{"id":88,"date":"2015-09-01T20:58:00","date_gmt":"2015-09-01T18:58:00","guid":{"rendered":"http:\/\/verlagsgeschichte.murrayhall.com\/?page_id=88"},"modified":"2016-01-06T18:44:12","modified_gmt":"2016-01-06T16:44:12","slug":"ii-aspekte-der-entwicklung-des-verlagswesens-in-der-republik-bis-1932","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/verlagsgeschichte.murrayhall.com\/?page_id=88","title":{"rendered":"II. Aspekte der Entwicklung des Verlagswesens in der Republik bis 1932"},"content":{"rendered":"<h3>II. Aspekte der Entwicklung des Verlagswesens in der Republik bis 1932<\/h3>\n<h6><\/h6>\n<p>Das, was man traditionell vor 1918 aufrichtig bedauerte, n\u00e4mlich das Fehlen einheimischer belletristischer Verlage, mu\u00dfte man ab 1919 nicht mehr resignierend konstatieren. Gerade als Paradoxon zur wirtschaftlichen Lage, zur Zeit \u00e4rgster wirtschaftlicher und sozialer Not, erlebte das Verlegen sch\u00f6ner Literatur in \u00d6sterreich eine einmalige Bl\u00fcte. Andererseits ist diese &#8222;Pilzatmosph\u00e4re&#8220; so etwas wie ein Spiegelbild der wirtschaftlichen Entwicklung in \u00d6sterreich. Noch war die Ausgangslage der neuen Verlagsunternehmen anders als die der schon vor dem Krieg existierenden, etablierten und spezialisierten Verlage. Solche Verleger von Schulb\u00fcchern, Gesetzeswerken, verwaltungstechnischen B\u00fcchern und dgl., aber auch der Buchhandel waren auf die Bed\u00fcrfnisse der ganzen Doppelmonarchie abgestimmt. Sie mu\u00dften sich infolge des Zusammenbruchs mit den gewaltigen Gebietsabtretungen und der Tatsache abfinden, da\u00df Deutsch\u00f6sterreich nur mehr 22 % der Bev\u00f6lkerung des alten \u00d6sterreich umschlo\u00df. F\u00fcr die neuen Verlagsanstalten hingegen waren diese politischen Folgen des Kriegs eigentlich unerheblich.<\/p>\n<p>Verbl\u00fcffend ist nicht nur die gro\u00dfe Anzahl der vor allem in den ersten f\u00fcnf Jahren der jungen Republik neugegr\u00fcndeten Verlage, die programmatisch oft deckungsgleich und furchtlos der jungen \u00f6sterreichischen Literatur eine Heimst\u00e4tte bieten wollten. Genauso auffallend war ihre Kurzlebigkeit. Schuld an der Tatsache, da\u00df mehr als ein Dutzend junger Verlage nicht oder gerade noch die Mitte der 20er Jahre erlebten, war nicht die wirtschaftliche Entwicklung allein. Dazu geh\u00f6rten auch Unerfahrenheit, Konzeptlosigkeit und schlechte Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung.<\/p>\n<p>Ein alles andere als wehm\u00fctiges Bild dieser Anfangssituation zeichnet ein &#8222;junger \u00d6sterreicher&#8220; und Verlagswechsler namens Carl Julius Haidvogel Ende der 20er Jahre:<\/p>\n<p class=\"zitat\"><em> Gro\u00dfe Vorzeichen standen am Beginn unserer Epoche: Krieg und Umsturz. Die Gelegenheit, sich in diesen Tagen k\u00fcnstlerisch durchzusetzen, schien, an der wirtschaftlichen Konstellation betrachtet, schlechter denn je, Doch sonderbar &#8211; damals war B\u00fccherverlegen Konjunktur. Das klingt nicht so paradox, bedenkt man, da\u00df um diese Zeit so ziemlich alles Gesch\u00e4ftemachen Konjunktur bedeutete. Also auch Literatur. in der Pilzatmosph\u00e4re der ewigen Krisenschw\u00fcle schossen die neuen Verlage auf. Abgetakelte Existenzen des Weltkrieges, Mokkaliteraten, sehr viel zugereiste und bodenst\u00e4ndige W\u00e4hrungsverdiener &#8222;machten&#8220; in B\u00fcchern. Die ersch\u00fctterte Wirtschaftslage war ihnen geschickter Vorwand f\u00fcr seilt\u00e4nzerische Gesch\u00e4ftsgebarung. Die Fragw\u00fcrdigkeit solcher Gesch\u00e4ftsbeziehungen mu\u00dfte nat\u00fcrlich schmackhaft verzuckert werden. Was lag n\u00e4her als mit dem Schlagwort &#8222;den Jungen helfen&#8220; das Verlagsgesch\u00e4ft zu etablieren. Die spekulative Arbeit war nicht mi\u00dfzuverstehen. Da man keinen Vertrauenskredit bei den Arrivierten hatte und auch nie zu bekommen hoffte, angelte man nach uns jungen. Man rechnete richtig damit, da\u00df wir, tr\u00e4chtig vom Erlebnis der gro\u00dfen Staats- und Gesellschaftskatastrophe, danach brennen m\u00fc\u00dften, unsere neuen Traktate auf die Menschen loszulassen und willig auf den leckeren K\u00f6der gingen. Die Rechtsverbindlichkeit bei allen diesen Gesch\u00e4ften ersch\u00f6pfte sich meistens in schmeichlerisch vers\u00fc\u00dften Versprechungen. Die scheinbar seri\u00f6seren unter den &#8222;Buchmachern&#8220; gaben sogar Vertrage; es waren Monstra an Rechtshinterhalten. Der Subskriptionsvertrag war gang und g\u00e4be, wobei man nat\u00fcrlich die Subskriptionsarbeit dem Autor \u00fcbertrug. Jeder war sein eigener Laufbursche der Ber\u00fchmtheit. Einige wenige hatten das Gl\u00fcck und erlebten es, die aussichtslose Hoffnung von Jahren in Buchform verwirklicht zu sehen: elendestes Holzpapier, sch\u00e4bigsten Rotationsdruck, unm\u00f6glichstes Format, und st\u00fcmperhaftesten Buchschmuck. Ebenso wie sich ein ins Buchgewerbe geratener Kommis, ein Engrossist in Literatur, ein H\u00e4ndler mit geistiger Fertigware ein Buch vorstellt. Schlie\u00dflich waren knapp hundert Leute um ein schlei\u00dfiges B\u00fcndel Papier und der Autor um ein Dokument f\u00fcr seine gesch\u00e4ftliche Ahnungslosigkeit, n\u00e4mlich um den nie erf\u00fcllten Vertrag, reicher geworden. <\/em><\/p>\n<p class=\"zitat\"><em> Der Inflationsspuk ist zerronnen, die Gesch\u00e4ftsprinzipien sind ernster, klarer, vorsichtiger geworden.