohnung einen Buchverlag unter seinem Namen. Zur Gr\u00fcndung stellte ihm sein Vater Kommerzialrat Berthold Epstein S 20.000 zur Verf\u00fcgung. Mit diesem Kapital ausgestattet, begann der junge Epstein, der weder Angestellte noch Mitarbeiter hatte, B\u00fccher kulturellen und kunstgeschichtlichen Inhalts, Biographien und Stadtbildsammlungen herauszugeben, die verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig gute Erfolge hatten. Der Verlag wurde vorerst beim Handelsgericht nicht protokolliert, wohl aber war Epstein im Besitz der erforderlichen Konzession, die ihm am 4.3.1927 von der Korporation verliehen wurde.<\/p>\n<p>Die Ums\u00e4tze der ersten Jahre zeigen die wirtschaftliche Entwicklung des Verlags:<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><span class=\"Reference\">[2]<\/span><\/a><\/p>\n<table border=\"1\" align=\"center\">\n<tbody>\n<tr>\n<th colspan=\"2\">Ums\u00e4tze 1927-1931<\/th>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"text-align: left;\">1927<\/td>\n<td style=\"text-align: left;\" align=\"right\">25.715,05 S<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"text-align: left;\">1928<\/td>\n<td style=\"text-align: left;\" align=\"right\">51.158,70 S<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"text-align: left;\">1929<\/td>\n<td style=\"text-align: left;\" align=\"right\">89.412,86 S<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"text-align: left;\">1930<\/td>\n<td style=\"text-align: left;\" align=\"right\">117.741,12 S<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"text-align: left;\">1931<\/td>\n<td style=\"text-align: left;\" align=\"right\">98.566,23 S<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Nach kurzer Krankheit starb Hans Epstein unerwartet am 20. Februar 1932 in Wien, <a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\"><span class=\"Reference\">[3]<\/span><\/a> ohne ein Testament zu hinterlassen. Es stellte sich heraus, da\u00df die ganze Einrichtung des Verlags so stark auf die pers\u00f6nliche Note und die pers\u00f6nlichen F\u00e4higkeiten des Leiters eingestellt war, da\u00df ein Fortbestand des Verlags zun\u00e4chst fraglich war. Aus diesem Grund wurde Epsteins ehemaliger Lehrer Ernst Peter Tal als sachverst\u00e4ndiger Leiter und Kurator bestellt. Als n\u00e4chstes wurde gegen die Hinterlassenschaft Epsteins beim Handelsgericht Wien ein Ausgleichsantrag gestellt. <a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\"><span class=\"Reference\">[4]<\/span><\/a> Anl\u00e4\u00dflich der Ausgleichstagsatzung am 21. Juni 1932 stellte sich heraus, da\u00df Aktiven in der H\u00f6he von ca. S 64.000 Passiven von S 126.454 gegen\u00fcberstanden. <a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\"><span class=\"Reference\">[5]<\/span><\/a> Aus der Befriedigung des Gro\u00dfgl\u00e4ubigers, der Buchdruckerei Franz Gogl&#8217;s Nachfolger Karl Scheibe, Wien, entstand unter Beibehaltung des Firmanamens und Weiterf\u00fchrung des Betriebs eine neue Rechtskonstruktion, eine Kommanditgesellschaft mit dem am 27. Oktober 1897 in Touseni, Bezirk Brandeis an der Elbe in B\u00f6hmen geborenen und in Prag zum Dr. phil. promovierten Dr. Rolf Passer als Kommanditist und pers\u00f6nlich haftendem Gesellschafter. Am 23. September 1932 wurde sodann die Firma &#8222;Verlag Dr. Hans Epstein&#8220; mit Betriebsgegenstand Buch-, Kunst- und Musikalienhandel, beschr\u00e4nkt auf Verlag, Versand und Vertrieb unter Register A, Band 59, pagina 144a ins Wiener Handelsregister eingetragen. Passer, der tschechischer Staatsb\u00fcrger war, hatte in seiner Heimat bereits Branchenerfahrungen gesammelt, so da\u00df sein Antrag vom 8.8.1932 um Verleihung einer entsprechenden Konzession &#8211; nicht zuletzt, weil keine Konzessionsvermehrung damit verbunden war &#8211; durch die Verleihung am 25.11.1932 bewilligt wurde. Etwa ein Jahr sp\u00e4ter, n\u00e4mlich am 17. November 1933 wurde der Firmenname in &#8222;Verlag Dr. Rolf Passer&#8220; umge\u00e4ndert. Dies war auch die letzte Ver\u00e4nderung im Handelsregister bis nach dem &#8222;Anschlu\u00df&#8220;. Passer f\u00fchrte den Verlag in gleicher Art weiter; er verlegte Kunst- und Kulturgeschichte, Biographien, Frauenromane, Werke sogenannter &#8222;schwerer Literatur&#8220; und ber\u00fccksichtigte besonders moderne tschechische Autoren. Anf\u00e4nglich konnte der Verlag unter Passers F\u00fchrung sich nur schwer durchsetzen und hatte besonders in den f\u00fcr den gesamten Buchhandel schwierigen Jahren 1934 und 1935 schwer zu k\u00e4mpfen. So trat erst in den Jahren 1936 und 1937 eine wesentliche Besserung ein. Die Entwicklung der Ums\u00e4tze sieht &#8211; bis 1938 &#8211; folgenderma\u00dfen aus:<\/p>\n<table border=\"1\" align=\"center\">\n<tbody>\n<tr>\n<th colspan=\"2\">Ums\u00e4tze 1932-1938<\/th>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"text-align: left;\">1932 und 1933<\/td>\n<td style=\"text-align: left;\" align=\"right\">80.592 