Der Rikola-Konzern

Der Rikola-Konzern

Die Rechtsform der Aktiengesellschaft (A.G.) für den reinen Buchverlag kommt in der Zeit vor 1918 relativ selten vor, und mit Ausnahme der „Universal-Edition A.G.“, von der wir bereits im ersten Kapitel kurz gesprochen haben, gab es sonst nur große Zeitungsverlage und Druckanstalten, die auch Bücher produzierten. Von dem halben Dutzend Verlags-Aktiengesellschaften, die nach 1918 errichtet wurden, befassen wir uns hier mit dreien: der „Rikola Verlag A.G.“ der „Wiener literarischen Anstalt Ges.m.b.H.“ (später WILA-A.G.) und der „Literaria-A.G.“. Von der „Rhombus-A.G.“ ist im ersten Kapitel kurz die Rede gewesen, und die „Hölder-Pichler-Tempsky A.G.“ wird deshalb nicht behandelt, weil sie als Schulbücherverlag anzusehen ist. Verbleibt nur die Holdinggesellschaft „Zentralgesellschaft für buchgewerbliche und graphische Betriebe A.G.“, die uns hier indirekt beschäftigen wird.

Wie in einer vereinfachten Graphik versucht wird darzustellen, steht die „Rikola A.G.“ (RI-chard KOLA) eben durch die Person des Gründers inmitten eines wahrhaften Geflechts von Verlagen, Druckereien und Papierfabriken. Einmal sind es Kapitalbeteiligungen in allen Richtungen, das andere Mal personelle Verbindungen.

Was womöglich wie eine zufällige Gründung im Dezember 1920 aussieht, war – man möchte fast sagen: logische Konsequenz und Entwicklung – viel eher die gezielte Aktion eines Mannes, eines Bankiers und dilettierenden Schriftstellers namens Richard Kola. Für Kola war die Gründung des Rikola Verlags die Verwirklichung einer „Lieblingsidee“. Kola, der am 12. August 1872 in Wien geboren wurde, war das Bindeglied zu zahlreichen großen Firmen, deren Entwicklung zum besseren Verständnis hier kurz geschildert werden soll, wobei auf eine Würdigung und Zusammenfassung ihrer Produktion verzichtet werden muß.

Zu Lebzeiten veröffentlichte Kola – auf dem Zenit seines Ruhms – im August 1922 seine Memoiren. [1] Sie präsentieren die „Aufsteigerstory“ vom literarisch interessierten Gymnasiasten und schüchternen Volontär in einem kleinen Bankhaus zum Herrscher über ein unüberschaubares Finanz- und Industrieimperium, der von den führenden Finanzpolitikern hofiert und um Rat gebeten und zu den großen Sanierern gezählt wurde. Wenn man seinen Erinnerungen glauben darf, hatte er den „Midas touch“ zumindest bis gegen Mitte der 20er Jahre.

Wenn man einmal andere Industrie- und Finanzsparten ausklammert, verbleibt ein Imperium, das Papierfabriken noch und noch sowie große Verlags- und Druckanstalten umfaßte. Es gab kaum eine Firma, die nach seinem Wollen nicht früher oder später in seinen Besitz gelangte.

Mit der Entwicklung und Entstehung des Rikola Verlags sind gut zwanzig Verlage und Druckanstalten unmittelbar verbunden. Nach Gründung seiner eigenen Firma „Richard Kola“ im September 1909 wurde Kola Inhaber des am 1. Juli 1910 von seinem Bruder Arthur Kola (29.3.1870, Wien-28.8.1937, Wien) gegründeten Bankhauses „Kola & Co.“. Der Siegeszug durch die österreichische Papier- und Verlagsindustrie begann für Richard Kola bereits im Jahre 1912 mit dem Erwerb zweier Firmen, die unter Wahrung ihrer Identität weiterhin erhalten blieben: „Brüder Rosenbaum“ und „Gesellschaft für graphische Industrie“. Hier eine kurze Vorgeschichte dieser Firmen zunächst bis zur Übernahme durch Richard Kola.