<\/em><a title=\"_ftnref1\" href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><span class=\"Reference\">[1]<\/span><\/a><\/p>\n<p>F\u00fcr die hier von Haidvogel ausgeteilten Pr\u00e4dikate kommen, wie man den Ausf\u00fchrungen \u00fcber einzelne Verlage im zweiten Teil dieser Arbeit entnehmen kann, eine Reihe von Verlegern in Frage! Aber es w\u00e4re unzul\u00e4ssig, alle Verlage \u00fcber einen Kamm zu scheren. Zutreffend ist es jedoch, da\u00df Verlage, deren Gesch\u00e4ftsanteile von Pleitebank zu Pleitebank geschleppt wurden, mit diesen auch begraben wurden.<\/p>\n<p>Die Kurzlebigkeit der meisten belletristischen Verlage der neuen Republik war mit ein Grund daf\u00fcr, da\u00df sie auch keine Tr\u00e4gerrolle f\u00fcr die heimische Literatur annehmen, annehmen konnten. Verlage, denen diese Rolle h\u00e4tte zufallen k\u00f6nnen, waren zu sehr an dem Spekulationsobjekt &#8222;Buch&#8220; interessiert oder konzeptlos gef\u00fchrt. Dabei h\u00e4tte eine t\u00fcchtige Verlegerpers\u00f6nlichkeit gerade in der Zeit, als Deutschland von der schwersten Inflation erfa\u00dft war, ohne weiteres die &#8222;\u00f6sterreichische Literatur&#8220; und deren Vertreter &#8222;repatriieren&#8220;, sie durch finanzielle Vorteile zum Verlegen in \u00d6sterreich bewegen k\u00f6nnen. Das geschah allerdings kaum: Allein Paul Zsolnay n\u00fctzte diese Gelegenheit aus. Auch wegen dieser Kurzlebigkeit entwickelten sich keine &#8222;Verlagsautoren&#8220;, wie sie in Deutschland seit jeher bekannt waren. Sollte ein bekannterer \u00f6sterreichischer Autor ein Werk in einem heimischen Verlag erscheinen lassen, blieb es in der Regel bei diesem einen Werk. Die Vorherrschaft reichsdeutscher Verlage wie S. Fischer, Insel-Verlag, L. Staackmann Verlag, Kurt Wolff Verlag u.a. blieb weiterhin ungebrochen.<\/p>\n<p>Wodurch war diese &#8222;Pilzatmosph\u00e4re&#8220;, diese Bl\u00fcte eigentlich beg\u00fcnstigt? In hohem Ma\u00dfe durch eine doppelte Inflation, und man kann hier &#8211; stellt man Verleger und Buchh\u00e4ndler einander gegen\u00fcber &#8211; den Spruch anwenden: &#8222;Des einen Freud&#8216;, des anderen Leid&#8220;, obwohl selbstverst\u00e4ndlich auch Verlage von der Inflation (Preiserh\u00f6hungen, Verteuerung der Herstellungskosten) betroffen waren. Aber als die W\u00e4hrungsstabilit\u00e4t erreicht und die Konjunktur vorbei war und eine Fehlspekulation gigantischen Ausma\u00dfes im Fr\u00fchjahr 1924 zum B\u00f6rsenkrach f\u00fchrte, bedeutete dies f\u00fcr einige Verlage das Aus.<\/p>\n<p>Im folgenden ist weniger eine Chronik der Entwicklung im Verlagswesen der Zeit bis 1932 beabsichtigt, selbst auf die Gefahr hin, da\u00df unsere Ausf\u00fchrungen \u00fcber die Zeit 1933-38\/39 dann umfangm\u00e4\u00dfig disproportional erscheinen. Das hat drei Gr\u00fcnde: Zum einen werden viele Entwicklungen und Zeiterscheinungen in den Abschnitten \u00fcber einzelne Verlage behandelt, und zum zweiten betreffen viele Faktoren, Erscheinungen dieser Zeit, ausdr\u00fccklich und nahezu ausschlie\u00dflich den Buchhandel in \u00d6sterreich (etwa: die deutsche Auslandsverkaufsordnung, Markbeschaffung, &#8222;B\u00fccherblockade&#8220;, Umrechnungskurse, Teuerungszuschl\u00e4ge, Preistreiberei etc.) und haben nur wenig Bezug zum Verlag. In einem treffen sie sich, und zwar in der immer wieder aufflackernden und nie abrei\u00dfenden Diskussion \u00fcber B\u00fccherpreise, die die Wiener Tageszeitungen ausl\u00f6sten. Zum dritten handelt es sich w\u00e4hrend dieses Zeitraums um vorwiegend handels- und wirtschaftspolitische Probleme und Fragen, also noch ohne ideologischen oder parteipolitischen Anstrich. Aus diesem Grund war das Erkenntnisinteresse an der Zeit nach 1933 umso ausgepr\u00e4gter. Doch zun\u00e4chst kurz zum wirtschaftlichen Hintergrund nach 1918.<\/p>\n<p>Zur Erinnerung: Der Friedensvertrag von Saint-Germain hatte, wie es im <em>\u00d6sterreichischen Jahrbuch 1920<\/em> etwas wehleidig hei\u00dft,<\/p>\n<p class=\"zitat\"><em> den hilflosen Kleinstaat Deutsch\u00f6sterreich geschaffen, der, seiner wichtigsten Industriegebiete beraubt, nicht imstande, auch nur einen betr\u00e4chtlichen Bruchteil seiner Lebensbed\u00fcrfnisse zu decken, fast ohne Kohle, ohne die wichtigsten Rohstoffe, mit der Hauptstadt eines Gro\u00dfstaates und einem Heer von Beamten und Angestellten belastet, wirtschaftlich abh\u00e4ngig von feindlich gesinnten Nachbarn, von einer ungeheuren Schuldenlast, die er von der Monarchie ererbt hatte, erdr\u00fcckt, noch obendrein die furchtbaren Lasten hatte auf sich nehmen m\u00fcssen, die der Friedensvertrag ihm auferlegte.<\/em><a title=\"_ftnref2\" href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><span class=\"Reference\">[2]<\/span><\/a><\/p>\n<p>Um in dieser Diktion zu bleiben: Das Rad der Wirtschaft im &#8222;wirtschaftlich ohnm\u00e4chtigste(n) Staat der Welt&#8220; war zum Stillstand gekommen. Es gab eine Reihe von besonderen Problemen, die in einen circulus vitiosus m\u00fcndeten:<\/p>\n<p>1. den \u00dcberschu\u00df an Personal, der durch die gewaltige Verkleinerung des Verwaltungsgebietes und das R\u00fcckstr\u00f6men von Beamten aus den neugebildeten Staaten verursacht wurde.