Donau-Verlag

Donau-Verlag (Wien-Leipzig) [1]

Donauverlag SignetGeschäftsführer und zugleich Gründer dieses Verlags war der am 4.11.1867 in Zikow (Böhmen) geborene Dr. phil. Richard Rosenbaum. [2] Bis zur Verlagsgründung hatte Rosenbaum im Wiener Theater- und Verlagswesen eine bewegte Karriere hinter sich gebracht. Er kam z.B. 1898 als Dramaturg bzw. künstlerischer und artistischer Sekretär an das k.k. Hofburgtheater. Nach einer Fehde mit dem Direktor Hugo Thimig zog Rosenbaum den kürzeren und verließ das Theater nach 17 Jahren Dienst im Mai 1915. [3] Als im letzten Kriegsjahr in Deutschland Papiernot herrschte, faßte der Inhaber des S. Fischer Verlags in Berlin den Entschluß, eine Wiener Zweigstelle zu errichten (s.d.), um eben auch in Österreich ein Papierkontingent zu bekommen. Kein geringerer als Fischer-Autor und Vertrauensmann Arthur Schnitzler empfahl den 51jährigen Rosenbaum als Leiter bzw. Geschäftsführer der Wiener Filiale. Doch wie S. Fischer Anfang 1919 bloß einige Wochen nach Eröffnung der Wiener Stelle zu erkennen gab, sei Rosenbaum „ein Beamter von mäßigen Gaben, unfähig meinen Verlag geistig zu repräsentieren.“ [4] Das Arbeitsverhältnis mit Rosenbaum wurde gelöst, Rosenbaum war aber auf den Geschmack gekommen, einen eigenen Verlag, nämlich den Donau-Verlag, zu gründen.

Mit Erlaß der n.ö. Statthalterei vom 15.4.1920 erhielt Richard Rosenbaum eine Konzession zum Betrieb des Verlagsbuchhandels in Wien, und bereits zwei Monate später wurde der Gesellschaftsvertrag der Donau Verlagsgesellschaft m.b.H. beim Notar errichtet. Am 23. Juli schließlich wurde die Firma unter Register C, Band 43, pagina 102 ins Wiener Handelsregister eingetragen.

Sitz der Gesellschaft war nun – wie auch einige Monate davor der Sitz des „S. Fischer Verlags, Wien“ – Wien 8., Florianigasse 23. Kurz nach der Gründung übersiedelte der Verlag nach Wien 8., Piaristengasse 43. Die Erwähnung von „Leipzig“ im Impressum bezieht sich lediglich auf die dortige Auslieferung durch F. Volckmar.

Der Donau-Verlag verwendete ein einprägsames Signet: zwischen den plakativ gedruckten Buchstaben „D V“ steht eine Rose. Von wem das Signet stammt, ist nicht bekannt.

Der im Gesellschaftsvertrag beschriebene Gegenstand des Unternehmens ließ praktisch keine Sparte des Verlagsgeschäftes außer acht: die Errichtung und den Betrieb eines Buch-, Kunst- und Zeitschriftenverlages, den Bühnenvertrieb dramatischer Werke, die Errichtung von Zweigniederlassungen im In- und Auslande, die allfällige Erwerbung, die Pachtung und den Betrieb von anderen Unternehmungen desselben Geschäftszweiges, die Beteiligung an solchen sowie den Betrieb aller sonstigen, aus der Entwicklung der gesellschaftlichen Unternehmungen sich ergebenden und mit deren Geschäftszweigen zusammenhängenden Geschäfte.

Das Anfangskapital von K 250.000 wurde zu gleichen Teilen von Konzessionsinhaber Dr. Rosenbaum, seinem Schwager Hermann Korytowski, Großindustriellen in Berlin, Herrn Rudolf Blitz, Herrn Wolf Wahrhaftig und Herrn Leopold Lippe, alle „Kaufleute“ in Wien, aufgebracht.

Rosenbaum hatte sich im Gesellschaftsvertrag die alleinige Entscheidungsgewalt sowie ein monatliches Honorar von K 4.000 ausbedungen und außerdem ein Drittel des Reingewinns für sich vorbehalten. Ja, er übernahm gleich die literarische, technische und kommerzielle Leitung des ganzen Geschäftes.