S<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"text-align: left;\">1934<\/td>\n<td style=\"text-align: left;\" align=\"right\">53.493 S<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"text-align: left;\">1935<\/td>\n<td style=\"text-align: left;\" align=\"right\">46.882 S<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"text-align: left;\">1936<\/td>\n<td style=\"text-align: left;\" align=\"right\">107.001 S<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"text-align: left;\">1937<\/td>\n<td style=\"text-align: left;\" align=\"right\">126.497 S<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"text-align: left;\">1938<\/td>\n<td style=\"text-align: left;\" align=\"right\">55.186 S<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>(Quelle: &#8222;Bericht&#8220;, Blatt 6)<\/p>\n<h3><a class=\"none\" name=\"Heading1\"><\/a> Produktion bis zum &#8222;Anschlu\u00df&#8220;<\/h3>\n<p>Vom Beginn des Verlags unter Epstein und bis zu dessen Tod im Jahre 1932 erschienen etwas mehr als ein Dutzend Werke. Es sind, wie bereits angedeutet, noch nahezu ausschlie\u00dflich Kunst- und Kulturf\u00fchrer mit Betonung auf St\u00e4dten und Landschaften. Zwei Reihen deuten in diese Richtung: <em>Der neue Stadtf\u00fchrer <\/em>und <em>Orbis Urbium. Sch\u00f6ne St\u00e4dte in sch\u00f6nen Bildern<\/em>. Eine der ersten Publikationen war der 1927 von Dagobert Frey herausgegebene Band <em>Wien in Bildern <\/em>mit &#8222;hundert gro\u00dfenteils unver\u00f6ffentlichte(n) Photographien von Bruno Reiffenstein&#8220;. Eine englische Ausgabe <em>(Vienna in Pictures) <\/em>folgte 1929. Andere solche Werke waren der Wachau, Prag, Budapest, Wien, Florenz\/Toskana gewidmet. Literatur bildet noch die Ausnahme von der Regel: so erscheinen 1931\/32 etwa von Max Ermers <em>Viktor Adler. Aufstieg und Gr\u00f6\u00dfe einer sozialistischen Partei <\/em>und von Johannes Urzidil <em>Goethe in B\u00f6hmen <\/em>(1932).<\/p>\n<p>Passer f\u00fchrte die Kunstb\u00fccher fort und erweiterte die Palette mit B\u00fcchern wiederum \u00fcber Wien (etwa: Hans Tietze) sowie \u00fcber Prag, Venedig und Sizilien. Neu hinzu kamen parallel zur Entwicklung im Herbert Reichner Verlag Werke \u00fcber Musiker und Musikgeschichte, wie etwa \u00fcber <em>Dvorak. Leben und Werk <\/em>(1935) von Paul Stefan, <em>Anton Dvorak <\/em>(1934) von Stefan-Sourek, Karl Kobalds <em>Haydn.<\/em> <em>Leben und Werk <\/em>(1934). Einen besonderen Akzent setzte Passer ab 1937 mit einer neuen Buchreihe von Werken moderner tschechischer Autoren. Bereits Ende 1936 war Karel Capeks <em>Aus einer Tasche in die andere <\/em>erschienen. 1937 folgten Capeks <em>Der Krieg mit dem Moloch <\/em>und <em>Der gestohlene Kaktus <\/em>sowie V. Vancuras <em>Der B\u00e4cker Johann Marhoul. <\/em>Erw\u00e4hnenswert in diesem Zusammenhang scheint die Tatsache, da\u00df Karl Tschuppiks <em>Elisabeth, Kaiserin von \u00d6sterreich <\/em>1929 im Verlag Dr. Hans Epstein erschien und weiter von Passer verlegt wurde. Auch der aus Prag stammende Johannes Urzidil war ein zweites Mal, und zwar mit dem Werk <em>Wenceslaus Hollar. Der Kupferstecher des Barock <\/em>(1936), im Verlag vertreten.<\/p>\n<p>Bevor wir auf eine weitere Besonderheit des Verlags Dr. Rudolf Passer zu sprechen kommen, erlauben uns die vorhandenen Quellen, einen n\u00e4heren Blick hinter die Kulissen des Verlagsgesch\u00e4ftes zu werfen. Der Blick mag zum Verst\u00e4ndnis der Preis- und Kalkulationsbasis eines (\u00f6sterreichischen) Verlags der 30er Jahre beitragen.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst einmal wissen wir, da\u00df Autoren des Verlags Dr. Rolf Passer vertraglich ein Honorar von 10% des verkauften Exemplares erhielten. Zu den vorhin zitierten Ums\u00e4tzen der Jahre 1934 bis 1937 k\u00f6nnen wir auch \u00fcber die Ertragslage des Verlags in diesem Zeitraum Aussagen machen und einsch\u00e4tzen, ob und wie eintr\u00e4glich das Verlagsgesch\u00e4ft zun\u00e4chst an einem konkreten Beispiel gewesen sein mag. Hier das entsprechende Bild:<\/p>\n\n<table id=\"tablepress-16\" class=\"tablepress tablepress-id-16\">\n<thead>\n<tr class=\"row-1\">\n\t<th class=\"column-1\">Gesch\u00e4ftsjahr<\/th><th class=\"column-2\">Umsatz<\/th><th class=\"column-3\">Bruttogewinn<\/th><th class=\"column-4\">Bruttogewinnquote<\/th><th class=\"column-5\">Reingewinn<\/th><th class=\"column-6\">Reingewinnquote<\/th>\n<\/tr>\n<\/thead>\n<tbody class=\"row-hover\">\n<tr class=\"row-2\">\n\t<td class=\"column-1\">S<\/td><td class=\"column-2\">S<\/td><td class=\"column-3\">%<\/td><td class=\"column-4\">S<\/td><td class=\"column-5\">%<\/td><td class=\"column-6\"><\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"row-3\">\n\t<td class=\"column-1\">1934<\/td><td class=\"column-2\">53.493,47<\/td><td class=\"column-3\">25.541,21<\/td><td class=\"column-4\">47.75<\/td><td class=\"column-5\">\u2013<\/td><td class=\"column-6\">\u2013<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"row-4\">\n\t<td class=\"column-1\">1935<\/td><td