Gsur-Verlag

Gsur-Verlag (Wien) [1]

Der „Gsur Verlag“ bzw. der „Verlag Gsur & Co.“ nimmt in der österreichischen Verlagslandschaft der dreißiger Jahre eine Sonderstellung ein. Was diesen Verlag einzigartig machte, war u.a., daß er von einem aktiven österreichischen Politiker geführt wurde, daß er wie kein zweiter Verlag dieser Zeit in Österreich eine so kompromißlos antinationalsozialistische Linie einhielt, [2] daß er unter bewußtem und völligem Verzicht auf den reichsdeutschen Markt produzierte und schließlich, daß er durch die österreichische Behörde gezwungen war, seine Geschäftstätigkeit einzustellen.

Die Firma „Gsur u. Co.“ mit Betriebsgegenstand „Buchhandlung und Verlag“ ging in Form einer Übernahme aus der „Vogelsang-Buchhandlungs- und Verlags Ges.m.b.H.“ hervor. Bei der ursprünglichen Mitgliedschaftsanmeldung bei der Korporation der Wiener Buch-, Kunst- und Musikalienhändler im Jahre 1929 hieß es allerdings noch „Gsur und Scherr“, „Liga-Verlag“ und „Liga-Buchhandlung“, was in einem Schreiben Ernst Karl Winters vom 19.5.1930 an die Korporation berichtigt wird. Die Buchhandlung sollte unter dem Namen „Österreichische Bücherei“ fortgeführt werden, die diesbezügliche Konzession wurde jedoch nicht in Anspruch genommen. Der Verlag nannte sich den Gegebenheiten entsprechend „Gsur u. Co.“ (später: Gsur & Co.). Er bestand als offene Handelsgesellschaft seit dem 29. Jänner 1930. Die Gesellschafter waren Fräulein Gusti Gsur, Geschäftsfrau und Inhaberin einer Papierhandlung im 15. Bezirk, und Dr. Ernst Karl Winter, Schriftsteller. Vertretungsbefugt war letzterer allein, und die Firma wurde am 14. März 1930 unter Register A, Band 73, pagina 142 ins Wiener Handelsregister eingetragen. Die zwei Gesellschafter bestätigten in einem Schreiben an das Handelsgericht Wien, daß „das Unternehmen über den Umfang des Kleingewerbes hinausgeht und daß zur ordnungsmäßigen Abwicklung der Geschäfte eine kaufmännische Einrichtung und Buchführung erforderlich ist. (…) Die Tätigkeit des Unternehmens erstreckt sich nicht nur auf Wien und Österreich, sondern auch auf das Ausland. Es ist anzunehmen, daß der jährliche Umsatz den Betrag von S 100.000 erreichen dürfte.“ [3]

Weniger als vier Monate nach der handelsgerichtlichen Eintragung schied die Namensspenderin des Verlags einvernehmlich aus der Firma aus und überließ Dr. Ernst Karl Winter die Fortführung des Unternehmens (13.4.1930).

Die Firma hatte ihren Sitz zunächst in Wien 8., Piaristengasse 5, bis Winter im Februar 1934 um eine Standortverlegung in seine Privatwohnung in Wien 18., Ladenburggasse 58/12 ansuchte und im September desselben Jahres die Genehmigung erhielt.

Mit dem Tag seines Amtsantritts als 3. Wiener Vize-Bürgermeister, d.h. am 6.4.1934, meldete Winter der Korporation den Nicht-Betrieb des Verlags. Das als Erklärung dafür, daß die Produktion des Gsur-Verlags sich in zwei Phasen (1930-33; 1935-36) gliedert. Im folgenden Monat richtete das Präsidialbüro der Stadt Wien ein Schreiben an den Leiter des Mag. Bezirksamts für den 18. Bezirk, in dem mitgeteilt wurde, daß Herr Vizebürgermeister Dr. Winter die Gesamtauslieferung seines Verlages dem Reinhold-Verlag in Wien IX übergeben habe. [4] Da Winter das Verlagsgeschäft zu diesem Zeitpunkt nicht ausübte, ersuchte er, die Übertragung der Konzession in den Standort 18., Ladenburggasse 58 durchzuführen. Offenbar aus Angst, daß seine im „Nichtbetrieb“ befindliche Konzession der Entziehung durch die Gewerbebehörde verfallen könnte, wandte sich Winter im Februar 1935 an den Korporationssyndikus Dr. Sigmund Wisloschill um Rat. Daraufhin richtete Winter am 23. März 1935 ein Schreiben an die M.A. 4, in dem er den Wiederbetrieb mit 1.4.1935 zur Anzeige brachte. Im November desselben Jahres suchte Winter um die Verlegung seiner Konzession von der Privatwohnung im 18. Bezirk nach dem Standort Wien 6., Rechte Wienzeile 95-97, also in das Haus der Vorwärts-Druckerei A.G., wo die Arbeiter-Zeitung einst gedruckt wurde, an, was von der Korporation alsbald befürwortet wurde. Nach der Darstellung des einstigen Verlagslektors und Geschäftsführers, Karl Hans Heinz, bezog Winter nicht nur Büroräume im „Vorwärts-Verlag“, sondern „von dort auch noch 2.000 Schilling monatlich, die er seinerzeit für seine Tätigkeit beim „Arbeiter-Sonntag“ erhalten hatte. Die kostenlose Benützung der Büroräume, des Telefons und die 2.000 Schilling (…) waren die finanzielle Basis für die nunmehr beabsichtigte Buchproduktion des Gsur-Verlages. Das war gewiß eine schmale Grundlage (es mußten drei Angestellte bezahlt werden) (…).“[5] Streng genommen handelte es sich um die Wiederaufnahme der Verlagsproduktion.

Winter wurde allerdings bald vom Zeitgeist eingeholt: er mußte das Vorwärts-Haus räumen. Am 1. Oktober 1936 richtete er z.B. das folgende kurze Schreiben an die M.A. 4 (Pr. W./2459/36):

Als Alleininhaber der Firma „Gsur & Co.“, Verlagsunternehmen, ersuche ich um die Bewilligung der Standortsverlegung meiner Firma von Wien, V., Rechte Wienzeile 97 nach Wien, I., Riemergasse 5 ab 1. Oktober l.J., da mir die bisherigen Räumlichkeiten seitens der „Vorwärts-A.G.“ gekündigt wurden.
Dr. Ernst Karl Winter
Vizebürgermeister der Stadt Wien, XIX., Huschkagasse I.

Winter übersiedelte also kurzfristig in dasselbe Haus, in dem zuvor der Verlag Frisch & Co. untergebracht war.

