{"id":608,"date":"2015-09-11T21:18:34","date_gmt":"2015-09-11T19:18:34","guid":{"rendered":"http:\/\/verlagsgeschichte.murrayhall.com\/?page_id=608"},"modified":"2015-11-22T10:56:56","modified_gmt":"2015-11-22T08:56:56","slug":"strom-verlag-wien","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/verlagsgeschichte.murrayhall.com\/?page_id=608","title":{"rendered":"Strom-Verlag (Wien)"},"content":{"rendered":"<h3>Strom-Verlag (Wien) <span style=\"font-size: 0.7em; vertical-align: top;\"><a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/span><\/h3>\n<h6><\/h6>\n<p>Vielf\u00e4ltig waren die Versuche, vor allem in den Jahren unmittelbar nach Ende des Ersten Weltkriegs, &#8222;billige B\u00fccher&#8220; vorwiegend \u00f6sterreichischer Autoren f\u00fcr ein breitgestreutes, lesehungriges, aber nicht verm\u00f6gendes Publikum zu produzieren. Zun\u00e4chst einmal war an eine Konkurrenz f\u00fcr die Reclam-Hefte, die man preislich unterbieten wollte, gedacht. Billig-Buch-Reihen hat es in mehreren Verlagen im Laufe der Ersten Republik gegeben. In \u00e4hnlicher Weise gab es Bestrebungen, &#8222;die modernsten und angesehensten Schriftsteller&#8220;, &#8222;Meisterwerke der zeitgen\u00f6ssischen Literatur&#8220; nicht in Fortsetzungen, sondern abgeschlossen in einem Heft, auf Zeitungspapier gedruckt und in der Form einer Zeitschrift (periodischen Druckschrift), anzubieten. Deren Vertrieb und Verkauf scheiterte allerdings nicht nur an der Kleinkariertheit der organisierten Buchh\u00e4ndler, sondern auch an Gummiparagraphen in den einschl\u00e4gigen Gesetzen.<\/p>\n<p>Im April 1929 entschlo\u00df sich der Leiter des Ende 1923 gegr\u00fcndeten und im J\u00e4nner 1924 ins Wiener Handelsregister eingetragenen Phaidon-Verlags, Dr. B\u00e9la Horovitz (18.4.1898, Budapest-8.3.1955, New York), zusammen mit dem Schriftsteller, Rechtsanwalt und Phaidon-Verlag-Autor Dr. Julius Hajdu (8.5.1866-?) einen neuen Verlag zu gr\u00fcnden. Dieser hie\u00df &#8222;Strom-Verlag Ges.m.b.H.&#8220;, hatte seinen Sitz in Wien IV., Argentinierstra\u00dfe 29 und wurde am 30.4.1929 mit einem Stammkapital von S 20.000 ins Handelsregister eingetragen (Register C, Band 39, Pagina 131). Betriebsgegenstand war der &#8222;Verlag von B\u00fcchern und Zeitschriften&#8220;. Kollektivprokurist war einer der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des Phaidon-Verlags, Ludwig Goldscheider (1896-1973). Beide Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer, Horovitz und Hajdu, verpflichteten sich laut \u00a7 VIII des Gesellschaftsvertrags vom 13.4.1929, &#8222;durch regelm\u00e4\u00dfige pers\u00f6nliche T\u00e4tigkeit die Agenden der Gesellschaft nach bestem Wissen und Gewissen zu f\u00fchren. F\u00fcr diese Leistung sind sie berechtigt, eine Verg\u00fctung in gleicher H\u00f6he zu beanspruchen. Die Bemessung dieser Verg\u00fctung geschieht in der Weise, da\u00df die genannten Gesellschafter ein monatliches Einkommen genie\u00dfen, dessen H\u00f6he dem \u00fcblichen Gehalt eines Verlagsdirektors gleichkommt.&#8220; (Registerakt)<\/p>\n<p>Die Verlagsproduktion bestand lediglich aus einer einzigen Zeitschrift: <em>Die Roman-Rundschau. <\/em>Verantwortlicher Redakteur war Ludwig Goldscheider, sp\u00e4ter Oskar Maurus Fontana (1889-1969). In einer Anzeige vom 10.5.1929 <em>(Anzeiger, <\/em>Nr. 19, 10.5.1929, S. 142) werden gleich die ersten 12 geplanten Hefte der <em>Roman-Rundschau, <\/em>welche monatlich zweimal zur Ausgabe gelangen sollte, angek\u00fcndigt. Da liest man:<\/p>\n<p class=\"zitat\">Wer die Roman-Rundschau regelm\u00e4\u00dfig bezieht, gelangt f\u00fcr wenig Geld in den Besitz eines Lesestoffes, der eine teure Bibliothek ersetzt.