class=\"column-2\">46.882,95<\/td><td class=\"column-3\">28.698,61<\/td><td class=\"column-4\">61<\/td><td class=\"column-5\">2.474,03<\/td><td class=\"column-6\">5.3<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"row-5\">\n\t<td class=\"column-1\">1936<\/td><td class=\"column-2\">107.001,28<\/td><td class=\"column-3\">47.103,60<\/td><td class=\"column-4\">44<\/td><td class=\"column-5\">1.184,90<\/td><td class=\"column-6\">1.1<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"row-6\">\n\t<td class=\"column-1\">1937<\/td><td class=\"column-2\">126.497,46<\/td><td class=\"column-3\">60.728,16<\/td><td class=\"column-4\">48<\/td><td class=\"column-5\">2.165,86<\/td><td class=\"column-6\">1.7<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<!-- #tablepress-16 from cache -->\n<p>(&#8222;Bericht&#8220;, Bl. 25)<\/p>\n<p>Aus der Tabelle ist ersichtlich, da\u00df der durchschnittliche Jahresumsatz der Jahre 1935-37 etwa S 93.460, die durchschnittliche Bruttogewinnquote 48,7%, die durchschnittliche Reingewinnquote 2,1% betrugen. Also alles in allem: kein sehr ertragreiches Unternehmen. Der schleppende Gesch\u00e4ftsgang der Jahre 1934 und 1935 war nicht nur auf die allgemeine Absatzstagnation zur\u00fcckzuf\u00fchren, denn die in diesen Jahren verlegten, teilweise zur &#8222;schweren Literatur&#8220; z\u00e4hlenden B\u00fccher hatten nur schwachen und langsamen Absatz. Die Wende kam &#8211; wie die obenstehende Tabelle deutlich zeigt &#8211; 1936: gegen\u00fcber 1935 hat sich der Umsatz 1936 mehr als verzweifacht, 1937 fast verdreifacht. Ausl\u00f6sendes Moment f\u00fcr den Aufschwung war die Errichtung eines &#8222;Nebenverlags&#8220; &#8211; er nennt sich &#8222;Zeitbild-Verlag&#8220;, Wien-Leipzig. Die Trennung vom Verlag Dr. Rolf Passer erfolgte aus Betriebs- und Vertriebsgr\u00fcnden.<\/p>\n<h3><a class=\"none\" name=\"Heading2\"><\/a> Zeitbild-Verlag<\/h3>\n<p>Der Zeitbild-Verlag unter Passer verlegte n\u00e4mlich Romane, haupts\u00e4chlich Frauenromane, d.h. Romane von und \u00fcber Frauen. Mehr als zwei Drittel der etwa 1 1\/2 Dutzend Werke dieses Verlags stammten &#8211; unter Vorbehalt m\u00f6glicher nicht entschl\u00fcsselter Pseudonyme!! &#8211; von Frauen. Eben durch diese Trennung &#8222;schwere&#8220; &#8211; &#8222;leichte&#8220; Literatur sollte beiden Verlagsunternehmungen ein bestimmter Charakter gegeben und dabei die Gesch\u00e4ftsm\u00f6glichkeit nicht vermindert werden.<\/p>\n<p>Der konkrete Anla\u00df zum florierenden Frauenromanverlag war jedoch ein anderer: In den Jahren 1936 und 1937 wurden n\u00e4mlich vom Verlag &#8222;Universitas&#8220; in Berlin die gesamten Verlagsrechte und B\u00fccherbest\u00e4nde Joe Lederers (*12.9.1907, Wien) abgel\u00f6st sowie die erfolgreichen B\u00fccher der sehr jungen Autorin Annemarie Selinko (*1.9.1914, Wien; Ps. f\u00fcr Annemarie Kristiansen) verlegt. Gut verkauft und von Passer verlegt wurden von Lederer, <em>Blumen f\u00fcr Cornelia <\/em>(1936; 2 Auflagen), <em>Blatt im Wind <\/em>(1936), <em>Ein einfaches Herz <\/em>(1937). Nicht minder erfolgreich waren die B\u00fccher von Annemarie Selinko, vor allem der im Fr\u00fchjahr 1937 erschienene Roman <em>Ich war ein h\u00e4\u00dfliches M\u00e4dchen. <\/em>So konnte man in der verlagseigenen Werbung f\u00fcr dieses Buch u.a. folgendes lesen: &#8222;Zum erstenmal hat eine Frau den Mut, \u00fcber die Hemmungen einer h\u00e4\u00dflichen Frau zu sprechen. (&#8230;) Zum erstenmal bilden die Qualen und die Technik moderner Sch\u00f6nheitspflege den Hintergrund eines Romans. Doch dieses Geschehen ist wirklich nur Hintergrund: der Autorin geht es dar\u00fcber hinaus um den Weg eines jungen Menschen ins Leben.&#8220; <a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\"><span class=\"Reference\">[6]<\/span><\/a> Auf dieses &#8222;Buch der M\u00e4dchen von heute&#8220; folgte anfangs 1938 der Roman <em>Morgen ist alles besser, <\/em>von welchem sofort 2.200 St\u00fcck abgesetzt werden konnten. Sp\u00e4ter wurde das Buch als &#8222;unerw\u00fcnscht&#8220; bezeichnet.<\/p>\n<p>Der letzte der Frauenromane kam 1938 bzw. 1939 auf den Markt, n\u00e4mlich Maria Osten-Sackens <em>Du nennst es Liebe. <\/em>Von der Startauflage von 3.000 St\u00fcck wurden in den ersten vier Monaten immerhin 1.200 Exemplare abgesetzt. Der Vollst\u00e4ndigkeit halber sei noch erw\u00e4hnt, da\u00df Hertha Paulis Bertha von Suttner-Roman <em>Nur eine Frau <\/em>auch 1937 im Zeitbild-Verlag herauskam. Auffallend bei der Produktion des Zeitbild-Verlags ist die relativ kleine Anzahl von \u00dcbersetzungen (z.B. Colette, <em>Die Katze), <\/em>etwas, das bei anderen \u00f6sterreichischen Verlagen besonders nach Mitte der 30er Jahre gang und g\u00e4be war.