Das Ende des Verlags bzw. der Verlagstätigkeit im selben Jahr fiel mit der polizeilichen Beschlagnahme eines Beihefts zur Zweimonatsschrift Wiener Politische Blätter, die selber mehrmals konfisziert wurde, zusammen. Wie aus der betreffenden Literatur bekannt, hatte Winter wegen seiner Einstellung zu innen- und außenpolitischen Fragen nicht nur Freunde. Das letzte Heft der Wiener Politischen Blätter (Nr. 7/8 vom 4. Jg.) war als Juli-August-Heft am 5.7.1936 erschienen. Das erwähnte Beiheft „Monarchie und Arbeiterschaft“ erschien am 1. Oktober und wurde bereits Ende des Monats polizeilich verboten. So wurde Winter „aus Gründen der öffentlichen Ruhe, Ordnung und Sicherheit“ die Bewilligung zur weiteren Herausgabe seiner Zeitschrift entzogen. [6] Die Enthebung Winters und das Ende seiner Verlagstätigkeit hat nicht nur in der Deutschen Gesandtschaft in Wien Freude ausgelöst – worauf noch eingegangen wird auch seine österreichischen Widersacher in den Wehrverbänden hatten Grund zum Feiern. Nach einer Darstellung im offiziellen Organ des Österreichischen Heimatschutzes, dem Heimatschützer, der Winter ständig bekämpft hatte, gab die Broschüre Arbeiterschaft und Monarchie auch den Anstoß zur „Beurlaubung“ Winters als 3. Vize-Bürgermeister von Wien. „In diesem, nunmehr endgültig beschlagnahmten Machwerk gab er Volksfront-Parolen heraus und wandte sich gemäß seiner Einstellung, daß er sich ,mit Dr. Bauer menschlich verbunden fühle‘, gegen den Staat. (…) In dieser Broschüre feierte Dr. Winter den Bolschewismus (…).“ (4. Jg., Folge 44, 31.10.1936, 3.). Mit der Enthebung des Dr. Winter erfahre – so Der Heimatschützer – die Politik des Heimatschutzes „vollste Würdigung und Rechtfertigung“. Übrigens auch die der Nazis … In den Beständen des Justizministeriums im Allg. Verwaltungsarchiv liegt eine umfangreiche Zahl von Akten zu dieser Beschlagnahme.

Trotz der erzwungenen Einstellung jedweder Tätigkeit blieb die Konzession Winters für den Verlagsbuchhandel weiterhin aufrecht und wurde erst im Herbst 1937 unter der Bedingung von Winter zurückgelegt, daß sie an den Verein „Österreichische Katholische Liga“ erteilt würde. Die Firma „Gsur & Co.“ existierte noch eine Weile als „Karteileiche“. Am 26. Jänner 1936 teilte die Handelskammer für Wien auf eine entsprechende Anfrage des Handelsgerichts mit, daß „der Betrieb des Unternehmens dauernd eingestellt“ sei. Im März 1939 wurde Dr. Ernst Karl Winter, der sich (über Salzburg) am 24. Mai 1938 nach Zürich abgesetzt hatte, aufgefordert, die Löschung seiner Firma aus dem Handelsregister anzumelden, was schließlich am 17. Oktober 1939 von amtswegen erfolgte.

Die Produktion

Wie bereits erwähnt, gab es zwei durch den Antritt des Bürgermeisteramts bedingte Produktionsphasen. In der ersten Phase 1930-33 hielt Winter an einer „katholisch-konservativen Linie“ fest. 1935/36 lagen seine Publikationen mit wenigen Ausnahmen „auf der antinationalsozialistischen Linie, für die wir immer das ,Bündnis von rechts bis links gegen den ,Nationalsozialismus“ gefordert haben“. [7] Noch früher, nämlich im Dezember 1933, bezeichnet Winter sein Unternehmen als einen Verlag, „der in erster Linie kein geschäftliches Unternehmen (ist), sondern geistige Ziele verfolgt“. [8]

Das erste nachweisbare Verlagswerk stammt von Ernst Karl Winter selbst, und zwar das 1930 erschienene Werk Platon. Das Soziologische in der Ideenlehre. Mit einem ikonographischen Exkurs. Darauf folgten einige Schriftenreihen. So gab Winter die Reihe Wiener soziologische Studien heraus, in der drei Hefte, wie z.B. Hans Eibls Von Augustinus zu Kant, erschienen. Im Jahre 1930 hat der Verlag Gsur u. Co. außerdem eine Bücherreihe herauszugeben begonnen, die nach Auffassung und Ausstattung einen neuen religiösen und vaterländischen Buchtypus repräsentierte. Diese Reihe, die ursprünglich nur als eine zwanglose Folge gleich orientierter, selbständiger Publikationen gedacht war, wurde nunmehr unter dem Sammelnamen Österreich, Religion und Kultur unter der Herausgeberschaft Winters weitergeführt. [9] Es erschienen folgende Werke:

Dominicus a Jesu Maria O. Carm. Disc. Seine Persönlichkeit und sein Werk. Festschrift zum 300. Todestag. Herausgegeben von A.M. Knoll, E.K. Winter, H.K. Zeßner-Spitzenberg. (1930) Antonius von Padua. Festschrift zum 700. Todestag. Herausgegeben von P. Erhard Schlund O.F.M. (München). (1931)
Marco D“Aviano O.M. Cap. Seine Zeit und sein Werk. Festschrift zum 250. Jahrestag der Türkenbefreiung Wiens. Herausgegeben von K.J. Grauer, E.K. Winter, H.K. Zeßner-Spitzenberg. (1933)
Heiliges Wien. Ein Führer durch Wiens Kirchen und Kapellen. Herausgegeben von Alfred Missong. (1933)

Etwa zur gleichen Zeit, als diese „Heiligen Schriften“, die „einen ganz neuen Typus religiöser Literatur verkörpern“ (Verlagsanzeige) erschienen, brachte der Gsur-Verlag zwei Bücher auf den Markt, die einiges Aufsehen erregten. Es bedeutete dies schon der Anfang jener „Schriften gegen den Nationalsozialismus“, wie es in einer frühen Verlagsanzeige beißt. Obwohl der Verlag solche Bücher kaum hätte produzieren können, wenn er bloß auf seinen österreichischen Kundenkreis angewiesen gewesen wäre, konnte Winters Verlag nach dem März 1933 allgemein und nach der Herausgabe zweier anti-nationalsozialistischer Schriften im besonderen überhaupt nur zwei Werke entweder an Privatkunden oder an das Sortiment nach Deutschland liefern. Ansonsten verließ sich Ernst Karl Winter nicht auf den üblichen Sortimentsbuchhandel zur Verbreitung seiner Verlagswerke:

Es ist selbstverständlich, daß Publikationen, wie die vorerwähnten, verlegerisch von keinem eben erst entstandenen Verlag, der dazu ohne Kapital beginnt, herausgebracht werden können, wenn er die herkömmlichen, durch die Leipziger Buchhändlerordnung vorgezeichneten Wege der Werbung, die ausschließlich über das Sortiment führen, beschreiten würde. [10]

Im Frühjahr 1932 – zu einem Zeitpunkt also, als es noch keinen Reichskanzler Hitler und noch keinen sehr breit angelegten Kampf gegen den aufkeimenden Nationalsozialismus gab – erschienen im Verlag Gsur u. Co. zwei Schriften, die die vorhin erwähnte und ab 1935 kompromißlos verfolgte Anti-NS-Linie etablierten. Sie stammten vom Franziskanerpater Zyrill Fischer und hießen Die Hakenkreuzler und (als Auszug daraus) Die Nazisozis, „von denen innerhalb eines halben Jahres fast 15.000 Stück, nahezu ausschließlich in Österreich abgesetzt werden konnten“. [11] „Die Schriften Fischers waren“ – so Winter – „in Österreich der erste Versuch, von katholischer Seite dem Nationalsozialismus entgegenzutreten, und deshalb vom Verlag Gsur & Co., der in erster Linie kein geschäftliches Unternehmen ist, sondern geistige Ziele verfolgt, akzeptiert worden (…).“[12]

Im November desselben Jahres erschien eine Schrift im Verlag Gsur u. Co., „die eine eindeutige Frontstellung gegen den Nationalsozialismus als Weltanschauung ebenso wie als politische Bewegung zu beziehen versuchte“, [13] nämlich Der Nazispiegel von Thomas Murner (Pseudonym). Im folgenden Jahr sollte diese Schrift nicht weniger als drei Prozesse auslösen, denn zunächst einmal konstatierten „aufmerksame Leser“ stellenweise frappierende Ähnlichkeiten zwischen Fischers Die Hakenkreuzler und Murners Der Nazispiegel. [14]

Am 16. April 1933 erschien die erste Folge der von Ernst Karl Winter herausgegebenen Zeitschrift Wiener Politische Blätter. Bereits das erste Heft wurde in Deutschland verboten, und das Postscheckkonto der Firma Gsur u. Co. in München wurde von der Bayerischen Politischen Polizei für Abhebungen gesperrt. [15] Die „unfreundliche Maßnahme“ wurde verfügt, wie Winter vermutete, „weil unser Verlag durch die Herausgabe antinationalsozialistischer Schriften (…) Ihr Mißfallen erregt hat. Uns selbst ist die Mitteilung von Ihrer Seite, daß diese erwähnten Schriften in Deutschland verboten worden seien, niemals zugekommen.“ (ebda., 245 f.) Winter nahm die Gelegenheit Ende 1933 wahr, um die Bayerische Politische Polizei über seinen Verlag aufzuklären:

Wir sind ein kleiner Verlag, der ein geistiges Ziel vor allem hat, keine eigentlich kaufmännische Orientierung – wie dies ja auch am Anfange Ihrer Bewegung vielfach so gewesen ist. Nur mit dem Unterschiede, daß unser Idealismus der österreichischen Idee gilt. Wir sind daher politische Gegner. (Ebenda, 247)

Diese und weitere Schriften, die noch zu erwähnen sind, standen sehr wohl in jenem „Verzeichnis der seit 1933 im Deutschen Reich verbotenen Bücher österreichischer Verlage“, das im Frühjahr 1937 zwecks zwischenstaatlicher Verhandlungen über die Aufhebung von Bücherverboten den österreichischen Behörden übergeben wurde. Die de facto verbotenen Wiener Politischen Blätter finden sich, weil Zeitschrift, nicht im Verzeichnis.

Es muß jedoch eine Kuriosität im Zusammenhang mit der Fischer-Murner-Kontroverse nachgetragen werden: Das soeben erwähnte Verzeichnis aus dem Jahre 1937 verbietet „sämtliche Schriften“ von Zyrill Fischer, der mit Thomas Murner für identisch erklärt wird, und zugleich „sämtliche Schriften“ von Thomas Murner, der mit Zyrill Fischer als identisch gesehen wird. [16]

Als Vertreter einer „konservativen Front“ gegen den Nationalsozialismus hatte Thomas Murner 1933 im Gsur-Verlag die Schrift Das Tagebuch der nationalen Revolution erscheinen lassen, die laut Vorwort vom 31. Juli 1933 „um nichts mehr anti-nationalsozialistisch als die Reden der Führer des Nationalsozialismus und ihre Aktionen“ sei.

Nach der Wiederaufnahme seiner Verlagstätigkeit 1935 kündigte Winter im September[17] eine Reihe von Neuerscheinungen an und leitete hiemit eine neue Phase ein mit Büchern, die von anderen Verlagen großteils kaum angenommen worden wären. Einige Wochen später legte Winter die Verlagslinie klar fest:

Im Sinne der bisherigen Orientierung unserer literarischen Produktion werden wir literarische, politische und wissenschaftliche Publikationen aus drei verschiedenen Gebieten veröffentlichen. Die Reihe A unserer Publikationen wird die soziale Linie fortsetzen, die das Buch „Arbeiterschaft und Staat“ und die Zeitschriften der „Österreichischen Arbeiter-Aktion“ begonnen haben. Die Reihe B unserer Publikationen wird die österreichische Linie fortsetzen, die in der Reihe „Österreichische Religion und Kultur“ in bisher vier Publikationen, sowie in dem Werk über Rudolph IV. vorliegt. Die Reihe C unserer Publikationen wird die antinationalsozialistische Linie fortsetzen, die in den Schriften von Thomas Murner grundgelegt wurde. Viele unserer Leser werden sich für alle drei Reihen interessieren, viele nur für diese oder jene Reihe. Wir bitten sie alle, uns dieses Interesse bald bekanntzugeben, weil wir nur auf dieser Grundlage vorausblickend arbeiten können. [18]

Es folgten nun nach einer Aufstellung des seinerzeitigen Verlagslektors Heinz innerhalb von 15 Monaten – also bis Ende Oktober 1936 – acht Verlagswerke, darunter Romane, Lyrik und Bühnenstücke, die alle konsequent und kompromißlos in der bisher verfolgten Anti-NS-Linie lagen. [19] Es handelt sich um folgende Werke:

Walter Mehring, Müller. Chronik einer deutschen Sippe. Roman. (1935) Hermynia Zur Mühlen, Unsere Töchter die Nazinen. (1935)
Andreas Hemberger, Barabbas. Erzählung aus der Zeit Christi. (1936) Peter Drucker, Die Judenfrage in Deutschland. (1936)
Walter Berger, Was ist Rasse? Versuch einer Abgrenzung ihrer Wirksamkeit im seelischen Bereich. Mit Berücksichtigung des jüdischen Rassenproblems. Hrsg. von der Philipp-Spitta-Gedächtnis-Gesellschaft. (1936)
Albert Ganzert (Pseudonym), Die Grenze. Ein Schicksal aus 600.000. (Bühnenstück, 1936)
Theodor Kramer, Mit der Ziehharmonika. (1936)
Ernst Karl Winter, Rudolph IV. Zweiter Band. (1936)

Zum Zeitpunkt der erzwungenen Einstellung der Verlagstätigkeit im Herbst 1936 soll der komplette Umbruch zweier Romane vorgelegen haben, und zwar:

Ernst Gläser, Der letzte Zivilist. [20]
Walter Zwehl, Magd am Hakenkreuz.

Ernst Karl Winters Feststellung im Oktober 1935, der Verlag würde auch eine „anti-nationalsozialistische Linie“ verfolgen, lag einem heimlichen Beobachter besonders schwer im Magen, dem Deutschen Gesandten in Wien, Franz von Papen. Und erinnert man sich an den „Geist“ des Juli-Abkommens, das wenige Monate danach unterzeichnet wurde, also an die „Normalisierung“ der freundschaftlichen Beziehungen mußte so etwas „anachronistisch“ anmuten. So galt der Unmut von Papens den ersten zwei Buchveröffentlichungen im Herbst 1935, also Walter Mehrings Satire Müller und Hermynia Zur Mühlens Roman Unsere Töchter, die Nazinen. Und gerade über das Schicksal dieser beiden Bücher herrschen noch irrige Auffassungen vor, dahingehend, daß beide, und zwar auf Veranlassung von Papens, von der österreichischen Behörde mit einem Verbot belegt worden wären. Dem ist nicht so, wie eine Untersuchung über Walter Mehrings Aufenthalt in Österreich 1934-38 aufgezeigt hat. [21] Hier kurz zum Hintergrund dieser beiden Fälle: In einer Verbalnote (A 3054) der Deutschen Gesandtschaft in Wien vom 14. Dezember 1935 legte von Papen beim Bundeskanzleramt – Auswärtige Angelegenheiten – Protest ein. Der Text der Verbalnote verrät ziemlich genaue Kenntnisse des Gsur-Verlags und von dessen Inhaber. Über den satirischen Roman des aus Deutschland ausgebürgerten, nun staatenlosen Walter Mehring verliert von Papen folgende Worte:

(…) In seiner antinationalsozialistischen Tendenz und in der offenbaren, besonderen Absicht, die Bedeutung von Blut und Boden im Völkerleben lächerlich zu machen, hat der Verfasser mit seinem Roman „Müller, Chronik einer deutschen Sippe“ ein Machwerk geliefert, das das Deutschtum mit dem zu großen Teil als geradezu pornographisch zu bezeichnenden Inhalt in empörendster Weise herabwürdigt und verletzt. [22]

Darauf folgte die sanfte, in diplomatischer Watte verpackte Aufforderung, das Buch ehestens beschlagnahmen zu lassen:

Die Deutsche Gesandtschaft würde mit besonderem Dank anerkennen, wenn das Bundeskanzleramt – Auswärtige Angelegenheiten – das genannte Buch prüfen und die sich darauf für die Wahrung der Sittlichkeit und das damit verbundene gesamtdeutsche Interesse ergebenden Folgerungen ziehen würde. (Ebda.)

Der Aufforderung kam man österreichischerseits nicht nach. Dies im Gegensatz zu mehreren Behauptungen nach dem Zweiten Weltkrieg, u.a. beim Hochverratsprozeß gegen den Staatssekretär für Auswärtige Angelegenheiten, Guido Schmidt, im Jahre 1947. So schrieb der ehemalige Verlagslektor Karl Hans Heinz in sehr temperamentvoller Weise im März 1946 wohl in Reaktion auf die tägliche Zunahme von denjenigen, die in den 30er Jahren als „Widerstandskämpfer“ gegen den Nationalsozialismus tätig gewesen sein wollten:

Und was taten jene Österreicher, die heute behaupten, sie hätten in jenen Jahren allein die Last des Kampfes gegen die Nazi getragen? Haben sie für eine möglichst große Verbreitung der oben angeführten Bücher gesorgt? Haben sie den Verlag unterstützt und gefördert?

Es geschah etwas, das ganz unglaublich klingt und das man heute gern nicht wahrhaben möchte:

Die Auflagen der Werke von Hermynia Zur Mühlen und von Walter Mehring, also fein-geschliffene Waffen für den Kampf gegen Hitler, wurden von der Wiener Polizei beschlagnahmt und gegen die Verlagsleitung die Untersuchung wegen Hochverrates eingeleitet. [23]

Anders verhielt es sich im Fall des zweiten genannten Werkes. Am Tage nach der ersten Verbalnote der Deutschen Gesandtschaft in Wien traf eine zweite solche diplomatische Note beim Bundeskanzleramt – Auswärtige Angelegenheiten – ein. Diesmal ging es um ein neulich erschienenes Buch, „das außer dem die nationalsozialistische Bewegung im Reich verleumdenden und verunglimpfenden Gesamtinhalt in zahlreichen Stellen schwere persönliche Beleidigungen des Führers und Reichskanzlers Adolf Hitler, von Mitgliedern der Reichsregierung und auch herabsetzende Bemerkungen über den deutschen Gesandten von Papen enthält.“ [24] Gegenstand des Protests war „das als Roman bezeichnete Buch“ Unsere Töchter, die Nazinen von Hermynia Zur Mühlen (1883-1951). Ein Beamter der Deutschen Gesandtschaft konnte auch eine Reihe „unmittelbarer Beleidigungen“ samt Seitenzahl und Textstelle als Beweis anführen. Da heißt es weiter:

Indem die Deutsche Gesandtschaft mit dem allgemeinen Einspruch gegen den Inhalt des in Frage stehenden Buches im besonderen gegen diese schweren Beleidigungen des Staatsoberhauptes des Deutschen Reiches sowie der Mitglieder der Reichsregierung schärfste Verwahrung einlegt, richtet sie an das Bundeskanzleramt – Auswärtige Angelegenheiten – das dringende Ersuchen, gegen die Verfasserin des Romans, falls sie sich in Österreich befindet, und gegen die für die Herausgabe des Buches verantwortliche Person entsprechende Strafmaßnahmen sowie die Beschlagnahme bzw. ein Vertriebsverbot für den Roman „Unsere Töchter, die Nazinen“ veranlassen zu wollen.
Wien, den 15. Dezember 1935.