<\/p>\n<p>2. den Kohlenmangel in einem Land, das nur \u00fcber ein halbes Prozent der Kohlenvorr\u00e4te des alten Staates verf\u00fcgte. So deckte die Gesamtlieferung in- und ausl\u00e4ndischer Brennstoffe im J\u00e4nner 1919 nur 27,2% des vollen Bedarfs, im Dezember d.i. immerhin 41,9%. Infolge der schlechten Belieferung mit Kohle wurde die Leistungsf\u00e4higkeit der Industrien auf durchschnittlich ein Viertel herabgedruckt. Die Papierindustrie, eine der wichtigsten Deutsch\u00f6sterreichs, f\u00fcr die Rohstoffe im Inland vorhanden waren, arbeitete im Jahre 1920 mit 20% ihrer Kapazit\u00e4t. Im J\u00e4nner 1920 erhielt sie blo\u00df 32,5% ihres vollen Bedarfs an Kohle, im Oktober desselben Jahres 52,2%. Diese Minderproduktion von Papier wirkte sich daher auf die Verlage aus, die zun\u00e4chst mit Papier minderer Qualit\u00e4t auskommen mu\u00dften. Wegen der st\u00e4ndig steigenden Kosten wurde es fast unm\u00f6glich, Neuauflagen \u00e4lterer, vergriffener Werke herzustellen. Wurden Verlagswerke in zu hoher Auflage gedruckt, dann kam es gegen Mitte der 20er Jahre vor, da\u00df die Werke eben wegen des holzh\u00e4ltigen Papiers keine K\u00e4ufer mehr fanden und verramscht werden mu\u00dften.<\/p>\n<p>3. die fortw\u00e4hrende Geldentwertung, also konkret die Kroneninflation im Inland und die sich indirekt auswirkende Markinflation, f\u00fchrte zu einer chaotischen Preisgestaltung im Buchhandel, d.h. zur Unm\u00f6glichkeit, Preise f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit stabil zu halten. F\u00fcr die neuen Verlage andererseits wirkte sich dieser Umstand zeitweise positiv aus. Viele bemittelte K\u00e4ufer wu\u00dften w\u00e4hrend der Inflation, die u.a. durch eine Spekulationswelle unglaublichen Ausma\u00dfes gekennzeichnet war, da\u00df bei st\u00e4rkerem Ansteigen der B\u00fccherpreise ein rechtzeitiger Einkauf Ersparnisse bedeutete. Es war die bekannte Flucht in Sachwerte, bei der prim\u00e4r Luxusausgaben mit sch\u00f6ner Ausstattung und gutem Papier eine Hochkonjunktur genossen. Anders ist die merkw\u00fcrdige Tatsache nicht zu erkl\u00e4ren, da\u00df noch so kleine Verlage, die von der Hand in den Mund lebten, Luxus- bzw. Sonderausgaben ihrer Werke veranstalteten. Als die Preise wieder stabil wurden, war diese Kapitalsanlage weniger attraktiv. So entsprangen der Ruf nach dem &#8222;billigen Buch&#8220; f\u00fcr die weniger Bemittelten und der Vorwurf des &#8222;B\u00fccherwuchers&#8220; verwandten Motiven. Es war daher klar, da\u00df Buchh\u00e4ndler mehr Interesse am Verkauf teurerer Werke hatten. Aus dieser Perspektive mu\u00df die Gr\u00fcndung der &#8222;Tagblatt-Bibliothek&#8220; im Jahre 1923 als eine Pioniertat angesehen werden. Der Sturz der Kronenw\u00e4hrung im Jahre 1919 schuf eine Hochkonjunktur f\u00fcr die Ausfuhr, zumal die Preise f\u00fcr \u00f6sterreichische Verlagswerke im Inland zwar fortw\u00e4hrend hinaufschnellten, im Ausland (und selbstverst\u00e4ndlich nicht nur f\u00fcr &#8222;B\u00fccher&#8220;) aber sanken. Mit anderen Worten: Die Entwertung der Krone wirkte als &#8222;Ausfuhrpr\u00e4mie&#8220;. Vergleichen wir nun die Bewegung des Kronenkurses, die Steigerung des Buchh\u00e4ndler-Markkurses in \u00d6sterreich, den Index der Kosten der Lebenserhaltung und die Entwicklung des ausw\u00e4rtigen Handels in Druckschriften, um die \u00f6konomischen Rahmenbedingungen f\u00fcr neue und bestehende Verlage zu umrei\u00dfen.<\/p>\n<p><em> Die Lebensunf\u00e4higkeit Deutsch\u00f6sterreichs unter den gegenw\u00e4rtigen Verh\u00e4ltnissen dr\u00fcckt sich in der Bewegung des Kronenkurses aus. Am 9. Dezember 1919 hatte die Auszahlung Wien in Z\u00fcrich den bis dahin tiefsten Stand von 2,75 Centimes erreicht. Sie erholte sich dann ein wenig, um am 27. J\u00e4nner auf 1,60 Centimes zu fallen. Bei einem Kurssturz in April kam sie auf 1,45. Ihren H\u00f6chststand im Jahre 1920 erreichte sie am 26. Mai mit 4,25 Centimes. Dann begann eine bald langsamer, bald schneller fortschreitende r\u00fcckl\u00e4ufige Bewegung. Am 20. Dezember notierte die Devise Wien in Z\u00fcrich 1,30, die Kronennote gar nur 0,90 Centimes. Ein noch traurigeres Bild ergibt ein Vergleich der Notierungen der Wiener Devisenzentrale Ende 1919 und Ende 1920. Die Devisen Amsterdam, London und Z\u00fcrich sind auf das Dreieinhalbfache, der Dollar auf das Vierfache, die tschechoslowakische Krone auf mehr als das Zweieinhalbfache, die Mark auf mehr als das Dreifache der damaligen Notierung gestiegen<\/em>.<a title=\"_ftnref3\" href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\"><span class=\"Reference\">[3]<\/span><\/a><\/p>\n<p>Die Entwicklung im Jahre 1921 geht aus folgendem Bericht hervor:<\/p>\n<p class=\"zitat\"><em> Die katastrophale finanzielle Lage des Staates kommt in folgenden Zahlen zum Ausdrucke. Am 1. J\u00e4nner 1921 stand die Kronennote in Z\u00fcrich auf 1,05, am 31. Dezember auf 0,11. Noch schlimmer steht es mit der Bewertung der Auslandsdevisen an der Wiener B\u00f6rse. Zu Beginn des Jahres 1921 galt die Mark 9,01, die tschechoslowakische Krone 7,34, der Schweizer Franken 99,50, der Dollar 654, das Pfund Sterling 2320 \u00f6sterreichische Kronen. Ende 1921 hatte die Mark einen Kurs von 30,-, die tschechoslowakische Krone 78,92, der Schweizer Franken 1028,75, der Dollar 5338, das Pfund Sterling 23.000 Kronen erreicht.