Herbert Reichner Verlag

Herbert Reichner Verlag (Wien-Leipzig-Zürich)[1]

Herbert Reichner VerlagWas das Gründungsjahr dieses Individualverlages betrifft, gibt es einander widersprechende Angaben, die dennoch alle als richtig angesehen werden können. Der am 4. März 1899 in Wien geborene Herbert Reichner stieß in relativ jungen Jahren zum Verlagsgeschäft. Sein Lebensinteresse galt eigentlich nicht der Belletristik an sich, sondern der Bibliophilie. Die Gründungszeit der Firma „Herbert Reichner Verlag“ fällt nach eigener Angabe schon in das Jahr 1925. Reichner genoß zwar keine buchhändlerische Ausbildung, aber er besaß, wie er etwa 1930 auf dem „Auskunftsbogen für Verleger“ zwecks späterer Aufnahme in das allwichtige Adreßbuch des Deutschen Buchhandels anführte, als Herausgeber der bedeutendsten internationalen Monatsschrift Philobiblon nachweisbare buchhändlerische Kenntnisse.[2] Diese „Monatsschrift für Bücherliebhaber“ begann 1928 zu erscheinen und blieb im Herbert Reichner Verlag wegen der politischen und kulturellen Entwicklungen in Deutschland und Österreich[3] nur bis 1936, als sie vom völkisch verankerten Rudolf M. Rohrer Verlag übernommen wurde.[4] Philobiblon galt als eine der bedeutendsten und beliebtesten Monatsschriften für Bücherliebhaber. Jedes Heft enthielt Beiträge über Handschriften und Autographen, alte und moderne Pressen, illustrierte Bücher aller Zeiten, Bucheinbände, Erstausgaben, alte Naturwissenschaften und Medizin, Musik-Bibliographie sowie Berichte aus der Welt der Bücher. Hervorragend gedruckte Beilagen schmückten so gut wie jedes Heft.

Seine eigentliche „Verlagsproduktion“ begann Reichner allerdings schon im Jahre 1927 mit der bibliophilen Reihe Bibliotheca typographica. Hier erschienen insgesamt sechs Publikationen, die in Auflagen von jeweils 200 bis 350 Stück in den ersten Offizinen Deutschlands, Österreichs, Hollands und Amerikas hergestellt wurden. Von Reichner persönlich stammt auch die erste Folge:

Die Druckerkunst in den Vereinigten Staaten von Amerika (Aufl. dt. 200 Stück; Umfang 10 S. mit 16 Tafeln). Im selben Jahr folgte Die Gutenberg-Bibel der Sammlung Vollbehr. Schicksale des kostbaren Buches, auch von Reichner herausgegeben. Weiters erschienen: Johann Thomas Trattner, Röslein und Zierrathen (Kurztitel) 1928 Maurits Sabbe u. Marius Audin, Civilité-Schriften (Kurztitel) George Parker Winship, The Merrymount Press of Boston (1929) Flodoard Frh. v. Biedermann, Die deutsche Typographie im Zeitalter Goethes (1934)