Aus den ursprünglichen Gesellschaftern wurden 1923 nur mehr zwei, als die Herren Blitz, Wahrhaftig und Lippe ihre Geschäftsanteile an Korytowski im März 1923 und an Rosenbaum im Juni 1923 abtraten. Doch zu diesem Zeitpunkt existierte der Verlag so gut wie nur mehr auf dem Papier.

In einer a.o. Generalversammlung vom 18. Juni 1925 wurde die Auflösung und Liquidation der Donau-Verlagsgesellschaft m.b.H. beschlossen und Dr. Rosenbaum zum Liquidator bestellt (s. Wiener Zeitung, 11.7.1925).

Hierauf meldete sich die Rechtsnachfolgerin und Alleinerbin nach Hans Kaltneker, die Feldmarschalleutnantswitwe Frau Leonie Kaltneker, die inzwischen die Rechte auf die Werke ihres verstorbenen Sohns an den neugegründeten Paul Zsolnay Verlag verkauft hatte. Sie machte Rosenbaum darauf aufmerksam, daß der Donau-Verlag nicht weiter über die Rechte auf Kaltneker verfüge. Dies läßt den Schluß zu, daß der Verlag schon 1923 nicht mehr in der Lage war, weitere Bücher zu produzieren. Ein Jahr nach der angekündigten Auflösung war allerdings noch keineswegs entschieden, ob die Liquidation des Donau-Verlags durch eine Auflösung des Unternehmens oder durch eine Umwandlung in eine Einzehfirma erfolgen würde. Die Prozedur der Liquidation zog sich noch bis Ende Dezember 1928 hin, während die Löschung aus dem Handelsregister am 5. Februar 1929 erfolgte.

Die Produktion

Während S. Fischer seinen nur kurze Zeit tätigen Wiener Geschäftsführer Rosenbaum für „unfähig“ hielt, seinen Verlag in Wien geistig zu repräsentieren, scheint der Donau-Verlags-Geschäftsführer Rosenbaum auch keine glückliche Hand dabei gehabt zu haben, sein eigenes Geschäft in Schwung zu halten. Dies lag gewiß nicht an der Produktionspalette, die keineswegs unattraktiver war als die vergleichbarer junger Verlage. Dennoch brachte es der Donau-Verlag in den zwei Jahren (1921, 1922), in denen Werke erschienen sind, auf lediglich zehn Bücher. Zwei davon (Der Prinz von Hysterien. Roman, 1921; Harun-al-Raschid. Märchenspiel in fünf Bildern, 1921) stammen von der Gattin Rosenbaums, Kory Elisabeth Rosenbaum (ps. Kory Towska, 1868-1930), zwei von Thaddäus Rittner (Die andere Welt. Roman. 1921; Die Feinde der Reichen. Schauspiel in acht Bildern, 1921), zwei von Hans Kaltneker (Das Bergwerk, Drama in drei Akten. 1921; Die Liebe. Novelle. 1921) sowie je ein Werk von Leopold Lipschütz (Prinz Ary und seine Liebschaften. Roman, 1921), Karin Michaelis (Don Juan im Tode. Novelle 1921), Günther Harum (Die Schlafraube der Chadidscha. Märchen für große Kinder. 1922) und E.T.A. Hoffmann (Hofmanns Erzählungen. Die Vorlagen zur Oper Offenbachs. Eingeleitet von Max Mell. 1922). Von fast jedem Titel wurden zwei Ausgaben (geheftet bzw. gebunden) hergestellt.

Trotz der zu dieser Zeit noch herrschenden Papierknappheit und der hohen Druckkosten war der Donau-Verlag bemüht, reizvolle, verkaufsfördernde Umschlag- bzw. Einbandzeichnungen und bildnerischen Schmuck für seine Werke herstellen zu lassen, was zu dieser Zeit keine Selbstverständlichkeit war. So haben junge Künstler wie Arthur Stadler (1892-1937), Axl Leskoschek (1889-1976) und Robert Lederer für graphische Ausstattung gesorgt. Gedruckt wurde in der Regel bei der Offizin der Waldheim-Eberle A.G. in Wien.