<\/em><a title=\"_ftnref4\" href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\"><span class=\"Reference\">[4]<\/span><\/a><\/p>\n<p>Trotz Inflation im Inland war der Auslandspreis \u00f6sterreichischer Verlagswerke daher in der Relation niedrig.<\/p>\n<p>Der Wertverlust der Krone spiegelt sich auch in der Entwicklung des wichtigen Markumrechnungskurses, was wiederum auch zu einer st\u00e4ndigen Verteuerung der B\u00fccher in \u00d6sterreich beitrug. Nach den laufenden Angaben in der <em>Buchh\u00e4ndler-Correspondenz<\/em> l\u00e4\u00dft sich diese Entwicklung nachzeichnen: der Vorkriegsstand des Buchh\u00e4ndler-Markkurses lag bei 1,20 K, im November 1918 bei 2,- K, im Oktober des folgenden Jahres bei 3,20 K. 1920 sind starke Schwankungen zu registrieren. Im April steht der Markkurs bei 3,90 K, Anfang November bei 6,07 K. F\u00fcr den Buchk\u00e4ufer kam noch ein Teuerungszuschlag hinzu, und weil dieser Zuschlag dem Durchschnittsmenschen nicht einsichtig war, kam es des \u00f6fteren in der Presse zu harten Vorw\u00fcrfen an die Adresse der Buchh\u00e4ndler. Ab 1. Dezember 1920 trat ein neuer Umrechnungsschl\u00fcssel in Kraft, in dem der Teuerungszuschlag schon enthalten war. Ende 1920 stand der Kurs schon bei 9,20 K, was eine fast achtfache Steigerung allein des Umrechnungskurses bedeutete. Nicht nur der Buchh\u00e4ndler, auch der Verleger mu\u00dfte seine Preise st\u00e4ndig &#8211; ein gutes Beispiel ist das Jahr 1920 &#8211; revidieren. Verlagsanzeigen in der <em>Buchh\u00e4ndler-Correspondenz<\/em> 1920 sind voll mit Hinweisen wie den folgenden:<\/p>\n<p class=\"zitat\"><em> Die unaufh\u00f6rlich sich steigernden Herstellungskosten sowie die neuerliche Erh\u00f6hung der Frachts\u00e4tze zwingen uns vom 15. Januar 1920 angefangen die Preise unserer nachbenannten Verlagswerke in folgender Weise abzu\u00e4ndern: &#8230; <\/em>(Nr. 1, 7.1.1920, S. 13<em>: Wiener Literarische Anstalt) <\/em><\/p>\n<p class=\"zitat\"><em> Durch die andauernde Entwertung der Papierkrone und das sprunghafte Emporschnellen aller laufenden Herstellungskosten und Spesen der Betriebsf\u00fchrung sehe ich mich gezwungen, die jetzt bestehenden Kronenpreise meines Verlages mit Wirkung vom 1. Januar 1920 durch einen Zuschlag von 50% zu erh\u00f6hen. Die hierdurch neu gebildeten Kronenpreise gelten ausschlie\u00dflich f\u00fcr das Gebiet der Republik \u00d6sterreich. <\/em>(Ebenda, S. 15: A. Hartleben&#8217;s Verlag)<\/p>\n<p class=\"zitat\"><em> Die fortgesetzte Steigerung der Papier-, Druck- und Buchbinderpreise sowie die durch den neuen Kollektivvertrag verursachte wesentlich gesteigerte Spesenbelastung zwingen uns, die Ladenpreise (&#8230;) zu erh\u00f6hen. <\/em>(Nr. 2, 14.1.1920, S. 24: Alfred H\u00f6lder)<\/p>\n<p class=\"zitat\"><em> Preiserh\u00f6hung! Trotzdem wir erst vor kurzem die Preise nachstehender Werke erh\u00f6hen mu\u00dften, zwingen uns die in der letzten Zeit so wahnsinnig in die H\u00f6he geschnallten Papier- und Buchbinderkosten abermals, eine Preiserh\u00f6hung vorzunehmen. <\/em>(Nr. 8 u. 9, 3.3.1920, S. 112: Karl Konegen)<\/p>\n<p class=\"zitat\"><em> Die geradezu unerh\u00f6rte Verteuerung der gesamten Herstellungskosten zwingt uns, die Preise unserer Verlagswerke neu festzusetzen. Wir bitten die Herren Kollegen, die neuen Preise zur Kenntnis zu nehmen. Alle fr\u00fcher durch die Buchh\u00e4ndler-Correspondenz bekanntgegebenen Preise werden hierdurch aufgehoben. <\/em>(Nr. 10 u. 11, 17 3.1920, S. 132: Wiener Literarische Anstalt)<\/p>\n<p>So weit die ausgew\u00e4hlten Beispiele, die die Marktbedingungen \u00f6sterreichischer Verlage aufzeigen.<\/p>\n<p>Wie angedeutet, f\u00fchrten Vorw\u00fcrfe der Presse betreffend &#8222;B\u00fccherblockade&#8220;, &#8222;B\u00fccherschieber&#8220;, &#8222;B\u00fccherwucher&#8220; usw. zu l\u00e4ngeren Debatten \u00fcber das Zustandekommen der Buchpreise und zur Einf\u00fchrung einer amtlichen Regelung der B\u00fccherpreise in \u00d6sterreich,<a title=\"_ftnref5\" href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\"><span class=\"Reference\">[5]<\/span><\/a> da Buchh\u00e4ndler mit dem Preistreibereigesetz<a title=\"_ftnref6\" href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\"><span class=\"Reference\">[6]<\/span><\/a> immer wieder in Konflikt gerieten.<\/p>\n<p>Die Buchh\u00e4ndler ihrerseits konnten mit Recht &#8222;Das M\u00e4rchen vom teuren Buch&#8220;<a title=\"_ftnref7\" href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\"><span class=\"Reference\">[7]<\/span><\/a> durch Zahlen widerlegen und sogar zeigen, da\u00df B\u00fccher relativ billiger geworden waren. Sie waren auch bem\u00fcht, recht plastische Beispiele anzufahren. So kostete ein Reclam-Buch &#8222;fr\u00fcher 24 Heller jetzt 42 Kronen&#8220;, was eine Erh\u00f6hung um &#8222;nur das 175-fache&#8220; bedeutete. Ein Konegen-Kinderbuch mit buntem Umschlag kostete &#8222;fr\u00fcher 30 Heller jetzt 45 Kronen&#8220; und sei daher um &#8222;nur das 150-fache&#8220; gestiegen. Eine kleine Tafel Schokolade hingegen kostete &#8222;fr\u00fcher 24 Heller jetzt 120 Kronen&#8220;, was eine 500-fache Preissteigerung bedeutete. \u00c4hnlich h\u00e4tte sich der Preis eines Insel-Romans von 1913 bis Mitte November 1921 um blo\u00df das 234-fache verteuert, &#8222;andere Geschenke&#8220; hingegen, wie eine Flasche K\u00f6lnisches Wasser um das 775-fache, eine Kiste Zigarren (Regalia media) um das 750-fache, eine Lederhandtasche um das 500-fache usw.