Erst nach 1933 begann Reichner Werke aus dem Bereich Musik, Literatur und Geschichte zu verlegen. Von den Verlagsmitarbeitern ist bekannt, daß Rudolf Fuchs bis 1938 bei Reichner beschäftigt war, daß er Korrektur las und als Verbindungsmann zu den verschiedenen Autoren, u.a. zu Stefan Zweig, tätig war. Der Herbert Reichner Verlag galt in Nazi-Deutschland als „Judenverlag“, vor allem, als er neuer Verleger Stefan Zweigs wurde. Reichner konnte aber trotzdem – obwohl „jüdischer“, so doch ausländischer Verlag – den Großteil seiner Produktion nach Deutschland verkaufen, und abgesehen von diversen Schikanen der Schriftleitung des Börsenblatts, dort auch regelmäßig annoncieren. 1936 kam es zu einer Blitzbeschlagnahme seines Lagers in Leipzig, und nur durch diplomatische Interventionen von höchster Stelle gelang es ihm, die konfiszierten Werke wieder freizubekommen.[5] Wohl aus Vorahnung dessen, was kommen würde, verließen Herbert Reichner und seine Frau Wien am Abend des „Anschlusses“ und reisten nach Zürich. In den 30er Jahren hatte der Herbert Reichner-Verlag mit „Wien-Leipzig-Zürich“ firmiert. Standort des Verlags in Wien war 6., Strohmayergasse 6, während Leipzig bloß der Hinweis auf seinen dortigen Kommissionär F. Volckmar war. Die Zürcher Adresse war die des Büros des dortigen Reichner-Rechtsanwalts. 1939 reiste die Familie nach New York. Nach etwa einem halben Jahr Sammeltätigkeit eröffnete Herbert Reichner im Oktober 1940 ein Geschäft für „Old, Rare and Scholarly Books“ (Spezialgebiet: Literatur des 16. Jahrhunderts), das er bis zu seinem Tod 1971 in Stockbridge, Massachusetts leitete. Seine Frau führt heute das Geschäft im Bundesstaat New Hampshire weiter.

Nach dem „Anschluß“ zählte der „herrenlose“ Herbert Reichner Verlag zu den vielen zu liquidierenden Unternehmen, aber wie diese Liquidation im einzelnen vor sich ging, kann bloß angedeutet werden. Fest steht, daß der Verlag unter kommissarischer Leitung eines gewissen Emil Kleibl stand und daß trotz der Frist für die Abbestellung solcher kommissarischen Verwalter auf Grund von Prozessen um Verlagsrechte im Ausland Kleibl seines Amts nicht enthoben werden konnte. So kann man schließen, daß der Verlag mit dem „Anschluß“ zu existieren aufhörte, daß aber die Abwicklung noch geraume Zeit in Anspruch nahm.[6]

Die Produktion

Die Verlagslinie ist bereits angedeutet worden. Programmatisch zu verstehen ist der Hinweis auf der Umschlagseite eines Verlagsprospekts aus dem Jahre 1936:

Der Herbert Reichner Verlag veröffentlicht alljährlich nur wenige Bücher, aber ausschließlich literarisch hochwertige und in vollendeter Ausstattung.

Dabei ist der Umfang der Produktion 1934-37 angesichts der schlechten wirtschaftlichen Lage und der Schwierigkeiten mit dem Export nach Deutschland gar nicht so klein. Und das bibliophile Buch blieb nach wie vor im Verlagsangebot. Zunächst zum Bereich „Literatur“. 1934 sah den eigentlichen Beginn der Belletristikproduktion, wobei man gleichzeitig vom „bibliophilen“ Buch sprechen muß. So erschienen beispielsweise ein Werk Gustave Flauberts (Der Büchernarr) mit drei Zeichnungen von Alfred Kubin und Alexander Lernet-Holenias Olympische Hymne (6 Blätter). Reichner wurde so – neben S. Fischer – Zum Verleger Lernet-Holenias. Ende 1935, Anfang 1936 begann Reichner die Reihe Zeitgenössische Dichtung und gab vier Bände heraus. Band 1 war Stefan Zweigs biblische Dichtung Jeremias, Band 2 Werner Riemerschmids Das veraltete Jahr, Band 3 Felix Brauns Ausgewählte Gedichte und schließlich Band 4 Der Herr von Paris. Eine Erzählung aus der Zeit der großen Revolution in Frankreich von Lernet-Holenia. 1936 erschien Lernets Roman Die Auferstehung des Maltravers mit Ausstattung von E.R. Weiß, gefolgt von Gedichten und Szenen unter dem Titel Die goldene Horde in einer beschränkten Auflage von 600 num. Exemplaren.