<\/p>\n<p class=\"zitat\">Die Roman-Rundschau r\u00e4umt mit dem Aberglauben auf, da\u00df das Publikum am liebsten Schund liest. Gute Kunst wendet sich an jeden empf\u00e4nglichen Menschen.<\/p>\n<p class=\"zitat\">Die ersten 12 Hefte werden bringen:<\/p>\n<p class=\"zitat\">1. Bernhard Kellermann, <em>Schwedenklees Erlebnis<\/em>.<br \/>\n2. H.G. Wells, <em>Der Unsichtbare<\/em>.<br \/>\n3. Stefan Zweig, <em>Der Zwang<\/em>.<br \/>\n4. Georg von der Vring, <em>Soldat Suhren<\/em>.<br \/>\n5. Frank Heller, <em>Marco Polos Millionen<\/em>.<br \/>\n6. Jack London, <em>Vagabunden<\/em>.<br \/>\n7. Arthur Schnitzler, <em>Dr. Gr\u00e4sler, Badearzt<\/em>.<br \/>\n8. Upton Sinclair, <em>Samuel, der Suchende<\/em>.<br \/>\n9. Jakob Wassermann, <em>Die Schwestern<\/em>.<br \/>\n10. Sinclair Lewis, <em>Mantrap<\/em>.<br \/>\n11. Gustav Meyrink, <em>Das gr\u00fcne Gesicht<\/em>.<br \/>\n12. Lion Feuchtwanger, <em>Die h\u00e4\u00dfliche Herzogin<\/em>.<\/p>\n<p>Neben einem abgeschlossenen Roman oder Novellenzyklus enthielt ein ca. 128 Seiten starkes Heft auch Kurzbesprechungen von Romanneuerscheinungen und kleinere Aufs\u00e4tze zur Literatur.<\/p>\n<p>Die Reihe wurde wegen des volksbildnerischen Aspekts und des Preises mit Begeisterung aufgenommen. Jack London und Upton Sinclair waren zu dieser Zeit beliebte Autoren, und die Reihe kam sozialdemokratischen Bildungsbestrebungen entgegen. <a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><span class=\"Reference\">[2]<\/span><\/a><\/p>\n<p>Die Hefte &#8211; und das waren sie ja &#8211; durften nach den Vereinbarungen mit den Autoren nur einmal und in beschr\u00e4nkter Auflage gedruckt werden. Man konnte &#8222;die gr\u00f6\u00dften Autoren der Gegenwart f\u00fcr 1 Mark&#8220; (Eigenwerbung) bzw. S 1,80 erwerben, also um einen Bruchteil dessen, was gebundene Ausgaben zu dieser Zeit kosteten. Obwohl die meisten Titel freilich Nachdrucke darstellten, waren immerhin Erstdrucke darunter (Kellermann, Zweig, London). Von den geplanten 12 Heften konnten die letzten zwei in der <em>Roman-Rundschau <\/em>nicht mehr erscheinen, aber das lag gewi\u00df nicht am mangelnden Anspruch oder Erfolg. Daf\u00fcr hat es einige Gr\u00fcnde gegeben. Horovitz besa\u00df zwar eine Konzession f\u00fcr den Phaidon-Verlag, nicht aber f\u00fcr den Strom-Verlag, und damit konnten die Neider ihm eins auswischen. Er wurde mehrmals von der Korporation der Wiener Buch-, Kunst- und Musikalienh\u00e4ndler gemahnt. Am 27. Februar 1930 hat er sich schlie\u00dflich um eine Berechtigung beworben und am 7. August desselben Jahres die Konzession auch verliehen bekommen. Es war aber bereits zu sp\u00e4t: kurz nach dem Erscheinen der ersten Hefte besiegelte ein weiteres Problem praktisch das Schicksal des Verlags und machte die erfolgversprechenden Bem\u00fchungen, Literatur zum kleinen Preis anzubieten, zunichte.<\/p>\n<p>Die Korporation machte Horovitz n\u00e4mlich schon Mitte Juni 1929 darauf aufmerksam, &#8222;da\u00df die ,Roman-Rundschau&#8220; keine Zeitschrift, sondern ein Buch darstellt und daher Ihre Firma sich um eine Konzession bewerben mu\u00df&#8220;. W\u00e4hrend Horovitz diese letztere indirekte Aufforderung monatelang erfolgreich ignorierte, hatte er gegen die Mitteilung der Korporation Rekurs eingelegt und nachher einen abschl\u00e4gigen Bescheid bekommen. In einem Schreiben der Wiener Polizei an die Korporation vom 15.7.1929 hei\u00dft es:<\/p>\n<p class=\"zitat\">Wien, am 15. Juli 1929<br \/>\nP.B. 594\/1929<br \/>\nDruckwerk: ,Die Roman Rundschau&#8220;<br \/>\nAberkennung des Zeitschriftencharakters (\u00a7 2 Pr.G.)