<\/p>\n<p>Bevor wir nun auf die Ereignisse nach dem M\u00e4rz 1938 und den &#8222;Verkauf&#8220; des Verlags Dr. Rolf Passer n\u00e4her eingehen, einige Hinweise zu den Marktbedingungen f\u00fcr diesen Verlag. Rolf Passer war zwar nicht &#8222;deutscher Jude&#8220; bzw. &#8222;Jude deutscher Staatsangeh\u00f6rigkeit&#8220; im Sinne der N\u00fcrnberger Rassengesetze, wohl aber tschechoslowakischer Jude. Auf den feinen Unterschied komme ich noch zu sprechen. Daher galt sein Unternehmen &#8211; neben vielen anderen &#8211; schon vor 1938 mit all den damit verbundenen Konsequenzen in den Augen v\u00f6lkischer Literaturbeobachter als &#8222;Judenverlag&#8220;. Mehr noch: \u00dcber die H\u00e4lfte der bei Passer erschienenen B\u00fccher wurde entweder vor oder nach dem &#8222;Anschlu\u00df&#8220; von der Reichsschrifttumskammer als &#8222;unerw\u00fcnscht&#8220; bezeichnet. Folglich waren sie &#8211; wie wir sehen werden &#8211; notgedrungen nach dem M\u00e4rz 1938 &#8222;unverwertbar&#8220;. Noch schlimmer war die Tatsache, da\u00df der Absatz dieser in Deutschland &#8222;unerw\u00fcnschten&#8220; B\u00fccher rund 85% des Umsatzes ausmachte. Da\u00df Passer beim Absatz seiner B\u00fccher im Deutschen Reich erhebliche Schwierigkeiten hatte und da\u00df er Opfer von Beschlagnahmungen gewesen sein d\u00fcrfte, ist belegt. <a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\"><span class=\"Reference\">[7]<\/span><\/a> Nur &#8211; und darin liegen eben die T\u00fccken, das besondere Kalk\u00fcl der Behinderungen \u00f6sterreichischer Verlage ganz allgemein &#8211; findet sich kein einziges <em>Werk <\/em>dieses Verlags im &#8222;Verzeichnis der seit 1933 im Deutschen Reich verbotenen B\u00fccher \u00f6sterreichischer Verlage&#8220; vom Fr\u00fchjahr 1937, auch nicht im Nachtrag vom Ende August 1937. Der scheinbare Widerspruch ist leicht erkl\u00e4rt: offizielle Verbote im Sinne der <em>Liste 1 des sch\u00e4dlichen und unerw\u00fcnschten Schrifttums <\/em>(Stand: Oktober 1935) waren &#8211; wie an anderer Stelle ausf\u00fchrlich dargestellt wird &#8211; nicht unbedingt erforderlich. Statt dessen schaffte man- bei der Einfuhr, beim Kontingent, beim Kommission\u00e4r, beim Ladenverkauf &#8211; &#8222;Schwierigkeiten&#8220;. Daf\u00fcr ein paar Beispiele. Obwohl weder in dem oben zitierten &#8222;Verzeichnis&#8220; noch in der soeben angesprochenen <em>Liste 1 <\/em>enthalten, machte Passer anl\u00e4\u00dflich der bevorstehenden Verhandlungen zwischen Deutschland und \u00d6sterreich einen hohen Beamten des Unterrichts-Ministeriums in Wien im M\u00e4rz 1937 darauf aufmerksam,<\/p>\n<p class=\"zitat\">da\u00df noch folgende drei B\u00fccher unseres Verlages in Deutschland nicht ausgeliefert werden d\u00fcrfen.<\/p>\n<p class=\"zitat\">Karl Tschuppik, Elisabeth, Kaiserin von \u00d6sterreich<\/p>\n<p class=\"zitat\">Alfred Adler, Der Sinn des Lebens<\/p>\n<p class=\"zitat\">Alfred Adler-Ernst Jahn, Religion und Individualpsychologie<\/p>\n<p class=\"zitat\">Bei dem ersten Buche handelt es sich um den bekannten \u00f6sterreichischen Publizisten Karl Tschuppik. In diesem Buche ist in keiner wie immer gearteten Weise gegen Deutschland Stellung genommen. Das Buch, das in wirklich vornehmer Weise das Leben der Kaiserin und das Kulturmilieu am \u00f6sterreichischen Hof schildert, hat immer ein gro\u00dfes Publikum in Deutschland gehabt. Bei den beiden anderen B\u00fcchern handelt es sich um den \u00f6sterreichischen Neurologen [sic!] Dr. Alfred Adler, der jetzt Professor in New York ist und dessen B\u00fccher sich nur mit menschlichen, psychologischen und erzieherischen Fragen befassen. Die B\u00fccher sind in fast alle Kultursprachen \u00fcbersetzt &#8230; <a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\"><span class=\"Reference\">[8]<\/span><\/a><\/p>\n<p>Die ministerielle Reaktion auf die Bitte Passers ist nicht weniger interessant und au\u00dferdem f\u00fcr die allgemeine Einstellung der \u00f6sterreichischen Ministerialb\u00fcrokratie leider sehr typisch:<\/p>\n<p class=\"zitat\">(&#8230;)<\/p>\n<p class=\"zitat\">Die in der zweiten beiliegenden Eingabe des Verlages PASSER genannten B\u00fccher von ADLER kommen wohl nicht f\u00fcr eine Intervention unsererseits in Frage, da ADLER in New York t\u00e4tig ist. Was TSCHUPPIKS &#8222;Kaiserin Elisabeth&#8220; betrifft, so glaube ich gleichfalls von einer Intervention abraten zu m\u00fcssen. <a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\"><span class=\"Reference\">[9]<\/span><\/a><\/p>\n<p>\u00c4hnliche Probleme hatte Passer zu dieser Zeit mit dem ersten Prosawerk Franz Theodor Csokors <em>\u00dcber die Schwelle <\/em>(1937), das weder zu diesem noch zu einem sp\u00e4teren Zeitpunkt je offiziell verboten war. Nur: seine Verbreitung war in Deutschland blo\u00df nicht &#8222;ang\u00e4ngig&#8220;. Selbst Anbiederungsversuche in <em>B\u00f6rsen<\/em>blatt-Anzeigen konnten nichts Positives erwirken. <a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\"><span class=\"Reference\">[10]<\/span><\/a><\/p>\n<p>Als &#8222;Judenverlag&#8220; hatte der Verlag Dr. Rolf Passer einen entsprechenden Leumund. <a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\"><span class=\"Reference\">[11]<\/span><\/a> Mit Branchenauskunft von \u00f6sterreichischen Herren wie Manfred Jasser und Josef Weinheber konnte der Herausgeber der <em>Neuen Literatur, <\/em>Will Vesper, ein gestrenges Urteil f\u00e4llen,<\/p>\n<p class=\"zitat\">\u00fcber den Verlag Dr. Rolf Passer (fr\u00fcher Epstein), der die schlimmsten Deutschenhasser wie Urzidil und den \u00fcblen Geschichtsf\u00e4lscher Tschuppik verlegt und Werke voll F\u00e4ulnis und Niedertracht nach Deutschland schmuggelt, wie das eben erschienene angeblich aus dem Amerikanischen \u00fcbersetzte Buch &#8222;Die Asiaten&#8220; von Frederic Prokosch, dem man sicher kein Unrecht tut, wenn man ihn f\u00fcr einen Juden h\u00e4lt. Jedenfalls sein &#8222;Roman einer Reise&#8220; ist j\u00fcdisch, nihilistisch und voll zersetzenden Geschw\u00e4tzes. Ein geistiger Warenhausschwindel f\u00fcr dumme Intellektuelle, der aber eine teuflische M\u00fcdigkeit und Lasterhaftigkeit ausstrahlt. (&#8230;)<\/p>\n<p class=\"zitat\">Es gen\u00fcgt aber nun keineswegs, da\u00df man eine einzelne solche Ratte erwischt und hinauswirft. Es gilt einen Weg zu finden, das deutsche Volk vor der schleichenden Hinterh\u00e4ltigkeit aller j\u00fcdischen Verlage der Welt unbedingt zu sch\u00fctzen. B\u00fccher aus Judenverlagen m\u00fcssen in deutschen Buchhandlungen als j\u00fcdisch gekennzeichnet werden. Kann man die Verleger drau\u00dfen nicht fassen, dann m\u00fcssen die deutschen Buchh\u00e4ndler selbst einen Weg finden, B\u00fccher aus Judenverlagen deutlich als solche kenntlich zu machen. Die Liste der offenen und getarnten Judenverlage kann jeweils mitgeteilt werden. Die B\u00fccher dieser Verlage m\u00fcssen dann ein deutliches Kennzeichen tragen, etwa den Stern Judas. Wir verlangen nichts als Offenheit. Wer kann dagegen sein oder sich dar\u00fcber beklagen, wenn er nicht im Dunkeln Sch\u00e4ndliches oder Sch\u00e4dliches zu verbergen hat? <a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\"><span class=\"Reference\">[12]<\/span><\/a><\/p>\n<h3><a class=\"none\" name=\"Heading3\"><\/a> Der Verlag ab M\u00e4rz 1938<\/h3>\n<p>Zumal rund 85% des Umsatzes gerade aus &#8222;unerw\u00fcnschten&#8220; &#8211; weil meist von j\u00fcdischen Autoren verfa\u00dften &#8211; Werken gewonnen wurden, ist nicht \u00fcberraschend, da\u00df der &#8222;Anschlu\u00df&#8220; zu einer Absatzstockung f\u00fchrte. Der einigerma\u00dfen florierende Verlag galt nun als &#8222;kaum lebensf\u00e4hig&#8220;. Die \u00fcbliche Alternative war entweder Liquidierung oder &#8222;Arisierung&#8220;, wobei dann letzterer Weg tats\u00e4chlich beschritten wurde. Obwohl &#8222;Jude&#8220;, scheint der Verlagsinhaber Dr. Rolf Passer eine gewisse Gnadenfrist gehabt zu haben, was m\u00f6glicherweise dadurch zu erkl\u00e4ren ist, da\u00df er Staatsb\u00fcrger der C.S.R. war. <a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\"><span class=\"Reference\">[13]<\/span><\/a> Am 14. Juli 1938 kam er dennoch der Pflicht nach, das &#8222;Verzeichnis \u00fcber das Verm\u00f6gen von Juden nach dem Stand vom 27. April 1938&#8220; abzugeben. Passer leitete den Verlag bis Juli 1938 pers\u00f6nlich in Wien, aber wohl in Erahnung einer schlimmeren Zukunft verreiste er nach Berlin, dann nach Prag, sp\u00e4ter nach Paris und schlie\u00dflich nach London, wo er auch gestorben ist. Der Verlag kam gleich unter kommissarische Verwaltung. Am 23. August wurde der sehr besch\u00e4ftigte Inhaber des Ostmark-Verlags, Dr. Gottfried Linsmayer, auch noch als kommissarischer Verwalter dieses Verlags ins Handelsregister eingetragen. Anschlie\u00dfend &#8211; also von April bis Juni 1939 wirkte derselbe als Treuh\u00e4nder. In dieser Funktion stand Linsmayer nicht nur per Bilanz 31. Dezember 1938 vor einer \u00dcberschuldung, sondern auch vor der Alternative: Liquidierung oder &#8222;Arisierung&#8220;. Er pl\u00e4dierte f\u00fcr eine &#8222;Arisierung&#8220; und schlo\u00df seine vornehmlich wirtschaftlichen Argumente mit folgender Feststellung ab:<\/p>\n<p class=\"zitat\">Au\u00dferdem w\u00fcrde Wien um einen Verlag \u00e4rmer, was das Ansehen Wiens als Verlagsstadt beeintr\u00e4chtigte und den ohnehin nicht sehr gut besch\u00e4ftigten Druckereien und Buchbindereien einen weiteren Umsatzschwund br\u00e4chte. <a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\"><span class=\"Reference\">[14]<\/span><\/a><\/p>\n<p>Als Kaufwerberin des zu arisierenden Verlags trat jemand auf, der seit Beginn des Unternehmens im Verlag t\u00e4tig war, n\u00e4mlich die Angestellte Therese Kirschner. Die am 23.8.1903 in Wien geborene Passer-Mitarbeiterin war nicht nur &#8222;Arierin&#8220;, sie war auch Mitglied der Reichsschrifttumskammer. Aber erst als feststellbar war, welche Schulden \u00fcbernommen werden m\u00fc\u00dften, reichte sie ihren Antrag im J\u00e4nner 1939 ein. Nun mu\u00dfte allerdings die komplizierte b\u00fcrokratische Prozedur ihren Lauf nehmen. Die Antragstellerin erkl\u00e4rte sich n\u00e4mlich trotz ung\u00fcnstiger Bilanz bereit, die Aktiven und Passiven des Verlags zu \u00fcbernehmen unter der Voraussetzung, da\u00df der Passivsaldo durch die Vorschreibung einer Arisierungsauflage nicht noch erh\u00f6ht werde.