Die provokant feindselige Einstellung des Werkes gegen den Nationalsozialismus und gegen das Gesetz betreffend die Beleidigung ausländischer Staatsoberhäupter hätte – im Interesse gutnachbarlicher Beziehungen – zwar Anlaß geboten, gegen den Roman vorzugehen, aber die Abteilung 13 im Bundeskanzleramt war nicht geneigt – und schon gar nicht auf Geheiß des ungeliebten Franz von Papen – den in diplomatischem Drohton gehaltenen Wünschen zu entsprechen. Nur: man fand einen kuriosen Ausweg, da man nun auf dieses Werk aufmerksam gemacht worden war. Denn nach näherem Studium des Romans wurde festgestellt, der Roman zeige „eine ausgesprochen marxistische, ja kommunistische Tendenz (S. 112, 127, usw.), vermischt mit Bemerkungen, die eine freidenkende, religionsfeindliche Einstellung bekunden. (…) Es scheint fast, daß neben oder unter der Maske der Feindschaft gegen den Nationalsozialismus eine deutliche sozialrevolutionäre Propaganda getrieben werden soll!“ (ebda.) Das war natürlich etwas anderes. Abteilung 13 des BKA trat daher energisch dafür ein, das Buch sofort zu beschlagnahmen und aus dem Verkehr zu ziehen. Besonderer Grund neben den unterstellten Beleidigungen war die „darin fast unverhüllt aufscheinende marxistisch-kommunistische Propaganda“ (ebda.). Das Verbot wurde offiziell in der Liste 2 vom 13. Februar 1936 kundgemacht[25]; es erfolgte, weil das Werk eine unerlaubte Förderung der Kommunistischen Partei darstellte und nicht – was deutschen Wünschen mehr entsprochen hätte – wegen der strafbaren Beleidigungen ausländischer Staatsoberhäupter.

Unter den eigentümlichen Aspekten der NS-Literaturpolitik nach dem März 1938, in diesem Fall der Selbstrechtfertigung, scheint die Abrechnung mit Papp-Kameraden beliebt gewesen zu sein. Anders ist die wütende Reaktion der Essener Nationalzeitung nicht zu verstehen, die nach langjährigem Verbot widerwillig zur Verbreitung in Österreich zugelassen wurde, um nicht den Völkischen Beobachter zulassen zu müssen, und die sich am 22. April 1938 dem Gsur-Verlag widmete:

Mit der Vereinigung und Schaffung Großdeutschlands ist diesem Spuk zwar für alle Zukunft ein Ende bereitet worden, aber die Erinnerungen an die eine schlimmste und schmählichste Zeit im österreichischen und speziell Wiener Verlagsleben möge trotzdem bleiben. [26]

Ernst Karl Winter und die Diskussion „Der österreichische Verlag“

Das an anderer Stelle dieser Arbeit ausführlich behandelte „reichsdeutsche Buchdumping“ scheint für die Ausformulierung einer spezifisch österreichischen Kulturpolitik im Jahre 1935 außerordentlich förderlich gewesen zu sein.

In diesem Exkurs soll daher auch u.a. der Beitrag Ernst Karl Winters zu diesem Komplex gewürdigt werden. Auf einen Nenner gebracht, handelte es sich um „geistige Landesverteidigung“, doch waren die Vorstellungen nicht selten sehr weltfremd und unterschiedlich. Im Mittelpunkt einer breitgefächerten Diskussion, die von der Wochenschrift Sturm über Österreich ihren Ausgang nahm, standen neben Apodiktischem wie „Wir brauchen einen österreichischen Verlag“ (bzw.: „Warum gibt es keinen österreichischen Verlag?“) und „Fördert österreichisches Schrifttum“ auch Fragen zum Thema „Autarker Büchermarkt“ und „Das österreichische Buch“. Diese Diskussion wurde außer im Sturm über Österreich u.a. in der Wochenschrift Der christliche Ständestaat, der Zeitschrift Volkswohl, der „Kulturpolitischen Monatsschrift der Ostmärkischen Sturmscharen“ Treue sowie in den Wiener Politischen Blättern geführt.

Schon im März 1935, also „in Zeiten großen geistigen Umbaues“, hatte Bundeskulturrat Guido Zernatto erklärt, daß der neue Staat eine planmäßige Förderung hochwertigen heimischen Schrifttums in Angriff nehmen müßte. [27] Er bleibt dem Leser allerdings die Erklärung schuldig, was als „heimisch“ und was als „hochwertig“ zu gelten habe. Dabei müßte man – so Zernatto – in Kauf nehmen, in die Rechte der Privatwirtschaft einzugreifen. „Der Staat wird nach der positiven und nach der negativen Seite hin in viel größerem Maße als bisher die Herstellung und Verbreitung bestimmter Bücher zu fördern, das Verbot bestimmter Bücher und Druckschriften durchzuführen haben.“ (ebda.) Diese Forderungen blieben weithin wenig konkret und wurden auf der positiven Seite auch nicht realisiert. In der Diskussion war man darüber nicht einig, ob sich der neue christlich-deutsche Staat nun Europa und der Welt öffnen oder sich abkapseln sollte.

Unter der Überschrift „Warum gibt es keinen österreichischen Verlag?“ beschwerte sich der Sturm über Österreich am 28. Juli 1935, daß es „nämlich leider fast keinen österreichischen Verlag“ gäbe – „sondern nur Verlage in Österreich, die nicht bereit sind, auf die Kundschaft in Deutschland zu verzichten.“ (3. Jg., Folge 15, 5). Ob mangelnde Bereitschaft maßgebend war, darf stark bezweifelt werden. Diese und ähnliche Argumente scheinen davon auszugehen, daß Verlage nicht auch Wirtschaftsunternehmen sind. Als Lösung dieses Problems wird die Schaffung eines großen österreichischen Verlags gefordert:

Dieser Zustand kann nicht länger ertragen werden. Wir brauchen einen österreichischen Verlag, der bewußt auf die 60 Millionen des Reiches verzichtet und sich an die 20 Millionen (oder mehr) deutschsprachiger Leser wendet, die in weitem Halbbogen den Süden des Reiches umzingeln. Dies sind Wien und Österreich, Prag und Böhmen, der Balkan, die Schweiz, Elsaß, Luxemburg und eventuell Holland. Wieso soll es nicht möglich sein, eine Buchproduktion zu gründen oder auszubauen, die dieses große europäische Geistesreservoir im wesentlichen das oberdeutsche Sprachbecken, mit reinem Wasser speist? Wieso ist es nicht möglich, Wien in Verbindung mit den alten europäischen Kulturwegen nach Prag, Agram, Zürich, Basel, Straßburg und Amsterdam zur Rolle Leipzigs vor der Bücherverbrennung zu verhelfen?

