Lyra Verlag

Lyra Verlag (H. Molitor) (Leipzig-Wien)

Der Lyra-Verlag (H. Molitor) war ein seit 1913 in Wien bestehender, nicht protokollierter Buch-, Kunst- und Musikalienverlag (1., Weihburggasse 18). Unmittelbar nach Beginn der Ersten Republik gab es Bestrebungen bei alten und neugegründeten österreichischen Verlagen, einerseits zeitgenössische Autoren dem Leserpublikum verstärkt zu präsentieren, andererseits angesichts der tristen wirtschaftlichen Lage am Ende des Weltkriegs billige Bücher für die große Masse herzustellen und nicht zuletzt das heimische Gewerbe zu beschäftigen. Als Vorbild schwebte den meisten Unternehmern eine Reclam Universal-Bibliothek nach österreichischer Art vor. Im Jahre 1919 engagierte der Inhaber des Lyra-Verlags (H. Molitor), Oskar Molitor (*19.9.1881), den 25 Jahre alten Wiener Schriftsteller Leo Schidrowitz als künstlerischen Leiter einer neuzuschaffenden Buchserie. Im Laufe der 20er und 30er Jahre wurde Schidrowitz übrigens nach dem kurzen Gastspiel im Lyra-Verlag für ein gutes halbes Dutzend anderer belletristischer Verlage tätig, auf die an anderer Stelle eingegangen wird.

Anfang 1919, also gerade ein Vierteljahr nach dem Zusammenbruch der Monarchie, brachte die Wiener Allgemeine Zeitung Kunde von einem „neuen Wiener Verlagsunternehmen“ und berichtete, daß „ein neues österreichisches Verlagsunternehmen (…) in der nächsten Zeit mit einer Reihe von Veröffentlichungen hervortreten (werde), die als großzügige, für das breiteste Publikum berechnete literarische Publikationen zum ersten Mal den Versuch unternehmen wollen, in Wien eine ernstzunehmende Konkurrenz für die populären deutschen Verlagsanstalten ins Leben zu rufen.“[1]

So erschien etwa im Juni 1919 eine mit vielem Ehrgeiz vorbereitete und anspruchsvolle „erste Serie von Molitor“s Novellenschatz“ in zehn einzelnen, künstlerisch von G. v. Ferenchich ausgestatteten Bändchen, die auch zusammen in einer feinen Luxuskassette erhältlich waren. Konzipiert als eine „ernstzunehmende“ Konkurrenz für deutsche Verlagswerke – und auf das Reclam-Format wurde in der Werbung für Buchhändler ausdrücklich hingewiesen -, waren die kleinformatigen Bändchen mit der schönen achtfarbigen Lithographie-Ausstattung auch für die damaligen Preisverhältnisse sehr billig. Der Umfang der einzelnen Novellen schwankte zwischen 15 und 46 Seiten, der Preis wird vom Verlag mit 40 bis 60 Pfennig angesetzt, was den Preisen für Reclam-Bändchen entsprach. Die ganze Kassette kostete zehn Kronen.

Zu einer zweiten Serie ist es – aus unbekannten Gründen – leider nicht gekommen. Was aber der Lyra-Verlag mit dem Novellenschatz bezweckte, geht aus einem in jedem Heft abgedruckten Wort „An den Leser“ hervor, das auf die wirtschaftliche und soziale Lage im Nachkriegsösterreich Licht wirft. Daher wird der programmatische Text hier in extenso wiedergegeben:

In „Molitor“s Novellenschatz“, dessen erste Serie wir hiemit darbieten, soll der Leser finden, was der deutsche Büchermarkt bisher empfindlich missen ließ: in geschmackvoller Ausführung und zu wohlfeilem Preise eine Bibliothek literarisch wertvoller Arbeiten der bedeutendsten Autoren der Jetztzeit.

Den Dichtern unserer Tage, den künstlerischen Verfechtern des Zeitgeistes soll die Wirkung auf die große Masse ermöglicht werden, für die der marktübliche hohe Ladenpreis moderner wertvoller Bücher bisher unüberwindliche Schranke war.

Die ungeheure, vom Bedürfnis nach gutem Lesestoff bewegte Allgemeinheit, soll hier zum ersten Mal neue Werke der Großen unserer Zeit vermittelt erhalten. Wir wollen den Versuch wagen, unbekümmert um Gewinnchancen und Verdienstmöglichkeiten, als Helfer für unsere Dichter und das Kulturwerk unserer Zeit wirken.

Und der Erfolg, den wir durch die Förderung und Teilnahme des Lesers erzielen, soll ihm selbst wieder zugute kommen, durch die stete und wertvolle Ausgestaltung unseres Werkes im Dienste des guten Geschmackes, des Zeitgeistes und der hohen zeitlosen Kunst.

In der ersten und einzigen Serie der „volkstümlichen Bibliothek moderner Autoren“ (Werbetext) erschienen folgende zehn Bändchen:

Nr. 1 Raoul Auernheimer, Frau Magda im Schnee.
Nr. 2 Franz Adam Beyerlein, Knecht Fridolin.
Nr. 3 Hans Heinz Ewers, Aus dem Tagebuch eines Orangenbaumes.
Nr. 4 M.E. delle Grazie, Der frühe Lenz.
Nr. 5 Karl Schönherr, Der Knabe im Fieber.
Nr. 6 Paul Busson, Das schlimme Englein.
Nr. 7 Ernst Decsey, Zwei Großvater-Geschichten.
Nr. 8 Felix Salten, Im Namen des Kaisers.
Nr. 9 Hugo Salus, Die schöne Barbara.
Nr. 10 Georg Terramare, Die 1002. Nacht.

Erwähnenswert bei dieser „sensationellen Neuerscheinung für den Gesamtbuchhandel“ (Werbetext) ist auch der Einfall, mittels einer gummierten Lasche die einzelnen Bändchen, die auf der Rückseite das Bild des Autors aufwiesen, zugeklebt postfertig zu machen.

Obwohl Kritiker befanden, daß mit Molitor“s Novellenschatz „ein wirksames Mittel zum Zweck der Verdrängung der immer mehr überhandgreifenden Schundliteratur gefunden“ worden sei,[2] gab der Lyra-Verlag die Literatur zugunsten der Musik völlig auf. Gleichzeitig mit dem Erscheinen der Novellenserie bot der Verlag ein Schatzkästlein moderner Operetten mit „35 modernen Operettenschlagern“ an. Ab diesem Zeitpunkt versuchte der Lyra-Verlag sich nur mehr als österreichischer Musikalienverlag zu profilieren. So folgten erfolgreiche Reihen wie z.B. Molitor“s Lieblingsliederbücher die Lyra Operntextbibliothek und ähnliches. Die Produktion des Lyra-Verlags (H. Molitor), „welcher auf dem von ihm gepflegten Gebiete wirklich ganz Erstaunliches leistet“, bewies nach der Einschätzung eines Buchhandelsfachblatts Ende 1924, „daß auch in Österreich ungeachtet aller Schwierigkeiten auf dem Gebiete des Musikalienverlages eine rege und erfolgreiche Tätigkeit entfaltet zu werden vermag“.[3] Leider aber ohne den Versuch mit massenhaft hergestellter Literatur fortzusetzen.

Anmerkungen

[1] Wiener Allgemeine Zeitung, 4.4.1919, S. 3.

[2] Wiener Mittags-Zeitung, 4.8.1919, S. 3.

[3] Der Blaue Bücherkurier (Wien), XXXV. Jg., Nr. 558, 10.11.1924, S. 24.

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