Gloriette-Verlag

Gloriette-Verlag (Wien) [1]

Gloriette SignetDer „Gloriette-Verlag“ war einer von unzähligen kurzlebigen Neugründungen der jungen Republik. Am 27. November 1920 beantragten der 26jährige Verlagsdirektor in Wien, Leo Schidrowitz, [2] und Martha Mussotter, Private, als Geschäftsführer die Eintragung der „Gloriette-Verlags-Ges.m.b.H.“ ins Wiener Handelsregister. Der Gesellschaftsvertrag war mit 20. Dezember 1920 datiert, das voll eingezahlte Stammkapital betrug K 50.000, und der Sitz der Firma war Wien 1., Franziskanerplatz 5 (ab 28.2.1922: I., Rudolphsplatz 5; nach Mai 1923: I., Lugeck 7). Im Gesellschaftsvertrag wurde als Gegenstand des Unternehmens folgendes angeführt:

die Verlegung, Herstellung und der Vertrieb literarischer Werke, bibliophiler Werke, periodischer und nicht periodischer Druckschriften aller Art, Beteiligung an anderen Unternehmungen des gleichen Geschäftszweigs, sowie Erwerbung solcher Unternehmungen und Vornahme aller mit diesen Tätigkeiten im Zusammenhange stehenden Handelsgeschäfte.

Das Stammkapital wurde von vier Gesellschaftern aufgebracht:

Leo Schidrowitz (K 10.000), Martha Mussotter (K 10.000), Simon Jolles (K 15.000) und Schulim Vorschirm (K 15.000). Am 30. Dezember 1920 wurde schließlich die „Gloriette-Verlags-Gesellschaft m.b.H.“ unter Register C, Band 47, pagina 247 ins Wiener Handelsregister eingetragen.

Gloriette Signet

Anfang 192Gloriette Signet2 schied Frl. Martha Mussotter als Geschäftsführerin aus der Firma aus, und an ihre Stelle trat der Kaufmann Otto Klement. Kurz darauf wurden die Geschäftsanteile bzw. Stammeinlagen sämtlicher Gesellschafter mittels Abtretungsverträge an Klement übertragen. Schidrowitz hingegen blieb weiterhin kollektivzeichnungsberechtigter Geschäftsführer. Bei der a.o. Generalversammlung am 19. Mai 1923, als der Verlag seinem Ende zusteuert, legt Schidrowitz seine Stelle als Geschäftsführer zurück. Klement bleibt alleiniger und einziger Geschäftsführer. Das Verlagsgeschäft hört dann im Laufe des Jahres 1924 auf einmal auf. Da Klement seine Firma auf Grund des Goldbilanzgesetzes (Umstellung auf Schillingwährung) nicht zur Eintragung ins Handelsregister anmeldet und außerdem sich im Mai 1927 unbekannt wohin abmeldet, wird die Gloriette-Verlags-Ges.m.b.H. am 15. Februar 1929, also etwa sechs Jahre nach dem eigentlichen Einstellen des Verlagsbetriebes, aus dem Handelsregister gelöscht.

Die Produktion

Die Produktion des Gloriette-Verlags in den Jahren 1921 bis 1924 umfaßt etwa ein Dutzend Publikationen. Der Verlag war – wenn überhaupt auf etwas – auf bibliophile Werke und Luxusdrucke mit oft ausgefallenen Themen spezialisiert, so z.B. Die Tänze des Lasters, des Grauens und der Ekstase (1923) von Anita Berber und Sebastian Droste (d.i. Wilhelm Knobloch) oder die Sammlung erotischer Volkslieder Das schamlose Volkslied, die wegen ihrer Titel unweigerlich in die Secreta-Sammlung öffentlicher Bibliotheken wanderten, und Belletristik. Trotzdem scheint der Verlag keine vom Thematisch-Inhaltlichen her klar erkennbare Linie – außer vielleicht die des Geldverdienens – verfolgt zu haben.

Plakat für die Uraufführung der Verfilmung von Bettauers 'Die Stadt ohne Juden' in BerlinVerlagszugpferd Nummer eins auf diesem Gebiet war zweifelsohne der 1925 erschossene Wiener Journalist und Schriftsteller Hugo Bettauer (1872-1925). Er ließ fünf Romane, nämlich Der Frauenmörder (1922), Der Herr auf der Galgenleiter (1923), Das blaue Mal. Der Roman eines Ausgestoßenen (1922) sowie zwei seiner erfolgreichsten „Wiener Romane“ Die Stadt ohne Juden. Ein Roman von Übermorgen. (1922) (bis 1924 zehn Auflagen) und Die freudlose Gasse. Ein Wiener Roman aus unseren Tagen, im Gloriette-Verlag erscheinen. 1924 gingen diese Bücher nach Erlöschen des Verlags an den Richard Löwit Verlag weiter, und dieser verdiente auch entsprechend viel – trotz 15% Autorentantiemen – an den neuen Titelauflagen und Bettauers sonstigem Romanschaffen. Neben Bettauer verlegte das Unternehmen drei weitere Autoren:

Lina Loos, Ewald Gerhard Seeliger (Die Entjungferung der Welt. Ein göttlicher Roman, 1923, Aufl. 10.000), und Leo Feigl, dessen Bergsteigerroman Die Rax (1924; Aufl. 5.000) an den Paul Knepler Verlag gelangte.