Es hätten aber mehr als bloß zehn Bücher im Donau-Verlag erscheinen sollen. Noch 1922 wurden in einer Verlagsanzeige fünf weitere Titel angekündigt, darunter drei von Hans Kaltneker: ein Novellenband und zwei Stücke (Die Schwester; Die Opferung), die 1-2 Jahre später in das Programm des Paul Zsolnay Verlags aufgenommen wurden. Zwei andere Stammautoren wie der inzwischen verstorbene Rittner und Kory Towska rundeten das geplante Programm ab (Rittner, Die fremde Königin. Novellen; Kory Towska, Sozialaristokraten. Roman).

Das kurze Leben des Donau-Verlags kann bzw. muß auf eine Absatzstockung einerseits und eine schlechte Geschäftsführung andererseits zurückgeführt werden. Möglich ist, daß die 1921-22 auf schlechtem, d.h. holzhältigem Papier gedruckten Bücher nach Ende der Inflationszeit einfach keine Käufer mehr fanden. Das ist sogar sehr wahrscheinlich. Diese These wird durch die am Ende der Liquidation erstellte „Schluß-Bilanz vom 1. Dezember 1928“ erhärtet.

Obwohl genaue Auflagenzahlen fehlen bzw. nicht bekannt sind, läßt sich dennoch feststellen, daß die Startauflagen (mit holzhältigem Papier) zu hoch waren und zu langsam abgesetzt werden konnten, als daß das Geschäft florieren konnte. Die Schlußbilanz des Donau-Verlags, die der Liquidator Dr. Rosenbaum der a.o. Generalversammlung Mitte Dezember 1928 vorlegte und die dem Registerakt beigelegt ist, weist nämlich unter „Aktiva“ sechs bzw. sieben Jahre nach deren Erscheinen Warenvorräte in Wien und Leipzig von nicht weniger als 15.742 Exemplaren auf! Drei Werke scheinen besondere Ladenhüter gewesen zu sein (Harum, Lipschütz, Hoffmanns Erzählungen /Mell), denn die Lagerbestände machten vom gesamten Warenvorrat allein 41% aus. Dem Kassastand vom 30. November 1928 von S 5348 standen Passiva (Gläubigerforderungen von Rosenbaum und Kory Towska) von S 34.292 gegenüber.

Der Donau-Verlag, der etwas mehr als acht Jahre nur auf dem Papier zu existieren schien, war in Wirklichkeit ganze zwei Jahre im Geschäft. Alleininhaber Dr. Rosenbaum ist nicht mehr in Erscheinung getreten.

Anmerkungen

[1] Quellenhinweis: Handelsgericht Wien. Registerakt C 43, 102 (WrStLa).

[2] Rosenbaum lebte laut Meldeauskunft der WrStLa vom 9.2.1891 bis September 1941 in Wien. Er starb im KZ Theresienstadt am 25.6.1942.

[3] Den mehr oder weniger unfreiwilligen Abgang Rosenbaums vom Hofburgtheater nahmen zwei prominente Dramatiker – Gerhart Hauptmann und Arthur Schnitzler – zum Anlaß, die Neue Freie Presse aufzufordern, offene Sympathiebriefe an Rosenbaum zu veröffentlichen, was sie auch tat. Schnitzler schreibt u.a.: „Sie wissen, daß die Wünsche und Hoffnungen zahlreicher Freunde, unter die ich mich gerne zähle, auf jedem neuen Weg Ihnen folgen werden; und ich für meinen Teil bin sicher, wo immer ich Ihnen amtlich und außeramtlich begegnen werde, den liebenswürdigen, wahrhaften Menschen wiederzufinden, als der Sie sich im Laufe aller dieser Jahre mir gegenüber immer erwiesen haben, innerhalb und außerhalb des Theaters, aus dessen Chronik Ihr Name als eines in Stille und mit Ernst tätigen Mitarbeiters dreier Direktoren niemals wird schwinden können.“ (Nr. 18.222, 16.5.1915, S. 18) Schnitzler irrte: Am Burgtheater weiß heute keiner etwas von ihm. (Frdl. Hinweis von Peter Braunwart, Wien.) Von Rosenbaum ist im Schnitzler-Tagebuch 1909-1912 öfter die Rede. (A.S., Tagebuch. 1909-1912. Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 1981.)

[4] Zitiert nach PETER DE MENDELSSOHN, S. Fischer und sein Verlag. Frankfurt/Main: S. Fischer, 1970, S. 775.

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