Verlag der Johannes-Presse

Verlag der Johannes-Presse (Wien)[1]

Der „Verlag der Johannes-Presse“ in Wien bestand im Rahmen der „Kunsthandlung neue Galerie Ges.m.b.H.“ Wien I., Grünangergasse 1.[2] Und hierin hatte der Verlag – was Umsatz betrifft – nur wenig Bedeutung.

Die „Kunsthandlung Neue Galerie Ges.m.b.H.“ wurde Ende 1923 (Gesellschaftsvertrag 31. Dezember 1923) gegründet und einige Monate später am 4. April 1924 unter Register C, Band 18, pagina 132 handelsgerichtlich protokolliert. Eröffnet wurde das Geschäft selber im Frühjahr 1924 mit einer Egon Schiele-Gedächtnisausstellung. Um aber den Buch- und Kunsthandel betreiben zu dürfen, brauchte der Geschäftsführer Otto Nirenstein[3] eine entsprechende Konzession. Der Verleihung stand nichts im Wege, zumal der Besitzer einer Konzession zum Betrieb des Buch-, Kunst- und Musikalienhandels am selben Ort (1., Grünangergasse 1) seine Konzession gleichzeitig zurücklegte. Die Erteilung erfolgte endlich am 6. August 1924. So konnte es zur Errichtung des „Verlags der Johannes-Presse“ kommen. Der Firmawortlaut ist etwas irreführend, wiewohl er nach einem neugeborenen Sohn Nirensteins gewählt wurde,[4] denn von einer „Presse“ im branchenüblichen Sinn des Wortes konnte keine Rede sein. Vielmehr hat Kallir-Nirenstein einer Reihe von Wiener Druckereien Aufträge gegeben.[5]

Bis zum Ausscheiden Otto Kallir-Nirensteins aus dem Unternehmen nach März 1938 (s.u.) hat es in den 15 Jahren des Betriebs neben Nirenstein andere Geschäftsführer (Geldgeber) gegeben, wie z.B. den Bruder von dessen Gattin Fanny, Hans Graf Löwenstein, der zwischen Juli 1928 und Dezember 1931 im Handelsregister eingetragen war.

Nach dem „Anschluß“ waren die Tage Otto Kallirs – da er „Jude“ war – gezählt, aber seit dem Gründungsjahr 1924 hatte eine Dame in Verlag und Geschäft mitgearbeitet: Dr. Viktoria (Vita) Maria Künstler (* 15.9.1900, Wien).

Nach eigener Darstellung von Dr. Vita Maria Künstler wurde die Neue Galerie und mit ihr zwangsläufig der Verlag der Johannes-Presse „arisiert“, „aber mit vollstem Einverständnis von Dr. Otto Kallir.“[6] Wie diese Arisierung vor sich ging, soll hier aber kurz skizziert werden.