In den Jahren 1935/36 begann Reichner auch fremdsprachige Literatur in deutscher Übersetzung in sein Programm aufzunehmen, wobei die Übersetzungen am häufigsten von Herberth E. Herlitschka vorgenommen wurden. 1935 erschien z.B. Luigi Pirandellos Man weiß nicht wie (Dt. von Stefan Zweig). Reichner wurde Verleger zweier erfolgreicher Autoren aus dem angelsächsischen Bereich, nämlich Katherine Mansfield und James Hilton. Von Mansfield erschienen Das Gartenfest und andere Geschichten (1937, Impressum: 1938), Für sechs Pence Erziehung (1937). Für das Frühjahr 1938 angekündigt, aber nicht erschienen sind die Briefe und Tagebücher der Katherine Mansfield in zwei Bänden. Ebenso erfolgreich waren James Hiltons Wir sind nicht allein (1937) und Leb wohl, alter Chips! (1936) und Irgendwo in Tibet (1937). Auf dem Gebiet der Übersetzungen wären noch zu nennen der Roman aus dem Italienischen von Alberto Albertini (Zwei Jahre, 1936), der Roman aus dem Russischen Der Mensch und die Steppe von Alexander Jakowlew, sowie Franz Molnárs Roman Der grüne Husar.

Zu den weiteren Autoren des Herbert Reichner Verlags zählten René Fülöp-Miller (Katzenmusik, Roman, 1936), Lotte Lehmann (Orplid, mein Land, Roman, 1937; Anfang und Aufstieg. Lebenserinnerungen, 1937), Elias Canetti (Die Blendung. Roman, 1936 [1935], mit einer farbigen Einbandzeichnung von Alfred Kubin), Emil Lucka (Der Impresario. Roman, 1937; Die große Zeit der Niederlande, 1937), Siegfried Trebitsch (Heimkehr zum Ich, Roman, 1936); Friedrich Eckstein („Alte unnennbare Tage!“ Erinnerungen aus siebzig Lehr- und Wanderjahren) sowie Hans von Hammerstein, der 1936 „Alte und neue Gedichte“ – Der Wanderer im Abend – bei Reichner verlegte und im folgenden Jahr das Geleitwort zu einem bibliophilen Band Trachten der Alpenländer verfaßte. Auch Hermann Broch ist 1936 mit einer 32seitigen „Rede zu Joyce“s 50. Geburtstag“ – James Joyce und die Gegenwart – vertreten. Rilke ist 1936 mit zwei Verlagswerken geehrt worden. 1937 erschien Rilke in Frankreich von Maurice Betz. Von Richard Flatter stammen der Band Shakespeare neu übersetzt und Die Fahne. Englische Lyrik aus fünf Jahrhunderten (1936).

Der mit Abstand wichtigste und erfolgreichste Autor des Herbert Reichner Verlages war natürlich Stefan Zweig. Wie Edith Reichner mitteilt, dürften sich Reichner und Zweig, von den vielen gemeinsamen Bekannten abgesehen, spätestens seit 1929 persönlich gekannt haben. Der Kontakt war vermutlich durch Anton Kippenberg, Leiter des Insel-Verlags und außerdem Abonnent der Zeitschrift Philobiblon, hergestellt worden. Dieser vertiefte sich in der zweiten Jahreshälfte 1933 insofern, als Zweigs Die unsichtbare Sammlung. Eine Episode aus der deutschen Inflation mit einem Umfang von 48 Seiten als Beilage 8 und „Liebhaberdruck“ in Heft 9 von Reichners Monatsschrift (Druck der Halcyon-Presse 5) erschien. Das nächste gemeinsame Projekt wurde im folgenden Jahr mit der Veröffentlichung des Werkes Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam ausgeführt. Und damit begann Reichner Belletristik zu verlegen. Zweig dürfte von Reichner eine hohe Meinung gehabt haben, denn in einem Brief an René Schickele 1934 konnte er den Verlag wärmstens empfehlen:

Haben Sie einmal ein kleines Buch, bei dem Sie an eine bibliophile Ausgabe denken, irgend etwas, was Ihnen dichterisch besonders lieb ist, so glaube ich, daß Sie bei diesem Verlage Reichner, der meinen Erasmus gemacht hat und der jetzt kultivierteste deutsche Literatur jenseits aller Politik in bibliophilen vollendeten Ausgaben bringen will, sehr zufrieden wären. Vielleicht haben Sie da etwas in der Lade oder im Herzen.[7]