<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p>Der offizielle Verbraucherpreisindex (Juli 1914: 1), aus dem auch die Preisentwicklung einzelner Waren \u00f6sterreichweit hervorgeht, zeigt ein noch drastischeres Bild des Kaufkraftschwunds, der die B\u00fccherpreise deutlich h\u00f6her erscheinen l\u00e4\u00dft. Hier ein Auszug aus den Indexzahlen (Kosten der Lebenshaltung) f\u00fcr die Zeit zwischen Juli 1914 und Dezember 1922:<a title=\"_ftnref8\" href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\"><span class=\"Reference\">[8]<\/span><\/a><\/p>\n<\/div>\n\n<table id=\"tablepress-1\" class=\"tablepress tablepress-id-1 center\">\n<tbody class=\"row-hover\">\n<tr class=\"row-1\">\n\t<td class=\"column-1\">Jul.14<\/td><td class=\"column-2\">1<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"row-2\">\n\t<td class=\"column-1\">Jul.15<br \/>\n<\/td><td class=\"column-2\">1,6<br \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"row-3\">\n\t<td class=\"column-1\">Jul.16<br \/>\n<\/td><td class=\"column-2\">3,4<br \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"row-4\">\n\t<td class=\"column-1\">Jul.17<br \/>\n<\/td><td class=\"column-2\">6,8<br \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"row-5\">\n\t<td class=\"column-1\">Jul.18<br \/>\n<\/td><td class=\"column-2\">11,7<br \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"row-6\">\n\t<td class=\"column-1\">Nov.18<br \/>\n<\/td><td class=\"column-2\">13,4<br \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"row-7\">\n\t<td class=\"column-1\">Jul.19<\/td><td class=\"column-2\">25,1<br \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"row-8\">\n\t<td class=\"column-1\">Jul.20<\/td><td class=\"column-2\">51,5<br \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"row-9\">\n\t<td class=\"column-1\">Jul.21<br \/>\n<\/td><td class=\"column-2\">100<br \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"row-10\">\n\t<td class=\"column-1\">Okt.21<br \/>\n<\/td><td class=\"column-2\">190<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"row-11\">\n\t<td class=\"column-1\">J\u00e4n.22<br \/>\n<\/td><td class=\"column-2\">664<br \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"row-12\">\n\t<td class=\"column-1\">Feb.22<\/td><td class=\"column-2\">784<br \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"row-13\">\n\t<td class=\"column-1\">M\u00e4r.22<\/td><td class=\"column-2\">792<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"row-14\">\n\t<td class=\"column-1\">Apr.22<br \/>\n<\/td><td class=\"column-2\">872<br \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"row-15\">\n\t<td class=\"column-1\">Mai.22<br \/>\n<\/td><td class=\"column-2\">1.093<br \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"row-16\">\n\t<td class=\"column-1\">Jun.22<\/td><td class=\"column-2\">1.871<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"row-17\">\n\t<td class=\"column-1\">Jul.22<\/td><td class=\"column-2\">2.645<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"row-18\">\n\t<td class=\"column-1\">Aug.22<\/td><td class=\"column-2\">5.932<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"row-19\">\n\t<td class=\"column-1\">Sep.22<br \/>\n<\/td><td class=\"column-2\">11.306<br \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"row-20\">\n\t<td class=\"column-1\">Okt.22<br \/>\n<\/td><td class=\"column-2\">10.332<br \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"row-21\">\n\t<td class=\"column-1\">Nov.22<br \/>\n<\/td><td class=\"column-2\">9.701<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"row-22\">\n\t<td class=\"column-1\">Dez.22<\/td><td class=\"column-2\">9.375<br \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<!-- #tablepress-1 from cache -->\n<p>Die fr\u00fchere Feststellung, da\u00df die triste Wirtschaftslage zur &#8222;Pilzatmosph\u00e4re&#8220; beitrug und die Gr\u00fcndung neuer belletristischer Verlage einerseits und die verst\u00e4rkte Ausfuhr \u00f6sterreichischer B\u00fccher andererseits beg\u00fcnstigte, findet ihre Best\u00e4tigung in den Handelsstatistiken, die dem <em>Statistischen Handbuch der Republik \u00d6sterreich<\/em> entnommen sind.Wie sich die Preise bei Verlagswerken einzelner Verlage entwickelten, wird in den betreffenden Ausf\u00fchrungen behandelt.<\/p>\n<p>Ihren H\u00f6chststand erreichte die B\u00fcchereinfuhr nach \u00d6sterreich in den Jahren 1920 und 1922, worauf 1923 durch die deutsche Inflation und den st\u00e4ndigen Wechsel der Preise ein R\u00fcckschlag erfolgte. Danach begann die Einfuhr wieder anzusteigen. Auch die Ausfuhr stand 1920 am h\u00f6chsten, sank aber gleichfalls im Jahre 1923, um danach wieder allm\u00e4hlich anzusteigen. Auffallend ist die Entwicklung von Einfuhr- und Ausfuhr\u00fcberschu\u00df. So gab es 1920 und 1922 einen Einfuhr\u00fcberschu\u00df, 1921 aber einen kleinen Ausfuhr\u00fcberschu\u00df. Interessant ist die Tatsache, da\u00df in den Jahren 1923 bis 1925 (1926 ist der Handel in literarischen und Kunstgegenst\u00e4nden fast ausgeglichen) recht deutliche Ausfuhr\u00fcbersch\u00fcsse zu verzeichnen sind. 1923: 29%; 1924: 33%; 1925: 16%. Einige Faktoren d\u00fcrften f\u00fcr diese Entwicklung ma\u00dfgeblich gewesen sein: die Stabilisierung der W\u00e4hrung in \u00d6sterreich und, damit verbunden, die steigende Kaufkraft des Publikums, die &#8222;importierte B\u00fccher&#8220; wieder &#8222;erschwinglich&#8220; machte, und die Stabilisierung der Markw\u00e4hrung.