Unmittelbar nach Kriegsende (Juni 1945) ging die Standesvertretung der österreichischen Buch-, Kunst- und Musikalienhändler, die bis zuletzt – bis zum „Anschluß“ -„Zwangsgilde“ geheißen hatte und, wie an anderer Stelle dieser Arbeit dargestellt, in die Reichsschrifttumskammer Landesleitung Österreich aufging, um dann wieder als „Zwangsgilde der Buch-, Kunst- und Musikalienhändler“ aufzuerstehen, daran, noch aktive Händler zu befragen. Das „Merkblatt“, das hiefür verwendet wurde, ist fast ein Parallelstück zu jenem ominösen rosaroten „Fragebogen zur Bearbeitung des Aufnahmeantrages für die Reichsschrifttumskammer – Gruppe Buchhandel“ mit umgekehrtem Vorzeichen natürlich. Hier waren die Fragen zwar gleich („Sind Sie Mitglied der NSDAP?“ bzw. „Waren Sie Mitglied der NSDAP (…)?“ – „Welcher Gliederung der NSDAP gehören Sie an?“ bzw. „Welcher Gliederung haben Sie angehört und in welcher Zeit?“, usw.) aber die Schlüsse mußten freilich andere sein. In vielen Fällen fallen bei einem Vergleich der Befragung ein- und derselben Person gravierende Diskrepanzen auf, um es einmal vorsichtig zu formulieren, aber das muß hier nicht weiter beschäftigen. Im Juni 1954 wurde im Fall „Kunsthandlung Neue Galerie“ zu Protokoll gegeben, daß Frau Künstler in den letzten Jahren vor 1938 zur immer engeren geschäftlichen Mitarbeiterin von Dr. Kallir geworden war. Daher wollte Dr. Kallir-Nirenstein bei seiner Auswanderung das Geschäft in den Händen Frau Künstlers wissen. Die Übernahme erfolgte gewissermaßen treuhändig, doch wurde dies begreiflicherweise nicht schriftlich niedergelegt (vgl. Paul Zsolnay Verlag). Schriftlich niedergelegt wurde jedoch der „Kauf“ bzw. „Verkauf“. Der Kaufvertrag für die Übernahme ist mit 14. Juni 1938 datiert.[7] Der vereinbarte Kaufpreis – in Wirklichkeit hieß es, wie wir mehrmals festgestellt haben, „Entjudungserlös“ – betrug RM Null, denn das Unternehmen war im Juni 1938 in der Höhe von RM 9.531,42 überschuldet (s. VVSt, Ha 4279). Doch zunächst wurde am 15. Juli 1938 Dr. Otto Kallir aus dem Handelsregister gelöscht und Dr. Viktoria Künstler als Geschäftsführer eingetragen.[8] Seit 1923 und bis 1941 hatte die „Kunsthandlung Neue Galerie“ eine Konzession für den Buch-, Kunst- und Musikalienhandel einschließlich des Verlags. Weil aber eine Ges.m.b.H. nicht Mitglied der RSK sein konnte, wurde es der Geschäftsführerin verboten, die bestehende Konzession weiterzuführen. Im Jahre 1941 wurde ihr also eine Kunsthandelskonzession erteilt. Obwohl für die „Kunsthandlung Neue Galerie“ (und Verlag) kein Entjudungserlös zu zahlen war, mußte dennoch laut Verfügung der Vermögensverkehrsstelle/Abteilung Auflagenberechnung in Wien vom 21. November 1942 eine „Entjudungsauflage“ bezahlt werden. Im gegenständlichen Fall betrug diese Auflage RM 2319,26, das waren 15% von den Aktiven, die RM 15.461,74 betrugen.

Das Ende der Verlagsproduktion,[9] die im Jahre 1924 begann, kam im Frühjahr 1938,[10] ab welchem Zeitpunkt der Verlag ruhte. Hergestellt wurden insgesamt ca. 27 Titel,[11] von denen 14 als „Druck der Johannes-Presse“ 1924-37 erschienen. Vertreten in dieser Serie waren Max Mell, Max Beckmann, Hugo von Hofmannsthal, Alfred Kubin, Bohuslav Kokoschka, Andreas Gryphius (ill. J. Zimpel), Otto Rudolf Schatz, Max Roden, Gerhard Frankl und August Strindberg. Die Drucke der Johannes-Presse erschienen gewöhnlich in zwei Ausgaben (Luxusausgabe auf besonderem Papier, mit besonderer Bindung, und die Normalausgabe) in relativ kleinen Gesamtauflagen, die zwischen 43 und 500 Exemplaren schwankten. Von den genannten Verlagswerken (27) stammten nicht weniger als neun von Max Roden und drei von Hugo von Hofmannsthal. Obwohl das Programm des Verlags der Johannes-Presse auf Lyrik eingeschworen war, gab es auch – außerhalb der „Drucke der Johannes-Presse“ – Ausnahmen von der Regel, so z.B. Fritz Scheys Roman Du allem ausgesetztes Herz (1936), Richard Beer-Hofmanns Vorspiel auf dem Theater zu König David (1936), Friedrich Gundolfs Vortrag Rainer Maria Rilke (1937), Hugo von Hofmannsthals Dramatische Entwürfe aus dem Nachlaß (1936) und die Anthologie Patmos. Zwölf Lyriker (1935), herausgegeben von Ernst Schönwiese[12] mit Beiträgen von Friedrich Bergammer, Felix Braun, Hermann Broch, Benno Geiger, Lenz Grabner, Theodor Kramer, Erika Mitterer, Robert Musil, Heinz Politzer, Ernst Schönwiese, Herta Staub, Ernst Waldinger.