Gewiß, es gibt einen Bundesverlag, aber er hat andere Aufgaben. Die Grundlage des Bücherwesens muß, wie bei der Kunst, in der Privatinitiative liegen. Es geht aber nicht an, daß auf diesem Gebiete eine Willkür und Lauheit einreißt, die dem Österreichertum schadet und die Stammeseigenschaften verkümmern läßt.

Österreich fällt die Pflege des alten deutschen Geistes zu, des Erbes der Dichter und Denker, der Wissenschaft und Sittlichkeit, und kann sich nicht der Diktatur der Barbaren unterstellen. Im Verlagswesen muß der Grundsatz aufgestellt werden, daß das österreichische Gedankengut und eine vom „Mythos des 20. Jahrhunderts“ unabhängige Wissenschaft und Dichtkunst mindestens so wichtig sind wie der Schilling. Den Verlagen muß schließlich ins Gewissen geredet werden, daß das Österreichertum auch positiv verteidigt werden muß. Und wenn es etwas europäisch Notwendiges gibt, so ist es eine alsbaldige Verlagsallianz der Nichthitlerländer deutscher Zunge. (…)

Diese Schelte in Richtung heimischer Verlage – auch der Zsolnay-Verlag wird an anderer Stelle als negatives Beispiel genannt[28] – ließ den Direktor des Tyrolia-Verlags, Josef Leeb, zur Feder greifen, um wenigstens sein Unternehmen in Schutz zu nehmen. Seiner Ansicht nach müsse man „das eigene österreichische Volk wieder zu Österreich zu bekehren“ versuchen. [29]

Bei aller Hocheinschätzung dieser innerösterreichischen Mission müssen wir doch bekennen, daß die österreichische Mission mit dieser Aufgabe nicht erschöpft ist. Unzählige Male haben die berufenen Führer unseres Volkes in den letzten Jahren von der besonderen Gegenwartsaufgabe Österreichs gesprochen, die für eine geistige Weltreise bestimmt ist, die uns Österreichern so hervorragend eigene christlich-germanische Weltanschauung und Friedensauffassung zu allen Nachbarn zu tragen, sie mögen sich im Osten, im Süden, im Westen oder auch im Norden befinden. Wer österreichisch wirkt, der wirkt also nicht nur für Österreich, er wirkt – es ist nicht zu viel gesagt – für die ganze Welt. (…) (ebda.)

Diese Zeilen erinnern stark an Robert Musils Satire der Parallelaktion und der österreichischen „Weltidee“. Einer, der diese These der Öffnung Österreichs vertritt, ist Ernst Karl Winter. Seiner Meinung nach war es auf die Dauer unmöglich, den politischen Kampf gegen Deutschland zu führen und gleichzeitig nicht die notwendigen Konsequenzen zu ziehen, nämlich sich u.a. auf dem Gebiet des Verlagswesens und des Buchhandels eindeutig von Deutschland zu trennen. „Denn Österreich kann auf die Dauer nicht politisch gegen Deutschland Stellung beziehen, wenn es kulturell von ihm abhängig ist.“ Winters Schlußfolgerung:

Kein Staat kann aus einer geistigen Substanz leben, die ein anderer Staat verwaltet. Umgekehrt bedarf gerade der Österreicher einer mehr als provinziellen Kultur, damit er befriedigt ist. Der Österreicher, der von den Trägern einer großen Geschichte abstammt, braucht ein großräumiges geistiges Hinterland, um Befriedigung zu finden. Deutschland kann dieses geistige Hinterland nicht sein; es war es schon vor dem Nationalsozialismus nicht; es würde es auch nach ihm niemals sein. Die Nachfolgestaaten selbst tragen in sich nicht die Kraft zur Einheit, nicht zur ökonomischen und politischen, am allerwenigsten zur kulturellen Einheit. Es gibt daher nur ein einziges geistiges Hinterland, an das Österreich den Anschluß suchen kann; Europa. Österreich muß mehr, als in den letzten fünfzig Jahren üblich war, in England, Frankreich und Italien, soweit letzteres ebenfalls in der abendländischen, westeuropäischen Einheit steht, seinen geistigen Orientierungspunkt suchen.

Neben dieser europäischen Kulturgemeinschaft gibt es für Österreich aber noch eine ganz besondere Aufgabe: die Rekonstruktion eines deutschen geistigen Raumes, der außerhalb Deutschlands liegt. Deutschland, seit es dem Primate Preußens verfallen ist, war immer schon der schlechteste Vertreter deutschen Denkens. Nunmehr ist das Denken Deutschlands in Klischees erstarrt, die der übrigen Welt fremd sind. Außerhalb Deutschlands aber existiert noch immer ein europäischer deutscher Raum, der unorganisiert, sich selbst überlassen und führerlos ist. Diesen Raum geistig zu organisieren, dem Leipziger nationalsozialistischen Buch das deutsche Buch österreichischer Prägung entgegenzustellen, ist eine österreichische Aufgabe.

Es gibt drei geistige Knotenpunkte des deutschen Kampfes gegen Deutschland: die Schweiz, das Sudetendeutschtum und Österreich. Es müßte möglich sein, Zürich, Prag und Wien in eine geistige Front zu bringen, die das Leipziger Buch in den deutschen Sprachgebieten außerhalb Deutschlands aus dem Felde schlägt. [30]

Obwohl als Verleger nur Winter in der Praxis konsequent blieb bzw. bleiben mußte, indem er sich vom reichsdeutschen Buchmarkt eindeutig trennte, argumentierte Der christliche Ständestaat ähnlich:

Die Schaffung eines konsequenten österreichischen, vom reichsdeutschen Absatzgebiet unabhängigen, aber dafür in alle Gebiete des Auslandsdeutschtums intensiv wirkenden Verlages, der eine wirklich europäische Weite anstrebt, wäre wohl die wichtigste Vorbedingung für die Erfüllung der uns gestellten, großen deutschen und europäischen Aufgabe. [31]

Und weiters heißt es:

Ein solcher Verlag brauchte durchaus noch nicht gleichbedeutend zu sein mit einem „antinationalistischen Kampfverlag“, wie wir ja überhaupt allmählich begreifen müssen, daß der aufgezwungene Abwehrkampf gegen den Nationalsozialismus in seiner providentiellen Bedeutung nur der Anlaß war, – der Anlaß zu einer tieferen Wesensbesinnung über Staat, Volk, Nation, Deutschtum, Reich und Abendland, die zu einer ganz neuen, ganz eigenen Konzeption führen muß, die aber im Grunde genommen nur die alte ist, in der einmal der Ruhm des deutschen Namens bestand. (…)

Die fortlaufende Diskussion im Sturm über Österreich, die durch die Anregung eines zentralen österreichischen Verlags ausgelöst wurde, zeigt neben pragmatisch-verbaler Offenheit gegenüber „Europa ohne Deutschland“ auch den Versuch, Hort eines besseren, des „wahren Deutschtums“ zu werden bzw. zu sein. Ständestaat-Ideologie wird sorgsam gepflegt, und der Sprung zum Provinzialismus ist nicht weit. So liest man im Sturm über Österreich vom 25. August 1935 folgendes:

(…) Wenn wir der Meinung sind, daß Österreichs Kampf mit der bloßen negativen Sicherung der äußeren, staatlichen Selbständigkeit noch nicht beendet ist, sondern daß diese Selbständigkeit nur die unerläßliche Voraussetzung für die Erfüllung einer Welt darüber hinausreichenden deutschen, europäischen und christlichen Mission ist, – wenn wir andererseits der Überzeugung sind, daß das, was heute in Deutschland geschieht, weit über die Grenzen einer nur staatlichen, politischen Umwälzung hinausgeht und einen Abfall vom wahren Deutschtum, eine Abwendung von Europa, einen Abfall vom Christenglauben bedeutet -, dann müssen wir mit vollem Herzen Österreichs Verpflichtung bejahen, nach Abwehr des Feindes nunmehr zur zweiten Phase eines Kampfes zu schreiten und das, was es politisch erkämpft hat, kulturell auszuwerten. Das heißt, es muß den im heutigen Deutschland verdrängten wahren Werten deutscher Kultur eine Heimstatt bieten und vor der Welt diese deutsche Kultur im Bewußtsein seiner einzigartigen Legitimation derart vertreten, wie es zum Beispiel in so einzigartig schöner Weise in Salzburg geschieht.(…) [32]

Und weiters heißt es:

Österreichischer Verlag heißt also weniger österreichische Selbstdarstellung – etwa in Volksart und Brauchtum – denn diese Aufgabe wird ja durch die bestehenden, bewährten Verlage in glänzender Form geleistet, sondern Übernahme, repräsentative Darbietung abendländischen, weltaufgeschlossenen deutschen Gedankengutes einerseits und die Nutzbarmachung des Kulturgutes und des Schaffens anderer Völker für den deutschen Sprachkreis. Also: Anschluß an das Abendland statt Anschluß an das Dritte Reich. (…)

Zur Schaffung jenes „großen österreichischen Verlags“ kam es freilich nicht. Die Vorstellungen waren doch zu unrealistisch. Statt dessen verstärkte man die Werbung für das österreichische Buch, d.h. nicht unbedingt für diejenigen Werke, die Österreichs „Kultursendung“ oder „Mission“ dienlich gewesen sein mögen, sondern für Werke österreichischer Verlage. Zu Weihnachten 1935 gab es in ganz Österreich Buchausstellungen, und auch im Ausland (Schweiz, Schweden, Italien) wurden Ausstellungen österreichischer Bücher veranstaltet.

So aufschlußreich die hier angerissene Diskussion 1935 über den „österreichischen Verlag“ für das kulturpolitische Gedankengut dieser Zeit sein mag, so sehr blieb sie letzten Endes praxisfern in einer Branche, in der der patriotische Appell „Kauft österreichische Waren“ wenig Zugkraft hatte und in der Firmen zwar geistige Werte vermittelten, sich aber nicht von den Marktverhältnissen abkoppeln konnten.

 

Anmerkungen

[1] Quellenhinweise: Handelsgericht Wien, Registerakt A 73, 142 (WrStLa); Akt Gremium/Gsur; ERNST KARL WINTER. Österreichs Rufer und Warner. Dokumentation von KARL HANS HEINZ. Masch. Wien 1980 (liegt im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands, Wien); H.K., Unveröffentlichtes aus 1934 bis 1938. In: Volksstimme, 16.3.1946, S. 2.

[2] HEINZ (zit. Anm. 1), S. 157.

[3] Schreiben im Registerakt A 73, 142.

[4] Die Reinhold Buch- und Kunstverlag Ges.m.b.H., die u.a. die Berichte zur Kultur- und Zeitgeschichte sowie kleine historische Monographien herausgab, wird in dieser Arbeit nicht näher berücksichtigt, da es sich nicht um einen belletristischen Verlag handelt. Wohl aber hat der Reinhold-Verlag gelegentlich belletristische Werke herausgegeben. Der handelsgerichtlich protokollierte Verlag (Reg. C 20, 76) wurde im Mai 1924 von den Gesellschaftern Rosa Reinhold, Lotte Reinhold und dem verantwortlichen Geschäftsführer und Konzessionsinhaber Nikolaus Hovorka (* 1901 in Teslic, Bosnien) gegründet. Die Konzession zum Betrieb des Buch-, Kunst- und Musikalienhandels und -verlages im Standort IX., Löblichgasse 3 wurde vom Wiener Magistrat am 14. November 1924 gegen den Willen der Korporation („kein Lokalbedarf vorhanden“) verliehen. Im Jahre 1937 wurde der Standort nach I., Dr. Ignaz-Seipel-Ring 1 verlegt und der Geschäftsführer des Deutschen Verlages für Jugend und Volk, Walther Wiedling, zum neuen Geschäftsführer bestellt. Der Verlag wurde nach beendigter Liquidation im Jahre 1942 aus dem Handelsregister gelöscht. Hier erschienen etwa WINTERS Arbeiterschaft und Staat und der Roman Im Schatten von San Pietro von B.O. LUDWIG.

[5] KARL HANS HEINZ, Ernst Karl Winter. Österreichs Rufer und Warner, (Zit. Anm. 1), S. 156 f.

[6] Die Begründung lautete wie folgt: „Die Überprüfung der letzten Folgen der Zeitschrift ,Wiener Politische Blätter‘ hat ergeben, daß der Inhalt derselben sozialistische Ideen vertritt und der Propaganda der marxistischen ,Volksfront‘ dient. Der Inhalt der Zeitschrift ist in hohem Maße geeignet, in der Öffentlichkeit und insbesonders in Arbeiterkreisen in politischer Hinsicht Verwirrung hervorzurufen. Die weitere Herausgabe der Zeitschrift ist daher eine Gefahr für die öffentliche Ruhe und Ordnung.“ (31.10.1936) Zitiert nach: Widerstand und Verfolgung in Wien. 1934-1945. Eine Dokumentation. Band I. Hg.: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes. Wien 1975, S. 572.