<\/p>\n<p>Versucht man, den Handel mit B\u00fcchern bis etwa Mitte der 20er Jahre zu \u00fcberblicken, so ergibt sich &#8211; nach L\u00e4ndern aufgeschl\u00fcsselt &#8211; folgendes Bild: Etwa 85% der Gesamteinfuhr stammten aus Deutschland, w\u00e4hrend weitere 4-5% aus der Tschechoslowakei kamen. Zwischen ein Viertel und 1\/3 der \u00f6sterreichischen Buchexporte zu dieser Zeit gingen nach Deutschland, zwischen 10 und 20% nach der Tschechoslowakei, 5-10 % nach Jugoslawien, Ungarn, der Schweiz und den Niederlanden.<\/p>\n<p>Eine Frage, die noch in Zusammenhang mit der &#8222;Pilzatmosph\u00e4re&#8220; der Nachkriegsjahre angeschnitten werden mu\u00df, ist die der Konzessionspflicht. Die Flut von Verlagsneugr\u00fcndungen ab 1919 verleitet zum Schlu\u00df, da\u00df die Konzessionserteilung etwas laxer gehandhabt worden w\u00e4re. Dies ist auch z.T. der Fall gewesen, aber wie konkrete Beispiele zeigen, schien es im Gegenteil schwieriger, zu einer Konzession zu kommen. Das h\u00e4ngt wiederum damit zusammen, da\u00df die Gewerbe-Ordnung den &#8222;Verleger&#8220;, genauer: den &#8222;Nur-Verleger&#8220; ja gar nicht kannte und erst in den 30er Jahren entdeckte. Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs gab es fast ausschlie\u00dflich den Verlagsbuchh\u00e4ndler, der berechtigt war, B\u00fccher zu verkaufen und selbst zu verlegen. Beispiele hief\u00fcr haben wir bereits gesehen. Ab 1919 sind die vielen Verlagsneugr\u00fcndungen so gut wie ohne Ausnahme Verlage ohne offenen Ladenverkehr &#8211; und nicht wie in den vergangenen Jahrhunderten auch Buchverk\u00e4ufer. Und das war eine der gr\u00f6\u00dften Neuerungen im \u00f6sterreichischen Verlagswesen neben der betonten Hinwendung zur sch\u00f6ngeistigen Literatur.<\/p>\n<p>Die Gewerbe-Ordnung nach dem Gesetz vom 15. M\u00e4rz 1883 (RGBl. Nr. 39) kannte praktisch nur den Drucker und den (Buch-) H\u00e4ndler, nicht aber den Verleger (Nur-Verleger) im heutigen Sinne. Beide Gewerbe waren nach \u00a7 15. Pkt. 1 konzessionspflichtig, wobei der Drucker \u00fcber Theorie (&#8222;ordnungsm\u00e4\u00dfige Erlernung&#8220;) und Praxis (&#8222;eine mehrj\u00e4hrige praktische Verwendung&#8220;) Bescheid wissen mu\u00dfte und der Buchh\u00e4ndler sich &#8222;mit einer zum Betriebe dieser Gewerbe gen\u00fcgenden allgemeinen Bildung auszuweisen&#8220; hatte. Im \u00a7 23 (&#8222;Besondere Erfordernisse&#8220;) wurde aber f\u00fcr diese Gewerbezweige &#8222;eine besondere Bef\u00e4higung gefordert&#8220;, und bei Verleihung einer solchen Konzession war &#8222;\u00fcberdies auf die Lokalverh\u00e4ltnisse Bedacht zu nehmen&#8220;. Der Nachweis der Bef\u00e4higung blieb weitgehend Ermessenssache.<\/p>\n<p>Da es nach allgemeiner Ansicht nach dem Krieg in Wien ohnehin zu viele Buchhandelskonzessionen gab, war man bei Verleihungen oft restriktiv. Daher war der h\u00e4ufigste Grund f\u00fcr eine Ablehnung Mangel an Lokalbedarf, was nach Ansicht von Kritikern bestenfalls und aus historischen Gr\u00fcnden &#8211; f\u00fcr den 1. Bezirk zutraf. Solche Ablehnungen beim Betrieb des Nur-Verlags waren nat\u00fcrlich absurd, denn mit einer solchen beschr\u00e4nkten Konzession war es vollkommen irrelevant, ob f\u00fcnf oder sechs reine Verlagsunternehmungen sich in diesem oder jenem Bezirk etablierten, etablieren wollten. Der gew\u00f6hnliche Umweg bestand darin, sich mit einem Konzessionsinhaber zusammenzutun, der dann nominell und passiv in der Firma &#8222;t\u00e4tig&#8220; war.<\/p>\n<p>1922 schien den Buchh\u00e4ndlern bzw. deren Vertretung ein Alptraum wahr zu werden. Der Nationalrat verabschiedete das &#8222;Bundesgesetz vom 7. April 1922 \u00fcber die Presse&#8220; (BGBl. Nr. 218\/1922), ein Gesetzeswerk, das in manchen Bereichen die von alters her antiquierte Pre\u00dfgesetzgebung in \u00d6sterreich durch liberaleres Gedankengut ersetzte. Typisch war aber selbst hier, da\u00df man im 1. Paragraphen konstatierte, da\u00df die Freiheit der Presse &#8222;gew\u00e4hrleistet&#8220; sei, und weitere f\u00fcnfzig Paragraphen dazu brauchte, um sie gleich wieder zu relativieren. Schon die Aufhebung des Kolportageverbots (\u00a7 9) war revolution\u00e4r, aber die Aufhebung der Konzessionspflicht (\u00a7 6) war Zeugnis einer v\u00f6llig neuen Gesinnung f\u00fcr \u00d6sterreich:<\/p>\n<p class=\"zitat\"><em> (1) Zum Betriebe eines Gewerbes, das die Herstellung, den Verkauf oder das Verleihen von Druckwerken zum Gegenstande hat, bedarf es keiner besonderen Bewilligung (Konzession).