Es ist eingangs davon die Rede gewesen, daß der Verlag als solcher umsatzmäßig eine untergeordnete Rolle spielte. Wie sah der Gesamtumsatz von Kunsthandlung und Verlag im Jahre 1937, also dem letzten vollen Geschäftsjahr vor dem „Anschluß“, aus? Dieser betrug umgerechnet RM 54.614,81 (= S 81.922,26), und von diesem Umsatz entfielen bloß RM 2.033 (= S 3049,50) oder 3.7% auf den Buchverlag.[13]

Aber auch die auf Grund der „Umstellungsverordnung“ (Zahlen mußten nun statt in Schillingbeträgen in RM angegeben werden) durchgeführte Inventur per Ende 1938 gibt über die Verkaufsentwicklung und den finanziellen Erfolg oder Mißerfolg des Verlags der Johannes-Presse Aufschluß.[14] Besonders die teuren Luxusausgaben haben sich nicht verkauft: von der 1935 erschienenen Anthologie Patmos wurden z.B. 50 Exemplare als Luxusdruck (Halbleder, numeriert, von allen Autoren signiert) hergestellt. Ende 1938 hatte man noch 41 auf Lager! Von der Normalausgabe wurden schätzungsweise zwischen 300 und 500 Exemplare hergestellt, von denen 141 auf Lager blieben. Da mehrere Beiträge (bereits) indiziert waren, war kaum an einen Verkauf zu denken. Von den 25 Luxusausgaben von Beer-Hofmanns Vorspiel auf dem Theater zu König David und den 30 Luxusausgaben von Richard Götz, Licht und Landschaft blieben 20 bzw. 26 auf Lager liegen. Diese Verkaufsentwicklung läßt auf einen immer enger werdenden Markt für Werke hoher drucktechnischer Qualität schließen.

Anmerkungen

[1] Quellenhinweise: Handelsgericht Wien. Registerakt C 18, 132; Gremium/Neue Galerie, sowie die weiter unten angeführte Literatur.

[2] Zur Vorgeschichte der heutigen „Galerie nächst Sankt Stephan“ gibt es bereits einiges an Literatur, so daß im folgenden und für unsere Zwecke auf die Kunsthandlung, Ausstellungstätigkeit usw. nicht näher eingegangen wird. Dazu: ROBERT FLECK, Avantgarde in Wien. Die Galerie nächst Sankt Stephan 1954-1981. Band 1: Die Chronik. Wien: Löcker, 1982; JANE KALLIR, Austria“s Expressionism. New York: Galerie St. Etienne/Rizzoli International Publications, 1981; PAUL STEFAN, Jubiläum der neuen Galerie. In: Die Stunde (Wien), 23.3.1934, S. 3. Verwiesen wird auf folgende neuere Arbeit über Kallir-Nirenstein von BEATE SCHWEIKHARDT, Otto Kallir und die Neue Galerie in Wien (1923-1938). In: Von österreichischer Kunst. Festschrift für Franz Fuhrmann, hg. vom Kunsthistorischen Institut der Universität Salzburg. Klagenfurt: Ritter-Verlag, 1983, S. 191-197.

[3] Zur Biographie Kallir-Nirensteins ganz allgemein, siehe Die geistige Elite Österreichs, Wien 1936, S. 433 f., sowie die Ausführungen an anderer Stelle über den Verlag Neuer Graphik.

[4] JANE KALLIR, (zit. Anm. 2), S. 9.

[5] So z.B. Koch und Werner, Jahoda & Siegel, Offizin H. Engel u. Sohn (wo Kallir in die Lehre trat), Josef Schwarz.