<br \/>\n(&#8230;)<br \/>\nDie Bundespolizeidirektion hat mit Bescheid vom 5. Juli 1929, den Vertreter Dr. B\u00e9la Horovitz des Stromverlages, welcher die &#8222;Roman-Rundschau&#8220; herausgibt, verst\u00e4ndigt, da\u00df die &#8222;Roman-Rundschau&#8220; nicht den Bedingungen des \u00a7 2, Abs. 2 des Bundesgesetzes \u00fcber die Presse vom 7. April 1922, B.G.Bl. Nr. 218 entspricht und daher auch nicht (&#8230;) auf der Stra\u00dfe und an anderen \u00f6ffentlichen Orten im Kolportagewege vertrieben werden darf. (&#8230;)<\/p>\n<p>Sieht man den betreffenden Paragraphen des Pre\u00dfgesetzes n\u00e4her an, kann man nur schlie\u00dfen, da\u00df irgendwer aus Neid- und Konkurrenzgr\u00fcnden dem Strom-Verlag nicht sehr wohl gesinnt war. Denn die Aberkennung des Zeitschriftencharakters war eine Groteske. \u00a7 2 Pr.G., Abs. 2 lautete: Periodische Druckschriften sind Druckwerke, die in Zwischenr\u00e4umen von h\u00f6chstens drei Monaten in st\u00e4ndiger Folge erscheinen. Zum Zeitpunkt dieses Bescheids war die <em>Roman-Rundschau <\/em>nicht einmal sechs Wochen auf dem Markt! Rekurs gegen diese h\u00f6chst dubiose Entscheidung fruchtete nichts &#8230;<\/p>\n<p>Ein letzter Grund f\u00fcr den Untergang des Strom-Verlags geht aus dem Registerakt hervor: schon nach etwas mehr als eineinhalb Jahren nach Beginn des Unternehmens am 10.12.1930 findet eine Generalversammlung der Gesellschafter des Strom-Verlags unter dem Vorsitz von Horovitz statt. Auf der Tagesordnung steht ein einziger Punkt: die Liquidation der Gesellschaft. Horovitz teilte mit, &#8222;da\u00df seit der letzten Jahresbilanz (d.i. April 1930) die T\u00e4tigkeit der Gesellschaft ausschlie\u00dflich im Eintreiben von Au\u00dfenst\u00e4nden bestand, der Verm\u00f6gensstand der Gesellschaft ist daher seit dieser Zeit unver\u00e4ndert geblieben.<\/p>\n<p>Da sohin unter den gegebenen Verh\u00e4ltnissen eine gewinnbringende Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung nicht zu erwarten ist, schl\u00e4gt er vor, die Generalversammlung wolle die Aufl\u00f6sung und die Liquidation der Gesellschaft beschlie\u00dfen&#8220; (Versammlungsprotokoll, 10.12.1930, Registerakt).<\/p>\n<p>Mitte J\u00e4nner 1931 werden die Gl\u00e4ubiger mittels Anzeige in der <em>Wiener Zeitung <\/em>aufgefordert, sich zu melden. Am 10.6.1931 sind die Forderungen geregelt, die Passiven getilgt und die Aktiven verwertet. Neun Tage sp\u00e4ter wird die Firma Strom-Verlag Ges.m.b.H. aus dem Handelsregister gel\u00f6scht. Am 16. Juli 1931 wird die Gewerbeberechtigung zur\u00fcckgelegt.<\/p>\n<h3><a class=\"none\" name=\"Heading1\"><\/a> Anmerkungen<\/h3>\n<p class=\"Note\"><a href=\"#_ftnref1\" target=\"text\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Quellenhinweise: Handelsgericht Wien. Registerakt C 39, 131 (WrStLa); Akt Gremium\/Strom-Verlag.<\/p>\n<p class=\"Note\"><a href=\"#_ftnref2\" target=\"text\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Dazu die Besprechung von F.R., in: <em>Bildungsarbeit <\/em>(Wien), XVI. Jg., Nr. 12, Dezember 1929, S. LXIV. Eine eingehende Analyse dieses Komplexes liefert Alfred Pfoser, in: <em>Literatur und Austromarxismus<\/em>. Wien: L\u00f6cker Verlag, 1980, S. 81.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Strom-Verlag (Wien) [1] Vielf\u00e4ltig waren die Versuche, vor allem in den Jahren unmittelbar nach Ende des Ersten Weltkriegs, &#8222;billige B\u00fccher&#8220; vorwiegend \u00f6sterreichischer Autoren f\u00fcr ein breitgestreutes, lesehungriges, aber nicht verm\u00f6gendes Publikum zu produzieren. Zun\u00e4chst einmal war an eine Konkurrenz f\u00fcr die Reclam-Hefte, die man preislich unterbieten wollte, gedacht. 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