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zum \u00e4u\u00dferen Anschein, zu einer Auffassung, zu der man vielleicht durch die Emsigkeit der tausenden &#8222;wilden Kommissare&#8220; nach dem 13. M\u00e4rz 1938 gehangen k\u00f6nnte, war die rechtm\u00e4\u00dfige &#8222;Arisierung&#8220;, also der &#8222;Kauf&#8220; und &#8222;Verkauf&#8220; des Verlagsunternehmens, eine langwierige und kostspielige Sache. Um eben den &#8222;richtigen&#8220; Kaufpreis zu ermitteln, mu\u00dfte von einer einschl\u00e4gigen Firma eine aufwendige Sonderpr\u00fcfung vorgenommen werden, f\u00fcr die der Ariseur zu zahlen hatte. Dieser Umstand wurde aber letztlich dadurch vers\u00fc\u00dft, da\u00df &#8211; selbst unter Ber\u00fccksichtigung der gewaltigen Entwertung des Betriebswerts (unverwertbare Lagerbest\u00e4nde, Beschlagnahmungen, Unm\u00f6glichkeit, von zwangsliquidierten Firmen im Inland bzw. Firmen im Ausland Au\u00dfenst\u00e4nde einzutreiben) &#8211; der &#8222;Kaufpreis&#8220; mehr Okkasionspreis war. Die \u00dcbernahme des Verlags Dr. Rolf Passer durch Kirschner wurde, obwohl kein Kaufvertrag vorlag, am 2. Mai 1939 genehmigt. Das war insofern ungew\u00f6hnlich, als zwei Antr\u00e4ge &#8211; einer auf Ver\u00e4u\u00dferung, einer auf Erwerb &#8211; in der Regel vorliegen mu\u00dften.<\/p>\n<p>Wenn man davon ausgeht, da\u00df Passer in seiner Verm\u00f6gensanmeldung Mitte Juli 1938 seinen 2\/3-Anteil an der Firma mit 22.000 RM <em>bewertete <\/em>(also Gesamtwert ca. 33.000 RM), so erscheint der von der Verm\u00f6gensverkehrsstelle, Abteilung Auflagenberechnung, &#8222;zugelassene Kaufpreis&#8220; &#8211; er wurde von den Pr\u00fcfern ermittelt &#8211; von 1,031,59 RM nicht \u00fcbertrieben hoch. Aber man soll nicht meinen, da\u00df dieser &#8222;Kaufpreis&#8220; etwas mit einem allf\u00e4lligen Verk\u00e4ufer (etwa Passer) im \u00fcblichen Sinn zu tun hatte. Dieser Betrag nannte sich &#8222;Entjudungserl\u00f6s&#8220; und war auf ein entsprechendes gesperrtes Konto zugunsten der Devisenstelle Wien einzuzahlen. Zus\u00e4tzlich hatte die Erwerberin, in diesem Fall Frau Therese Kirschner, eine sogenannte &#8222;Entjudungsauflage&#8220; zu zahlen. In der Arisierung des Verlags Dr. Rolf Passer betrug diese Summe 154,74 RM. <a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\"><span class=\"Reference\">[15]<\/span><\/a><\/p>\n<p>Eine \u00c4nderung des &#8222;j\u00fcdischen&#8220; Firmawortlauts war nur eine Frage der Zeit. Im Dezember 1940 hie\u00df er nunmehr &#8222;Verlag Therese Kirschner&#8220;. Die &#8222;neue&#8220; Firma wurde am 10. Dezember 1940 unter HRA 7993 ins Wiener Handelsregister eingetragen. Die L\u00f6schung erfolgte am 28. September 1972.<\/p>\n<p>Der bereits zitierte umfang- und detailreiche Bericht \u00fcber die beim Verlag Dr. Rolf Passer vorgenommene Sonderpr\u00fcfung gibt uns \u00fcber einen Aspekt der Arisierung Aufschlu\u00df, der meist Gegenstand von irriger Spekulation ist. Die Informationen in diesem Bericht erlauben ganz generelle Aussagen \u00fcber die Frage der Verwertung von Autorenrechten, in diesem Fall von j\u00fcdischen Autoren nach der Macht\u00fcbernahme in \u00d6sterreich. Denn so paradox es angesichts der sonstigen Brutalit\u00e4t und Barbarei erscheinen mag, war es keineswegs so, da\u00df diese vertraglich gesicherten Rechte einfach null und nichtig waren, sich in Luft aufl\u00f6sten oder ein Posten waren, den man von nun ab ignorieren konnte. Im Gegenteil: sie wurden &#8211; man m\u00f6chte fast sagen: \u00e4ngstlich &#8211; respektiert. Nach dem &#8222;Anschlu\u00df&#8220; mu\u00dften sowohl Verlagswerke als auch Lagervorr\u00e4te in erw\u00fcnschte und unerw\u00fcnschte B\u00fccher (letztere zumeist von j\u00fcdischen Autoren) gegliedert werden. Laut der Ergebnisse der Pr\u00fcfung vom August 1939 handelte es sich im ersten Fall um eine St\u00fcckzahl von 27.708, im zweiten um eine von 17.343. Letztere (g\u00e4nzlich unverk\u00e4uflich gewordene B\u00fccher) hatten einen &#8222;Stampfwert&#8220; von 10 bis 30 Pfennig pro kg.! In dieser Kategorie gab es zwei Arten von &#8222;unerw\u00fcnschten B\u00fcchern&#8220;, n\u00e4mlich die, die beschlagnahmt wurden, und die, die verkauft werden durften, wenn sie verlangt wurden. So konnten die Betriebspr\u00fcfer etwa feststellen, da\u00df noch in den ersten vier Monaten des Jahres 1939 &#8222;einzelne B\u00fccher (des Passer-Verlags &#8230;) von auswandernden Juden vor ihrer Abreise angekauft wurden&#8220; (&#8222;Bericht&#8220;, Bl. 19).<\/p>\n<p>Wie aus dem entsprechenden Abschnitt des Pr\u00fcfberichts hervorgeht, herrschte noch 1 1\/2 Jahre nach dem &#8222;Anschlu\u00df&#8220; Unsicherheit hinsichtlich der Forderungen j\u00fcdischer und anderer Autoren. Das Guthaben wurde mit 4.609,40 RM errechnet:<\/p>\n<p class=\"zitat\">AUTOREN RM 4.609,40.