Bei Reichner erschienen bis 1938 von Zweig alle Werke in deutscher Sprache, d.h. sowohl einige vom Insel-Verlag übernommene Werke als auch seine neuen Bücher, darunter einige „Liebhaberbücher“. Der allerletzte Vertrag zwischen Reichner und Zweig aus dem Jahre 1937 betraf ein Werk, an dem Zweig im Oktober 1937 noch arbeitete und für das bei Vertragsabschluß der Titel noch nicht feststand, nämlich den Roman Ungeduld des Herzens. Er erschien 1939 bei Bermann-Fischer in Stockholm.

Von dem im Februar 1938 angekündigten Frühjahrsprogramm des Herbert Reichner Verlags konnte nichts mehr erscheinen.[8] Eines der letzten nachgewiesenen Werke mit Impressum 1938 stammt von Moriz Scheyer, Erdentag des Genies. Ausgewählte Essais.

Es würde aber ein unvollständiges Bild vom Herbert Reichner Verlag vermittelt werden, wollte man nicht auf die vielen Publikationen zum Thema „Musik“ hinweisen. Das vielfältige meist bibliophile Angebot reichte von Willi Reichs 1936 erschienener Alban Berg-Biographie, der Reproduktion der Original-Handschrift von Franz Grubers „Stille Nacht, Heilige Nacht“, Hugo von Hofmannsthals Beethoven-Rede, zu den Werken Paul Stefans Die Zauberflöte, Don Giovanni, Die verkaufte Braut, Monographien über Arturo Toscanini und Bruno Walter und Mozarts Das Veilchen in Faksimile. Die Schwierigkeiten Zweigs bzw. Reichners im reichsdeutschen Buchhandel wurden bereits an anderer Stelle erläutert. Ähnliche Probleme hatte Reichner im Reich auch mit seinen Musikbüchern, und zwar mit Paul Stefans Bruno Walter-Biographie und Bruno Walters eigenem Buch über Gustav Mahler im Sommer 1936. Unmittelbar nach Abschluß des „Juli-Abkommens“ war, wie Reichner Bundeskanzler Schuschnigg und Staatssekretär Guido Zernatto am 28. August mitteilte, ihm „auch schon der Verkauf von Paul Stefans Bruno-Walter-Biographie (…) im Reich untersagt worden“. Daher stehe fest, „daß also ein so harmloses Buch wie dasjenige über Bruno Walter als ,unerwünscht““ gelte.

Nun ist soeben Bruno Walters eigenes Buch über Gustav Mahler erschienen, von dem ich Ihnen und dem Herrn Bundeskanzler je ein Widmungsexemplar überreichen durfte. Auch dieses Buch darf ich nicht ins Reich liefern, was daraus hervorgeht, daß ich auf die bloße Ankündigung seines Erscheinens hin aufgefordert wurde, sofort ein Prüfungsexemplar nach Leipzig zu schicken. Solange das Ergebnis dieser Prüfung nicht feststeht, darf ich kein einziges Exemplar – trotz vielen vorliegenden Bestellungen – ins Reich liefern. Sie werden zugeben, daß dies eine Maßnahme ist, die letzten Endes darauf hinausgeht, in der für den Bücherabsatz wichtigsten Zeit vor Weihnachten den österreichischen Bücherabsatz nahezu zu unterbinden. Denn es ist bloß nötig, die Vorprüfung genügend lange hinauszuziehen, um dann selbst im Falle der Zulässigkeit einen Bucherfolg zu einem Mißerfolg zu gestalten.[9]

Reichner richtete an Zernatto und Schuschnigg die Bitte, ihm zu helfen, doch konnte man österreichischerseits nicht viel unternehmen. In einem „pro domo-Vermerk“ des Bundeskanzleramtes heißt es:

Hiezu wäre zu bemerken, daß die zwei in Rede stehenden Bücher (1. Lebensbeschreibung Bruno Walters und 2. Bruno Walter als Autor des Gustav Mahler-Buches) naheliegenderweise auf Widerstände in Deutschland stoßen, da das 3. Reich Bruno Walter bekanntlich seine Haltung besonders übel nimmt (vgl. die szt. Bemerkung Herrn von Papens gegenüber dem H. Staatssekretär, wonach seitens Berlin dringend gewünscht würde, daß Opernabende in Wien mit reichsdeutschen Gästen tunlichst nicht von Bruno Walter geleitet werden (!)[10]

Reichner erhielt vom BKA folgende Antwort:

Bezugnehmend auf das gesch. an den Herrn Bundeskanzler gerichtete Schreiben vom 28. v. M. in Angelegenheit der Zulassung der „Bruno Walter-Biographie und der Gustav Mahler-Biographie von Bruno Walter“ im Deutschen Reiche beehre ich mich im Auftrage des Herrn BK Ihnen vertraulich mitzuteilen, daß ich mir zwar vorbehalte, bei erster günstiger Gelegenheit dem Herrn deutschen Gesandten gegenüber diese Angelegenheit zur Sprache zu bringen und die Frage dieser beiden Bücher zum Verkaufe im Reiche zu befürworten, jedoch glaube ich schon jetzt der Befürchtung Ausdruck geben zu müssen, daß diese meine Versuche wenig Aussicht auf Erfolg eröffnen, da ja bekanntlich die maßgebenden Faktoren des 3. Reiches jeden Kontakt mit Prof. Bruno Walter seit langem gänzlich abgebrochen haben und es auch vermeiden, von seinem künstlerischen Schaffen Notiz zu nehmen. Es ist daher kaum zu verwundern, daß angesichts dieser Einstellung des Dritten Reichs zu dem auch von mir sehr verehrten Künstler Bruno Walter ein Verbreitungsverbot gegen seine Biographie und gegen das von ihm verfaßte Gustav Mahler-Buch ausgesprochen wurden.
Ich glaube daher Ihnen den Rat erteilen zu sollen, bis auf Weiteres den Absatz dieser beiden Bücher bezw. deren Zulassung im Deutschen Reiche nicht zu forcieren und behalte mir vor, Sie gelegentlich von der Aufnahme meiner Gespräche beim Herrn deutschen Gesandten zu informieren. (ebda.)

Der Fall zeigt, von welch oft irrationalen Faktoren Buchpolitik beeinflußt wurde. Daß aber die linke Hand nicht immer wußte, was die rechte Hand tat, und umgekehrt, und daß die Erfassung von „jüdischer“ Literatur gar nicht so perfekt war, wie man vielleicht annehmen könnte, zeigt wiederum eine Episode aus dem Leben des Herbert-Reichner Verlags. Wie an anderer Stelle schon festgestellt, konnte das Börsenblatt ausländischen, in „jüdischen“ Händen befindlichen Verlagen nicht verweigern, dort zu annoncieren. Wohl aber war das Börsenblatt bemüht, Anzeigen für Bücher jüdischer Verfasser zu unterbinden. Dazu abschließend zwei aufschlußreiche Beispiele aus einem Bericht der Schriftleitung des Börsenblatts, betreffend „Jüdisches Schrifttum aus dem Ausland“ vom 7. Oktober 1937:

(…) 2.) Dem Verlag Herbert Reichner, Wien, Nichtmitglied, haben wir am 8. September eine Anzeige des Buches: Paul Stefan „Die Zauberflöte“ abgelehnt. Der Verlag antwortet mit dem Hinweis, daß das Buch in der Parteizeitung „Bayerische Ostmark“ in Bayreuth am 8. August 1937 eine glänzende Besprechung erfahren habe. Auf unsere Erkundigung bei der Schriftleitung der „Bayerischen Ostmark“ wird uns mitgeteilt, daß dem Besprecher nicht bekannt war, daß Paul Stefan Jude ist.
Dem Verlag Reichner gegenüber haben wir auf der Ablehnung bestanden, und er hat sich damit zufrieden gegeben.
3.) Dem Verlag Herbert Reichner, Wien mußten wir eine neue Anzeige über das Buch: Molnar „Der grüne Husar“ ablehnen, da der Verfasser Jude ist. Der Verlag schreibt uns darauf, daß Molnar genau so ein reiner Ungar sei wie z.B. Körmendi, dessen Bücher von den Verlagen Ullstein, Universitas und Bermann-Fischer ruhig angezeigt und verkauft werden dürften. Molnar unterscheide sich in nichts von Körmendi.