<\/em><\/p>\n<p>Diese neue Bestimmung ist nicht sofort in Kraft getreten: Die alte Bestimmung in der Gewerbe-Ordnung, die sie ersetzte, sollte ihre Wirksamkeit erst in 3 3\/4 Jahren, am 1.1.1926, verlieren. Theoretisch. F\u00fcr die Standesvertretung der Buchh\u00e4ndler &#8211; die Rolle, die man in jenen Kreisen dem Verleger zudachte, kann man nicht einmal als &#8222;unbedeutend&#8220; bezeichnen &#8211; war das ziemlich das Schlimmste, was je passieren konnte, aber sie hatte einstweilen andere Sorgen: die Reorganisation des Vereins mit neuen Statuten, das Buchausfuhrverbot, die Valutazuschlags-Verordnung u.a. Es wurde ein energischer Kampf f\u00fcr die Beibehaltung der Konzessionspflicht gef\u00fchrt, b\u00fcrgerliche Abgeordnete wurden motiviert, und schlie\u00dflich pflegte der \u00f6sterreichische Nationalrat eine heimische Spezialit\u00e4t: das Provisorium. Nach Beschlu\u00df vom 1. Dezember 1925 sollte der bereits zitierte \u00a7 6 Pr.G. (Aufhebung der Konzessionspflicht) erst in zwei Jahren, also am 1.1.1928, in Kraft treten. Das Ganze war ein Zugest\u00e4ndnis der sozialdemokratischen Abgeordneten, die es ablehnten, die Konzessionspflicht als Definitivum wieder einzuf\u00fchren. Im Dezember 1927 stimmte der Nationalrat dem Antrag zu, die Konzessionspflicht vorl\u00e4ufig bis 1.1.1930 aufrecht bleiben zu lassen. Im Dezember 1929 wurde vom Nationalrat beschlossen, die Konzessionspflicht bis 31.12.1932 beizubehalten. Und nach dem Motto: Es ist nichts so best\u00e4ndig wie Provisorien, wurde mit Gesetz vom 21.12.1932 die Konzessionspflicht f\u00fcr das Buchhandels- und Leihbibliotheksgewerbe bis zum Ende des Jahres 1934 verl\u00e4ngert.<\/p>\n<p>Doch die Standesvertretung der Buchh\u00e4ndler in \u00d6sterreich konnte ihren sehnlichsten W\u00fcnschen viel leichter in einem autorit\u00e4r regierten Staat zur Erf\u00fcllung verhelfen als in einem demokratisch gew\u00e4hlten Parlament.<\/p>\n<div>Im Jahre 1932 wurden beispielsweise 30 neue Konzessionen erteilt, bzw. es wurde der Umfang bestehender Konzessionen erweitert. Unterm Strich waren das acht weniger als im Vorjahr.<a title=\"_ftnref9\" href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\"><span class=\"Reference\">[9]<\/span><\/a><\/div>\n<p>Insgesamt war die Zahl der Konzessionen \u00fcberhaupt von 567 in der Vorkriegszeit auf 867 im Jahre 1932 gestiegen. Alle Ansuchen, die in diesem Jahr an die Korporation gerichtet wurden, betrafen Verlage.<\/p>\n<p>Eine besondere Freude hatten Buchhandelsvertreter mit einer Notverordnung (&#8222;Sperrverordnung&#8220;) vom 12. M\u00e4rz 1933. Durch diese wenige Tage nach der Ausschaltung des Parlaments erlassene Verordnung war der Bundesminister f\u00fcr Handel und Verkehr erm\u00e4chtigt, mit einem Federstrich ziemlich viel einfach zu verbieten, darunter den Antritt von Gewerben und die Erwerbung bestehender Berechtigungen.<a title=\"_ftnref10\" href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\"><span class=\"Reference\">[10]<\/span><\/a> Die Vertreter des Vereins der \u00f6sterreichischen Buch-, Kunst- und Musikalienh\u00e4ndler wu\u00dften nun, was sie sich selbst schuldig waren:<\/p>\n<p class=\"zitat\"><em> Selbstverst\u00e4ndlich werden auch die buchh\u00e4ndlerischen Organisationen alle erforderlichen Schritte unternehmen, um f\u00fcr den Buch-, Kunst- und Musikalienhandel eine Sperre durchzusetzen. Es ist zu begr\u00fc\u00dfen, da\u00df der Gedanke einer Gewerbesperre, der von unseren Organisationen bereits seit einigen Jahren vertreten wird und dessen Verwirklichung in verschiedenen Eingaben gefordert wurde, nun endlich zur Tat wird.<\/em><a title=\"_ftnref11\" href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\"><span class=\"Reference\">[11]<\/span><\/a><\/p>\n<p>Obwohl die Beibehaltung der Konzessionspflicht und die Gewerbesperre aus der Sicht der konkurrierenden Buchh\u00e4ndler gerechtfertigt erscheinen m\u00f6gen, darf nicht unerw\u00e4hnt bleiben, da\u00df sie am liebsten s\u00e4mtliche Zeitschriften-Verlage, Volksb\u00fcchereien, Buchgemeinschaften, Sch\u00fclerl\u00e4den, Zeitungskioske abgeschafft h\u00e4tten &#8211; wegen der unliebsamen Konkurrenz.<\/p>\n<p>Da\u00df der autorit\u00e4re St\u00e4ndestaat es vermochte, ihre W\u00fcnsche zu erf\u00fcllen, zeigt schlie\u00dflich die &#8222;Gewerbeordnungsnovelle 1934&#8220;. F\u00fcr sie war es &#8222;eines der gewerbefreundlichsten Gesetze&#8220;.<a title=\"_ftnref12\" href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\"><span class=\"Reference\">[12]<\/span><\/a> Die Aus\u00fcbung des Buchhandels blieb konzessionspflichtig. Am 14. J\u00e4nner 1935 erschien die &#8222;Verordnung des Bundesministers f\u00fcr Handel und Verkehr \u00fcber den Bef\u00e4higungsnachweis f\u00fcr den Handel mit Pre\u00dferzeugnissen und den Betrieb von Leihanstalten f\u00fcr derlei Erzeugnisse und von Lesekabinetten.&#8220; (BGBl, Nr. 11\/1935)<\/p>\n<p>Wichtigste Bestimmung in unserem Kontext: die erstmalige Miteinbeziehung des Verlagsgesch\u00e4fts:<\/p>\n<p class=\"zitat\"><em> \u00a7 3. Bewerber um die auf den Betrieb des Verlagsgesch\u00e4ftes beschr\u00e4nkte Konzession brauchen blo\u00df die im \u00a7 2 verlangte Mindestschulbildung nachzuweisen.<\/em><\/p>\n<p>Mit anderen Worten: F\u00fcr den Verlagsbuchhandel entfiel jeder formelle Bef\u00e4higungsnachweis. Der Bildungsnachweis sollte aber ebenfalls in einer die Untermittelschule \u00fcbersteigenden Schulbildung bestehen.<\/p>\n<p>Im n\u00e4chsten Abschnitt dieser Arbeit gehen wir ausf\u00fchrlicher auf die Entwicklungen der 30er Jahre ein, da nun neben den weiterhin bestehenden wirtschaftlichen Problemen sowohl im Inland selber als auch im Handel mit dem Deutschen Reich (Devisenfrage) eminent politische Fragen eine zunehmend wichtige Rolle spielen und erstere sogar \u00fcberlagern.