Die verworrene Verlagslinie läßt sich noch durch zwei weitere Publikationen dokumentieren, nämlich durch eine von Schidrowitz angeregte und von Anna Nussbaum und Else Feldmann herausgegebene Sammlung von Briefen, Aufsätzen und Zeichnungen der Wiener Schulkinder im Ausland u.d.T. Das Reisebuch des Wiener Kindes (1921) und durch die Schrift Der Aebtissin St. Hildegadis myst. Tier- u. Artzeneyen-Buch (1923) von Sancta Hildegard.

Der GlorieGloriette Signettte-Verlag versuchte sich auf graphischem Gebiet zu profilieren. So zeichnete die Frau von Geschäftsführer Schidrowitz, die Malerin und Illustratorin Martha von Wagner-Schidrowitz (Schwester der Burgschauspielerin Erika v. Wagner), die Umschlagentwürfe aller Bettauer-Bücher. Erwähnenswert ist die Porzellanpagode. Altchinesische Lyrik in Nachdichtungen (1921) von Otto Wolfgang mit Original-Lithographien von Viktor Leyrer in ganz besonders raffinierter Aufmachung. Bibliophile Werke, Vorzugsausgaben, Luxusdrucke und dgl. ließ der Verlag in der Kunstdruckerei Frisch & Co. herstellen. So erschien Das schamlose Volkslied im Frühjahr 1921 in drei Ausgaben („A“ Leder, „B“ Halbleder, „C“ Halbleinen). [3] Der Buchschmuck für dieses Werk wurde von Viktor Leyrer, H.W. Braun, Mario Petrucci und Robert Kracher besorgt. Von Leyrer stammen auch die 1921 im Gloriette-Verlag erschienenen Phantasien zu Wedekinds „Frühlings Erwachen“. Sonstige Illustrationen im Gloriette-Verlag wurden von Franz Plachy (Die Rax) gefertigt.

Da der Gloriette-Verlag auf den schönen Druck großen Wert legte und zu diesem Zweck Luxusausgaben in der Kunstdruckerei Frisch & Co. herstellen ließ, hat er auch versucht, entsprechende Signets zu entwerfen. So wurden 1921 für die Volksliedersammlung und für das Schauspiel Mutter von Lina Loos einige Signets entworfen. Naheliegend war es natürlich, eine Strichzeichnung der Gloriette in Schönbrunn als Verlagsemblem zu wählen, wie es in Bettauer-Büchern zu finden ist. Zwei weitere fanden in den Jahren 1922 und 1923 Verwendung.

Warum der Verlag einging, ist nicht klar, doch dürften sowohl Finanzschwäche infolge der Inflation und des stockenden Absatzes als auch der Börsenkrach des Frühjahrs 1924 und persönliche Unstimmigkeiten das Ihre dazu beigetragen haben.

Ein Teil der schmalen Verlagsproduktion wurde von einem Berliner Verlagsbuchhändler, ein weiterer Teil, wie erwähnt, von den Wiener Unternehmen Rich. Löwit Verlag und Paul Knepler Verlag übernommen. Im selben Jahr (1924) gründete Leo Schidrowitz nun auch seinen eigenen Verlag (s.d.)

Anmerkungen

[1] Quellenmaterial: Handelsgericht Wien. Registerakt Reg C, 47, 247; Verlagsanzeigen im Anzeiger.

[2] Im Laufe der Ersten Republik hat es wohl kaum einen zweiten Literaten gegeben, der mit so vielen eigenen österreichischen Verlagsunternehmen verbunden war wie Schidrowitz. Er war im Krieg Redakteur und Theaterkritiker der Wiener Mittags-Zeitung und der Kunst- und Musikzeitschrift Der Merker. Gleichzeitig gründete er die Zeitschrift Die Ernte, nach dem Krieg die kunstkritische Zeitschrift Der Maßstab und die Programmzeitschrift des Deutschen Volkstheaters in Wien, Der Aufbau. Außerdem war Schidrowitz Gründer des Leo Schidrowitz Verlags, Direktor des Frisch & Co. Verlags, Gründer des Amonesta- und Kulturforschungs-Verlags, sowie literarischer Leiter des Zinnen-Verlags.

[3] Dieses Werk erschien in gleicher Aufmachung Anfang 1925 in der Hanns Grass Verlagsbuchhandlung, Berlin. Es handelt sich offensichtlich um die 2. Auflage. Siehe Anzeiger, Nr. 1, 2.1.1925, S. 6.

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