[7] Wiener Politische Blätter, 3. Jg., Nr. 5, Wien, 13. Oktober 1935, S. 225-228; bes. S. 227.

[8] Ebenda, 1. Jg., Nr. 4, 3. Dezember 1933, S. 242.

[9] Ebenda, 1. Jg., Nr. 4, 3. Dezember 1933, S. 238.

[10] Ebenda, S. 241. Als bekannt wurde, daß Winter im April 1934 zum Wiener Vizebürgermeister ernannt wurde, zeigte sich die Standesvertretung der österreichischen Buchhändler sehr glücklich darüber: „(…) Mit ihm gelangt ein Kollege, der als Sozialpolitiker einen hervorragenden Ruf genießt und viele sehr wertvolle Schriften veröffentlicht hat, in die Wiener Stadtregierung. Wir begrüßen Herrn Vizebürgermeister Dr. Winter in seinem hohen Amte herzlichst und freuen uns, einen der Unseren an solcher Stelle zu sehen.“ (Anzeiger, 75. Jg., Nr. 10, 14.4.1934.)

[11] Wiener Politische Blätter, 1. Jg., Nr. 4, 3. Dezember 1933, S. 242.

[12] Ebenda, S. 242.

[13] Ebenda, S. 242.

[14] Vorwürfe des Plagiats wurden allenthalben ausgesprochen. Hinter diesen Angriffen stand – wie Winter vermutete – eben P. Zyrill Fischer. Winter leitete eine Ehrenbeleidigungsklage gegen den Verantwortlichen einer Mittelschülerzeitung ein, die die Vorwürfe in einer Besprechung erhob. Fischer wiederum drohte mit einer Gegenklage wegen Plagiats. Winter leitete in seiner Eigenschaft als Verlagsinhaber erneut eine Ehrenbeleidigungsklage gegen Fischer ein, dann klagte Fischer im Juni 1933 den Verlag Gsur u. Co. vor dem Handelsgericht auf Unterlassung und Schadenersatz nach dem Urheberrechtsgesetz. Vom Ausgang der nur sehr schleppend vor sich gehenden Prozesse ist nicht berichtet worden.

[15] Naheres dazu findet sich in Winters „Brief an die Bayerische Politische Polizei“ in: Wiener Politische Blätter, 1. Jg., Nr. 4, 3. Dezember 1933, S. 244-247.

[16] Quelle: ÖSta, AVA, BMU, Zl. 13.387-I-1/37.

[17] Siehe WZ, 23.9.1935, S. 7.

[18] Wiener Politische Blätter, 3. Jg., Nr. 5, 13. Oktober 1935, S. 226f.

[19] HEINZ (zit. Anm. 1), S. 157.

[20] Das Buch ist 1935 im Pariser Europäischer Merkur Verlag erschienen (407 S.) und war Gläsers erstes Buch in der Emigration.

[21] MURRAY G. HALL, Biographie als Legende. In: WALTER MEHRING, (Text + Kritik. Zeitschrift für Literatur, Heft 78, April 1983, S. 20-35.

[22] ÖSta, Haus-, Hof- und Staatsarchiv (HHSta), Neues Politisches Archiv (N.P.A.), Karton 119, BKA 35.496/13-1936.

[23] H.K. [= Karl Hans Heinz], (zit. Anm. 1), S. 2.

[24] ÖSta, HHSta, N.P.A. Karton 118, BKA 40.748/13-1936.

[25] Siehe auch Anzeiger, 77. Jg. Nr. 5, 22.2.1936, S. 26.

[26] Zitiert nach HEINZ, (zit. Anm. 1), S. 158.

[27] Guido ZERNATTO, Kultur und Staat. Tatsachen und Probleme. In: Volkswohl (Wien), Nr. 6, März 1935, S. 153-157; S. 155.

[28] Siehe JOSEF O. LÄMMEL, zum Kapitel „Österreichischer Verlag“. In: Sturm über Österreich, 3. Jg., Folge 18, 18.8.1935, S. 5.

[29] JOSEF LEEB, Österreichisches Verlagswesen. In: Sturm über Österreich, 3. Jg., Folge 16, 4.8.1935, S. 3. Siehe auch denselben Aufsatz in: Die Zeit im Buch. Zeitschrift für Freunde des guten Buches (Wien), 2. Jg., Juli/August 1935, Heft 9/10, S. 129-133.

[30] ERNST KARL WINTER, Das österreichische Buch. In: Wiener Politische Blätter, 3. Jg., Nr. 5, 13.10.1935, S. 225-228; bes. S. 225.

[31] N.D. Warum gibt es keinen österreichischen Verlag? In: Der christliche Ständestaat, 2. Jg., Nr. 33, 18.8.1935, S. 796. Siehe auch ebenda: Probleme des deutschen Verlagswesens außerhalb der Reichsgrenzen, 9.2.1936, S. 144-145 und Autarker Büchermarkt?, 2. Jg., Nr. 51, 22.12.1935, S. 1233-1234.

[32] Wir brauchen einen österreichischen Verlag. In: Sturm über Österreich, 3. Jg., Folge 19, 25.8.1935, S. 2. Zu dieser Problematik wird auf folgende Artikel hingewiesen: Dr. HANS KNESS, Das österreichische Buch. In: Monatsschrift für Kultur und Politik (Wien), 2. Jg., 1937, 2. Teil, S. 889-894; Bücherdienst. In: Treue. Kulturpolitische Monatsschrift der Ostmärkischen Sturmscharen. Innere Stadt. 2. Jg., Folge 1, Dezember 1935, S. 7 f. und ebda., Folge 2, Jänner 1936, S. 6; Um Österreichs Kultursendung. In: Sturm über Österreich, 3. Jg., 16.6.1935, S. 24 und ebda.: Noch einmal: Der österreichische Verlag, Jg. 3, Folge 20, 1.9.1935, S. 3;Wir brauchen einen österreichischen Verlag, 3. Jg., Folge 16, 4.8.1935, S. 3. Dazu neuestens: K.H. Heinz, E.K. Winter. Ein Katholik zwischen Österreichs Fronten 1933-1938, Wien 1984. (Dokumente zu Alltag, Politik und Zeitgeschichte, hg. von Franz Richard Reiter, Bd. 4)

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