[6] Leserzuschrift von Dr. Vita Maria Künstler an Die Presse (Wien), 6./7.11.1982, S. II. „Bei seiner ersten Anwesenheit 1949 in Wien erhielt er die Galerie zurück, die ich als seine Partnerin bis 1952 weiterführte, woraus unser freundschaftliches Einvernehmen wohl ersichtlich ist.“

[7] AVA, VVSt, Ha 4279. Kallir-Nirenstein/Dr. Viktoria Künstler. Vgl dazu JANE KALLIR (zit. Anm. 2), S. 11: „In May 1938, Kallir officially turned the Neue Galerie over to his long time assistant, Dr. Vita Maria Künstler, and left with his family for Switzerland.“ Auffallend ist die Tatsache, daß im Bestand der VVSt von Kallir keine Vermögens-Anmeldung vorhanden ist. Abgabetermin (nach einer Verlängerung) war der 15. Juli 1938.

[8] Am 17. Mai 1939 erfolgte die Umschreibung von Reg. C 18, 132 nach HRB 3681.

[9] Hier ist ausschließlich von Werken die Rede, auf deren Titelblatt Verlag der Johannes-Presse steht. D.h. Werke, welche im Verlag der Neuen Galerie parallel erschienen – es sind meist Kunstbücher – werden nicht berücksichtigt. Als Quelle für die Zusammenstellung der Publikationen diente die von Hildegard Bachert angefertigte Liste aller Werke, mit denen Dr. Otto Kallir zu tun hatte (s. Jane Kallir, zit. Anm. 2), S. 92-94; bes. S. 93 f.), das Deutsche Bücherverzeichnis und Verlagsanzeigen.

[10] Es handelt sich hier um Macht man denn aus Kalk die Terzen …? von FRANZ MITTLER, erschienen Dezember 1937 im „Verlag der Neuen Galerie“.

[11] In Jane Kallir (zit. Anm. 2) sind 26 Titel verzeichnet, doch fehlt dort folgendes Werk von MAX RODEN, Siebenheit. Lyrische Dichtung (1935). Auffallend bei den Werken des Verlags der Johannes-Presse ist das Fehlen eines Signets.

[12] Dazu u.a. ERNST SCHÖNWIESE, Literatur in Wien zwischen 1930 und 1980. Wien/München: Amalthea Verlag, 1980, S. 75-76, sowie Wiener Zeitung, Nr. 347, 16.12.1935, S. 6; Wiener Stadtstimmen, Folge 19, 27.3.1936, S. 4.

[13] Laut „Ergänzungsbogen 1 zur Bearbeitung des Aufnahmeantrages für die Reichsschrifttumskammer. Verlag, Handel, Zwischenhandel, Leihbücherei“, Kunsthandlung Neue Galerie Gesellschaft m.b.H., datiert Wien, 2.I.1939. Auf diesem Fragebogen mußten die Umsätze der letzten drei Jahre, also 1935, 1936, 1937, angegeben und nur der Umsatz 1937 aufgeschlüsselt werden. Um diesen Umsatz in einer konkreten Relation zu den einzelnen Buchpreisen des Verlags sehen zu können, hier einige Beispiele: FRIEDRICH GUNDOLFS Rainer Maria Rilke (1937) kostete ca. S 26,25 (Luxusausgabe) bzw. S 5,25; die Anthologie Patmos, CLAIRE LOOS, Adolf Loos privat (1936), RICHARD GOTZ, Licht und Landschaft. Gedichte (1935) je S 5,85; MAX RODEN, Immer und immer (1937) S 100 (Luxus) bzw. S 40 (Pappband).

[14] Siehe Handelsgericht Wien. Registerakt HRB 3681. Verzeichnis des Warenlagers (Bilder, Verlag, usw.) Im folgenden wird nur auf die Bestände, nicht aber auf deren Bewertung Bezug genommen. Hier werden die Drucke der Johannes-Presse im Abschnitt „Warenlager Bilder etc.“ nur bewertet. Unter „Warenlager Verlag 31. Dezember 1938“ werden acht Titel samt den diversen Ausgaben aufgelistet.

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