Es war uns bisher nicht bekannt, daß Körmendi Jude ist, und wir haben daher dem Verlag Reichner geschrieben, daß wir in Zukunft auch Anzeigen über Bücher von Körmendi ablehnen werden.[11]

Anmerkungen

[1] Quellenhinweise: MURRAY G. HALL, Literatur- und Verlagspolitik der dreißiger Jahre in Österreich. Am Beispiel Stefan Zweigs und seines Wiener Verlegers Herbert Reichner. In: Stefan Zweig 1881/1981. Aufsätze und Dokumente. Hg. v.d. Dokumentationsstelle für neuere österreichische Literatur in Zusammenarbeit mit dem Salzburger Literaturarchiv. ZIRKULAR. Sondernummer 2, Oktober 1981, S. 113-136; Archiv, Buchgewerbehaus Wien, u.a. Personalarchiv Herbert Reichner; ÖSta, HHSta, N.P.A., Karton 119, Zl. 43.578-13/1936; schriftliche Befragung der Witwe Herbert Reichners, Edith Reichner, Enfield, New Hampshire, USA; Lexikon der deutschen Verlage, Leipzig 1930, S. 320f.; der bis vor wenigen Jahren vorhandene Akt „Herbert Reichner“ im Gremium ist leider verschollen; der Verlag war auch nicht handelsgerichtlich protokolliert.

[2] Archiv, Buchgewerbehaus Wien: Personalakt Herbert Reichner.

[3] Nach einem Brief Edith Reichners an den Verf. vom 16. Juni 1981. Nach einer Auskunft von Rudolf M. Rohrer, Druckerei und Verlag in Baden bei Wien Anfang 1982 liegt dort keine Korrespondenz.

[4] Obwohl es sich nicht um einen belletristischen Verlag handelt, soll hier nun auf die Geschichte dieses Verlags kurz eingegangen werden: Der Ursprung der Firma Rudolf M. (= Maria) Rohrer reicht in das 18. Jahrhundert zurück. Am 2. Mai 1786 wurde in Brünn von Josef Georg Traßler eine Buchdruckerei gegründet, die später die Firma Rudolf M. Rohrer führte. Nach seinem Tod am 24.6.1816 wurde der Sohn Johann Baptist Traßler (1787-25.4.1844) Nachfolger. Dessen Neffe Rudolf Rohrer trat am 1.7.1828 im Alter von 23 Jahren als Geschäftsführer ein. Im Oktober 1831 ging die Buchdruckerei in den alleinigen Besitz von Rudolf Rohrer über. Als dieser am 14.1.1839 starb, war sein einziger Sohn, der sowie er den Namen Rudolf führte, erst ein Jahr alt. Nach der Führung als Witwenfortbetrieb übernahm Rudolf Maria Rohrer 1860 die technische, 1861 die selbständige Leitung des väterlichen Unternehmens. Am 27.5.1862 erhielt er die Konzession zum Betrieb der Buch- und Steindruckerei in Brünn, welche fortan unter der Firma Rudolf M. Rohrer geführt wurde. Anfang 1887 trat Rohrers ältester Sohn Rudolf Rohrer jun. in die Druckerei ein. Er war in erster Linie Buchdrucker, aber auch ein tüchtiger Verleger; er starb allerdings bereits am 3.1.1913 im 49. Lebensjahr in Brünn. Die Firma wurde weitergeführt, und in den 20er und 30er Jahren entwickelte der Verlag Rudolf M. Rohrer, der zunächst in Brünn firmierte, dann in Leipzig-Brünn und schließlich auch in Baden bei Wien beheimatet war, eine rege Tätigkeit, die folgende Gebiete umfaßte: Archäologie, Kunstgeschichte, Musikwissenschaft, Recht, Staat, Wirtschaft, Geisteswissenschaften, Naturwissenschaft, Technik. In vielen Sparten verlegte Rudolf M. Rohrer eine Reihe von wissenschaftlichen, kunstgeschichtlichen und juristischen Publikationsreihen. So gesehen war der Verlag zur Übernahme von Philobiblon durchaus geeignet. Als Kunsthistoriker arbeitete dort Dr. Gustav Adolf Künstler. (Quellenhinweise: Festnummer der österr.-ungar. Buchhändler-Correspondenz, Wien 1910, II. Teil, S. 52-53; BC, Nr. 20, 16.5.1906, S. 272f. und ebenda, Nr. 2, 8.1.1913, S. 13-14; Anderthalb Jahrhunderte Rudolf M. Rohrer (1786-1936). Die Geschichte einer Deutschen Drucker- und Verlegerfamilie. Brünn/Baden bei Wien: Rohrer, 1937.)