<\/p>\n<p class=\"zitat\">48. Es handelt sich um Guthaben von 21 Autoren aus deren Honoraren (10% vom Verkaufspreis der abgesetzten B\u00fccher), soweit sie bis 30. April 1939 abgerechnet sind, und zwar:<\/p>\n<p class=\"zitat\">\n<table id=\"tablepress-17\" class=\"tablepress tablepress-id-17\">\n<tbody class=\"row-hover\">\n<tr class=\"row-1\">\n\t<td class=\"column-1\"><\/td><td class=\"column-2\"><\/td><td class=\"column-3\">RM<\/td><td class=\"column-4\">RM<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"row-2\">\n\t<td class=\"column-1\">Ausland: <\/td><td class=\"column-2\">Amerika, nicht arische Autoren<\/td><td class=\"column-3\">929.46<\/td><td class=\"column-4\"><\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"row-3\">\n\t<td class=\"column-1\"><\/td><td class=\"column-2\">England, arische Autoren <\/td><td class=\"column-3\">181.11<\/td><td class=\"column-4\"><\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"row-4\">\n\t<td class=\"column-1\"><\/td><td class=\"column-2\">Protektorat, arische Autoren <\/td><td class=\"column-3\">723.88<\/td><td class=\"column-4\">1.834,45<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"row-5\">\n\t<td class=\"column-1\">Inland: <\/td><td class=\"column-2\">Arische Autoren <\/td><td class=\"column-3\">1142.8<\/td><td class=\"column-4\"><\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"row-6\">\n\t<td class=\"column-1\"><\/td><td class=\"column-2\">Nichtarische Autoren <\/td><td class=\"column-3\">1632.15<\/td><td class=\"column-4\">2.774,95<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"row-7\">\n\t<td class=\"column-1\"><\/td><td class=\"column-2\"><\/td><td class=\"column-3\"><\/td><td class=\"column-4\">4.609,40<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<!-- #tablepress-17 from cache --><\/p>\n<p class=\"zitat\">49. Hierzu ist zu bemerken, da\u00df nicht feststeht, ob alle nichtarischen Autoren ihre Forderungen im Sinne der gesetzlichen Anordnungen ordnungsgem\u00e4\u00df angemeldet haben und somit geltend machen werden, bzw. k\u00f6nnen. Besonders zweifelhaft erscheint dies bei dem in der Zwischenzeit nach Amerika ausgewanderten und dort verstorbenen Nichtarier Prof. Adler, dessen buchm\u00e4\u00dfiges Guthaben 929,46 RM betr\u00e4gt. Mit den inl\u00e4ndischen nichtarischen Autorenforderungen (1.632,15 RM) betragen die Guthaben aller j\u00fcdischen Autoren 2.561,61 RM<\/p>\n<p class=\"zitat\">Sofern diese Forderungen nicht geltend gemacht werden, w\u00fcrde auch dieser Betrag das Statusverm\u00f6gen erh\u00f6hen, worauf bei der Feststellung des Kaufpreises R\u00fccksicht zu nehmen oder Vorbehalte zu machen w\u00e4ren.<\/p>\n<p class=\"zitat\">(&#8222;Bericht&#8220;, Bl. 23)<\/p>\n<p>Man kann wohl annehmen, da\u00df es f\u00fcr Autoren &#8211; noch dazu &#8222;nichtarische&#8220; &#8211; eher ein aussichtsloses Unterfangen gewesen w\u00e4re, zu versuchen, zu ihren rechtm\u00e4\u00dfigen Guthaben zu kommen.<\/p>\n<h3><a class=\"none\" name=\"Heading4\"><\/a> Anmerkungen<\/h3>\n<p class=\"Note\"><a href=\"#_ftnref1\" target=\"text\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> F\u00fcr diesen Abschnitt herangezogenes Quellenmaterial: Handelsgericht Wien. Registerakt Verlag Dr. Rolf Passer\/Verlag Dr. Hans Epstein, Reg. A 59, 144a; umgeschrieben 1940 nach HRA 7767, gel\u00f6scht, umgeschrieben nach HRA 7993 (= &#8222;Verlag Therese Kirschner&#8220;), gel\u00f6scht September 1972. Akt im Depot des Handelsgerichts Wien; Akt Gremium\/Epstein, Passer; Befragung Frau Therese Kirschner, verehelicht M\u00f6gle, Wien; AVA, BMfHuV, VVSt, Kt. 16, V.A. 03550, Dr. Rolf Passer; AVA, BMfHuV, VVSt, Handels-Anmeldung, Ha 8841, darin u.a. &#8222;1. Bericht&#8220; \u00fcber die Firma Dr. Rolf Passer vom Treuh\u00e4nder Dr. Gottfried Linsmayer und der 31 Seiten lange Bericht der Deutschen Revisions- und Treuhand A.G. Wien vom 24.8.1939 \u00fcber die bei der Firma Verlag Dr. Rolf Passer vorgenommene Sonderpr\u00fcfung; Archiv, Buchgewerbehaus Wien.<\/p>\n<p class=\"Note\"><a href=\"#_ftnref2\" target=\"text\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Zitiert nach dem &#8222;Bericht der Deutschen Revisions- und Treuhand-Aktiengesellschaft Zweigniederlassung Wien \u00fcber die bei der Firma Dr. Rolf Passer, Verlag, Wien I, Kramergasse 9, vorgenommene Sonderpr\u00fcfung&#8220;. Siehe Anm. 1. Im folgenden als &#8222;Bericht&#8220; mit Blattzahl abgek\u00fcrzt zitiert.<\/p>\n<p class=\"Note\"><a href=\"#_ftnref3\" target=\"text\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Siehe <em>Anzeiger, <\/em>Nr. 9, 27.2.1932, S. 4.<\/p>\n<p class=\"Note\"><a href=\"#_ftnref4\" target=\"text\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> <em>Anzeiger, <\/em>Nr. 19, 7.5.1932, S. 2.<\/p>\n<p class=\"Note\"><a href=\"#_ftnref5\" target=\"text\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Zum Verfahren siehe u.a. <em>Neues Wiener Tagblatt, <\/em>2.5.1932.<\/p>\n<p class=\"Note\"><a href=\"#_ftnref6\" target=\"text\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> <em>Anzeiger, <\/em>Nr. 8, 3.4.1937, S 51.