<\/p>\n<h3><a class=\"none\" title=\"Heading1\" name=\"Heading1\"><\/a> Anmerkungen<\/h3>\n<p class=\"Note\"><a title=\"_ftn1\" href=\"#_ftnref1\" target=\"text\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> CARL JULIUS HAIDVOGEL, Wir jungen \u00d6sterreicher, in: \u00d6sterreichische Monatshefte (Wien), 5. Jg., November\/Dezember 1929, S. 554-559; hier S. 555.<\/p>\n<p class=\"Note\"><a title=\"_ftn2\" href=\"#_ftnref2\" target=\"text\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> \u00d6sterreichisches Jahrbuch 1920. Nach amtlichen Quellen. Zweite Folge. Wien, Buchhandlung Hermann Goldschmiedt, 1921, S. 3.<\/p>\n<p class=\"Note\"><a title=\"_ftn3\" href=\"#_ftnref3\" target=\"text\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Ebenda, S. 5 f.<\/p>\n<p class=\"Note\"><a title=\"_ftn4\" href=\"#_ftnref4\" target=\"text\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> \u00d6sterreichisches Jahrbuch 1921. Nach amtlichen Quellen. Dritte Folge. Wien, Kahlenbergverlag, 1922, S. 126.<\/p>\n<p class=\"Note\"><a title=\"_ftn5\" href=\"#_ftnref5\" target=\"text\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Dazu u.a. BC, Nr. 41-44, 26.10.1921, S. 317 f.<\/p>\n<p class=\"Note\"><a title=\"_ftn6\" href=\"#_ftnref6\" target=\"text\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Dazu u.a. Der \u00f6sterreichische Buchhandel und das Preistreibereigesetz. Wien, Manz, 1922. (11 Seiten).<\/p>\n<p class=\"Note\"><a title=\"_ftn7\" href=\"#_ftnref7\" target=\"text\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> BC, Nr. 48-49, 30. 11. 1921, Beilage.<\/p>\n<p class=\"Note\"><a title=\"_ftn8\" href=\"#_ftnref8\" target=\"text\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Zitiert nach: \u00d6sterreichisches Jahrbuch 1922. Nach amtlichen Quellen. Vierte Folge. Wien, Verlag der Wiener literarischen Anstalt A.G., 1923, S. 150. (Grundlage bilden die Mitteilungen des Bundesamtes f\u00fcr Statistik.)<\/p>\n<p class=\"Note\"><a title=\"_ftn9\" href=\"#_ftnref9\" target=\"text\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Anzeiger, 74. Jg., Nr. 12, 25.3.1933, S. 52 f.<\/p>\n<p class=\"Note\"><a title=\"_ftn10\" href=\"#_ftnref10\" target=\"text\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Dazu Anzeiger, 74. Jg., Nr. 11, 18.3.1933, S. 48 und Nr. 17, 29.4.1933, S. 80.<\/p>\n<p class=\"Note\"><a title=\"_ftn11\" href=\"#_ftnref11\" target=\"text\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Anzeiger, Nr. 11, 18.3.1933, S. 48.<\/p>\n<p class=\"Note\"><a title=\"_ftn12\" href=\"#_ftnref12\" target=\"text\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Anzeiger, 75. Jg., Nr. 28, 10.11.1934, S. 144. In diesem Abschnitt werden u.a. folgende Quellen herangezogen: \u00d6sterreichische Gewerbe-Ordnung nebst einschl\u00e4gigen Vorschriften (&#8230;) bearbeitet von Dr. LEO GELLER. Wien: Verlag von Moritz Perles, 1907; Die \u00f6sterreichische Gewerbeordnung. Text in der vom 1. September 1925 an geltenden Fassung, zusammengestellt von Dr. EGON PRAUNEGGER. Graz, Leykam Verlag, o.J., Die \u00f6sterreichische Gewerbeordnung. Mit Kundmachungspatent, auf Grund der Gewerbenovelle vom M\u00e4rz 1933 sowie der Sperrverordnung und der Verordnung \u00fcber das Verbot von Einheitspreisgesch\u00e4ften. Mit Erl\u00e4uterungen und Anmerkungen herausgegeben von Min-Sekr. Dr. ERNST STEINER-HALDENSTATT. Leipzig &#8211; Wien &#8211; Berlin: Steyrerm\u00fchl-Verlag\/Tagblatt-Bibliothek, o.J.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>II. Aspekte der Entwicklung des Verlagswesens in der Republik bis 1932 Das, was man traditionell vor 1918 aufrichtig bedauerte, n\u00e4mlich das Fehlen einheimischer belletristischer Verlage, mu\u00dfte man ab 1919 nicht mehr resignierend konstatieren. Gerade als Paradoxon zur wirtschaftlichen Lage, zur Zeit \u00e4rgster wirtschaftlicher und sozialer Not, erlebte das Verlegen sch\u00f6ner\u2026<\/p>\n<p> <a class=\"continue-reading-link\" href=\"http:\/\/verlagsgeschichte.murrayhall.com\/?page_id=88\"><span>Continue reading<\/span><i class=\"crycon-right-dir\"><\/i><\/a> <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"parent":26,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-88","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/verlagsgeschichte.murrayhall.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/88","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/verlagsgeschichte.murrayhall.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"http:\/\/verlagsgeschichte.murrayhall.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/verlagsgeschichte.murrayhall.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/verlagsgeschichte.murrayhall.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=88"}],"version-history":[{"count":17,"href":"http:\/\/verlagsgeschichte.murrayhall.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/88\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1929,"href":"http:\/\/verlagsgeschichte.murrayhall.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/88\/revisions\/1929"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/verlagsgeschichte.murrayhall.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/26"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/verlagsgeschichte.murrayhall.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=88"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}