[5] Ausführlicher zu diesem Fall sowie zur Beziehung Reichner-Zweig siehe den Aufsatz des Verf. (Anm. 1). Eine neuerschienene Ausgabe des Briefwechsels Stefan Zweigs mit Raoul Auernheimer sowie mit Richard Beer-Hofmann konnte hier nicht mehr eingearbeitet werden. Herbert Reichner wird mehrfach erwähnt, und die Briefe Zweigs enthalten mehrere Anhaltspunkte dafür, daß seine Beziehung zu Reichner doch nicht immer die beste war. Dazu: The Correspondence of Stefan Zweig with Raoul Auernheimer edited with an introduction and notes by Donald G. Daviau and Jorun B. Johns and with Richard Beer-Hofmann edited with commentary and notes by Jeffrey B. Berlin. Columbia, South Carolina: Camden House, 1983.

[6] Der im Buchhandel sonst nicht identifizierte Kleibl scheint in der „Namentlichen Liste der am 30. Oktober 1939 noch kommissarisch verwalteten Betriebe“ auf. Da heißt es wörtlich: „Begründung: Muß als kommissarischer Verwalter bleiben, da er in Auslandsprozessen als kommissarischer Verwalter genannt wurde und eine Umwandlung zum Treuhänder für die Prozesse von Schaden wäre.“ Quelle: AVA, Reichskommissar, Karton 145.

[7] STEFAN ZWEIG, Briefe an Freunde. Hg. von Richard Friedenthal. Frankfurt/Main: S. Fischer, 1978, S. 249.

[8] Anzeiger, Nr. 4, 19.2.1938, S. 24.

[9] ÖSta, HHSta, N.P.A. Karton 119, BKA 43.578-13/36.

[10] Ebenda, BKA Zl. 42.061/36, Geschäftszeichen I/12. Wie Bruno Walter im Dritten Reich „behandelt“ wurde, beschreibt FRED P. PRIEBERG in: Musik im NS-Staat. Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 1982.

[11] Berlin Document Center, Leitzordner „Jüdische Buchhändler, Verleger und Schriftsteller“; der Bericht von Dr. Albert Hell ist mit 7. Oktober 1937 datiert. Im selben Bericht ist von ähnlichen Fällen in Zusammenhang mit dem Saturn-Verlag, dem Bermann-Fischer Verlag und dem Bastei-Verlag die Rede.

Ergänzungen zur Buchveröffentlichung von 1985

  • Stefan Zweig und der Herbert Reichner Verlag. In: Znanstvena Revija (Maribor), 5 (1993), Nr. 1, S. 107–116 sowie in: Friedrich Gaede u.a. (Hrsg.): Hinter dem schwarzen Vorhang. Die Katastrophe und die epische Tradition. Festschrift für Anthony W. Riley. Tübingen: Francke Verlag 1994, S. 157–166.
  • Murray G. Hall/Christina Köstner: „… allerlei für die Nationalbibliothek zu ergattern …“. Eine österreichische Institution in der NS-Zeit. Böhlau: Wien–Köln–Weimar 2006, S. 112–115.

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