<\/p>\n<p class=\"Note\"><a href=\"#_ftnref7\" target=\"text\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Dies dr\u00fcckt sich in seiner Anwesenheit bei einer sehr schwach besuchten Sitzung des Vereins der \u00f6sterreichischen Buch-, Kunst- und Musikalienh\u00e4ndler bez\u00fcglich Beschlagnahmung von B\u00fcchern \u00f6sterreichischer Verlage im Deutschen Reich am 7. Mai 1936 aus. Siehe Archiv, Buchgewerbehaus, V 1936, Mappe 433.<\/p>\n<p class=\"Note\"><a href=\"#_ftnref8\" target=\"text\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> AVA, BMU, 24 D Zeitschriften, Zl. 13.687-I-1\/37. Schreiben Dr. Rolf Passer vom 4.3.1937 an Sektionschef Loewenstein.<\/p>\n<p class=\"Note\"><a href=\"#_ftnref9\" target=\"text\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Ebenda, Amtserinnerung vom 19.4.1937.<\/p>\n<p class=\"Note\"><a href=\"#_ftnref10\" target=\"text\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> So hat Passer im April 1935 in einer Anzeige ein &#8222;Einmaliges Vorzugsangebot&#8220; (JOSEF FRANKLS <em>M\u00fctter. Schicksale des M\u00fcttertums<\/em>, (zuerst 1931 bei Epstein) angepriesen und sich &#8222;Mit deutschem Gru\u00df&#8220; verabschiedet. Diese Geschmacklosigkeit ortete und kommentierte die streng anti-nationalsozialistisch eingestellte Wiener Wochenzeitung <em>Der Morgen <\/em>am 29.4.1935 (S. 11): &#8222;Man wird auf diesen Verlag aufpassen m\u00fcssen.&#8220;<\/p>\n<p class=\"Note\"><a href=\"#_ftnref11\" target=\"text\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> &#8222;Judenverlage sind (&#8230;) Dr. Rolf Passer Verlag (&#8230;).&#8220; (In: <em>Die Neue Literatur, <\/em>39. Jg., Heft 1, Januar 1938, S. 45.<\/p>\n<p class=\"Note\"><a href=\"#_ftnref12\" target=\"text\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Ebenda, Heft 2, Februar 1937, S. 104.<\/p>\n<p class=\"Note\"><a href=\"#_ftnref13\" target=\"text\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Dazu AVA, BMfHuV, VVSt, V.A. 03550, Dr. Rolf Passer. In der Anlage zum &#8222;Verzeichnis&#8220; hei\u00dft es: &#8222;Ich bin tschechoslowakischer Staatsangeh\u00f6riger und glaube, nicht anmeldepflichtig zu sein, da meine Gro\u00dfmutter m\u00fctterlicherseits Arierin war. Auch v\u00e4terlicherseits d\u00fcrfte ein Gro\u00dfelternteil arisch gewesen sein, doch konnte ich bisher den Nachweis nicht erbringen, da ich die entsprechenden Dokumente aus der Tschechoslowakei noch nicht erhielt. Um aber keine Vers\u00e4umnis zu begehen, gebe ich im Nachstehenden meine Verm\u00f6gensanmeldung ab.&#8220;<\/p>\n<p class=\"Note\"><a href=\"#_ftnref14\" target=\"text\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Zitiert nach dem &#8222;1. Bericht \u00fcber die Firma Dr. Rolf Passer Verlag Wien 1, Kramergasse 9&#8220;. Quelle, S. Anm. 1.<\/p>\n<p class=\"Note\"><a href=\"#_ftnref15\" target=\"text\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> AVA, BMfHuV, VVSt, Ha 8841. Verf\u00fcgung der VVSt vom 18. Oktober 1939.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Verlag Dr. Hans Epstein (Verlag Dr. Rolf Passer, Zeitbild-Verlag) (Wien-Leipzig)[1] Produktion bis zum &#8222;Anschlu\u00df&#8220; Zeitbild-Verlag Der Verlag ab M\u00e4rz 1938 Der am 4. Juli 1897 in Wien geborene Dr. Hans Epstein gr\u00fcndete nach Absolvierung der Buchhandelslehre bei Ernst Peter Tal im J\u00e4nner 1927 in der elterlichen Wohnung einen Buchverlag unter\u2026<\/p>\n<p> <a class=\"continue-reading-link\" href=\"http:\/\/verlagsgeschichte.murrayhall.com\/?page_id=262\"><span>Continue reading<\/span><i class=\"crycon-right-dir\"><\/i><\/a> <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"parent":149,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-262","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/verlagsgeschichte.murrayhall.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/262","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/verlagsgeschichte.murrayhall.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"http:\/\/verlagsgeschichte.murrayhall.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/verlagsgeschichte.murrayhall.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/verlagsgeschichte.murrayhall.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=262"}],"version-history":[{"count":12,"href":"http:\/\/verlagsgeschichte.murrayhall.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/262\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1703,"href":"http:\/\/verlagsgeschichte.murrayhall.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/262\/revisions\/1703"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/verlagsgeschichte.murrayhall.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/149"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/verlagsgeschichte.murrayhall.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=262"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}