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Als meine zweibändige Verlagsgeschichte der Zwischenkriegszeit vor mehr als zwanzig Jahren im Wiener Böhlau Verlag erschien, war der Zeitpunkt – rückblickend betrachtet – nicht günstig. Stichwort „Vergangenheitsbewältigung“. Es waren zwar vierzig Jahre seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs vergangen, aber Österreich hatte noch die Affäre um die Präsidentschaftskandidatur von Kurt Waldheim, die das Land polarisierte, sowie das Be- und Gedenkjahr 1988 vor sich. Zehn Jahre danach hat die Koalitionsregierung, bestehend aus der Österreichischen Volkspartei und den Sozialdemokraten, eine Historikerkommission eingesetzt, die die Aufgabe hatte, die NS-Zeit systematisch zu erforschen. Im Unterschied zum Jahre 1985 waren auf einmal die vielen Themen nicht mehr tabuisiert, und ein öffentlicher Widerstand gegen die Arbeit der Historikerkommission war nicht zu vernehmen. Es war auch eine andere (Politiker-) Generation herangewachsen. Und man muss auch hinzufügen, dass der Druck aus dem Ausland eine signifikante Rolle spielte. 1985 war es anders. Manche Buchhandels- und Verlagsfirmen wollten ihre eigene Geschichte nicht vorgesetzt bekommen. So wurden sowohl ich als auch der Verlag von verschiedener Seite Druck ausgesetzt. Das ging in meinem Fall bis in die berufliche und finanzielle Existenz hinein. Es gab nicht nur Klagedrohungen, sondern auch gerichtliche Klagen. Ich gehe davon aus, dass jetzt, wo die Berichte der Österreichischen Historikerkommission vorliegen, auch die österreichische Justiz eine andere Auffassung des Unrechts im NS-Staat hat. Damalige Zeitgenossen, die vorgaben, die eigene Firmenehre zu schützen, wollten nicht nachlesen müssen, wofür ein Buchhändler nach dem Zweiten Weltkrieg tatsächlich eine Haftstrafe verbüßen musste, wie eine Firma in den Nationalsozialismus verstrickt war, welches judenfeindliche und antidemokratische Programm den Verlag auszeichnete, oder welches Unrecht sie bei der „Arisierung“ einer jüdischen Buchhandelsfirma begangen hatten. Bis zum Erscheinen der Verlagsgeschichte 1985 hatte es von Seiten der Standesvertretung – und man kann ruhig behaupten: seit dem Tod von Carl Junker im Jahre 1927 – keinerlei Anstrengungen gegeben, die Branchengeschichte des 20. Jahrhunderts aufzuarbeiten. Im Gegenteil, und im Gegensatz zur politischen Geschichte der NS-Zeit musste ich die Erfahrung machen, dass diese Geschichte einfach nicht stattgefunden hat. Die Zeit zwischen dem 12. März 1938 und dem Ende der Kampfhandlungen des Zweiten Weltkriegs sowie der kurzen Phase der Entnazifizierung war lange Zeit buchstäblich nicht einmal eine Zeile wert. Als das Buch auf den Markt kam, hielt sich der heimische Buchhandel merklich zurück.

Die Verlagsgeschichte 1918-1938 kann als eine der ersten Arbeiten gelten, die systematisch konkrete Beispiele aus dem Bereich „Buchhandlungen“ und „Verlage“ anhand des Archivmaterials der Vermögensverkehrsstelle beschrieb. Das hat seinerzeit meinen „Freundeskreis“ nicht nur vermehrt. Ganz im Gegenteil: sie hat auch eine Überempfindlichkeit und Uneinsichtigkeit von Seiten jener hervorgerufen, die kein Unrechtsbewusstsein ihr eigen nennen können. Die Diskussion um die Verlagsgeschichte zeitigte aber auch Positives: Im Jahr 1988 hat der Hauptverband des österreichischen Buchhandels an dem Haus in der Seilergasse im Ersten Wiener Gemeindebezirk, wo einst die berühmte Buchhandlung Moritz Perles war, eine Gedenktafel angebracht, und zwar zur Erinnerung an die vielen jüdischen Buchhändler und Verleger in Österreich, die durch die NS-Herrschaft ihr Leben und ihre Existenz verloren.

Das zweibändige Werk wird inzwischen von einer interessierten Fachwelt als „Standardwerk“ gehandelt und ist schon seit längerer Zeit vergriffen. Die Arbeit hat über die Jahre mehrfach als Ausgangspunkt für vertiefende Studien gedient, wurde aber für diese Online-Version nicht aktualisiert.

Für die Einrichtung und Neugestaltung der Online-Edition meiner Verlagsgeschichte möchte ich Richard D. Hall sehr herzlich danken.

Wien, im April 2009

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