Brüder Rosenbaum

Brüder Rosenbaum (Rikola) OriginalIm Jahre 1874 wurde von Rosenbaum ein Papiergeschäft in Wien gegründet. Als nächstes wurde die Firma „Brüder Rosenbaum“, Buchbinderei, Wien I., Stadiongasse 10 mit 1. Jänner 1880 ins Leben gerufen. Drei Jahre später wurde eine neue, gleichnamige Firma, also ebenfalls „Brüder Rosenbaum“, durch Julius Rosenbaum, Ignaz Rosenbaum (1854-21.6.1913) und Heinrich Rosenbaum (1852-29.4.1908) errichtet und am 17. April 1883 ins Wiener Handelsregister unter Reg. Ges. Bd. 28, 70 eingetragen. Anfang 1892 schied der offene Gesellschafter Julius Rosenbaum aus und im folgenden Jahr trat der am 4. Mai 1867 in Eger geborene Sigmund Rosenbaum in die Firma ein. Dieser Rosenbaum absolvierte in Wien die Real- und Kunstgewerbeschule, erlernte das Graveurhandwerk und lebte mehrere Jahre als Gehilfe in Paris und London. Er war es, der die Firma ausbaute und auf Grund seiner ausgezeichneten Ideen neuartige Erzeugnisse der Papierwarenindustrie, die in allen Teilen der Welt Absatz fanden, vermarktete. Als Anhänger der von Josef Hoffmann, Koloman Moser und Josef Olbrich inaugurierten Richtung des österreichischen Kunstgewerbes führte Sigmund Rosenbaum diese neue Note in die Gebrauchsgraphik ein. Bekannt ist die Zusammenarbeit zwischen den „Brüdern Rosenbaum“ und der „Wiener Werkstätte“.

Nach dem frühen Tod Heinrich Rosenbaums am 29. April 1908 wurde am Anfang des folgenden Jahres der Betriebsgegenstand etwas erweitert, um nunmehr „fabriksmäßige Papierausstattungs- und Buchdruckerei“ zu umfassen. So trug das Geschäftspapier der Firma die Worte: „Verlag Brüder Rosenbaum. Wien VIII., Josefstädterstraße 29/Buchdruckerei, Lithographie, Papierwarenfabrik“.

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Einem Protokoll zufolge, das die Korporation der Wiener Buch-, Kunst- und Musikalienhändler am 15. November 1910 mit dem Verlagsleiter bei den Brüdern Rosenbaum, Leopold Heinrich, aufnahm, plante die Firma Brüder Rosenbaum einen eigenen Verlag zu gründen, und zwar den „Falter Verlag“. Es war jedoch nicht zu ermitteln, ob der Verlag tatsächlich protokolliert wurde oder gar irgendwelche Werke herausgab. [2]

Gesellschaft für graphische Industrie[3]

Gesellschaft für graphische IndustrieDie Firma begann im Spätherbst des Jahres 1887 mit dem Wortlaut „Colbert & Ziegler“ und wurde von Carl Colbert (8.2.1855-29.5.1929) als Geldgeber und dem Schriftsteller Ernst Ziegler (22.11.1847-24. 12.1902) gegründet. Kurz darauf wurde das Erscheinen eines Blattes unter dem Titel Wiener Mode angekündigt. Es sollte dies eine illustrierte Zeitschrift und zugleich ein publizistisches Organ für das tonangebende Wiener Modegewerbe sein. Am 1. Jänner 1888 erschien die erste Nummer. Im Jahre 1893 trat Ernst Ziegler aus der Verlagsfirma aus, die von Carl Colbert in eine Aktiengesellschaft – Wiener Mode Verlag – mit einem Kapital von 650.000 fl. umgewandelt wurde. Um das immer größer werdende Unternehmen in einem eigenen Haus unterzubringen, wurde im 4. Bezirk ein Haus gebaut, das bald als das „Haus der Wiener Mode“ bekannt wurde. Im Jahre 1895 wurde der Grund zur eigenen Druckerei gelegt, denn bis dahin wurde das Blatt Wiener Mode bei Steyrermühl hergestellt. Man kaufte ein paar kleinere Firmen auf und begann auch auf dem Gebiet der Farbenlithographie tätig zu sein. Als nächstes entschloß man sich, eine bestehende Druckerei zu erwerben und zu diesem Zweck ein großes Fabriksgelände in der Gumpendorferstraße zu errichten. Gleichzeitig wurde die Firma, die bis dahin „Wiener Mode, Verlags A.G.“ geheißen hatte, um dem erweiterten Wirkungskreis Rechnung zu tragen, in „Gesellschaft für graphische Industrie“ umgewandelt und das Aktienkapital auf 2 Millionen Kronen erhöht. Sie wurde nun am 12. März 1897 in dieser Form unter Reg. Ges. Bd. 39, pag. 12 ins Wiener Handelsregister eingetragen. Somit war der Grund zu einer Buch-, Kunst- und Steindruckerei gelegt. In den Jahren 1895 bis 1904 hat die Gesellschaft auch den Buchverlag betrieben, der ursprünglich aus dem Bedürfnis der Abonnentinnen der Wiener Mode nach allerlei Fachwerken entstanden war. Daneben entwickelte sich auch eine Verlagstätigkeit auf dem Gebiet der Frauenliteratur bzw. im Bereich „Bücher für die elegante Damenwelt“. Also neben „Handarbeitsbüchern und Vorlagen“ (z.B. Album der Monogramme für Kreuzstich), Handbüchern für Hausfrauen (z.B. Die Kunst, Servietten zu falten), der Reihe „Erziehung und Pflege des Kindes“, „Aus dem Leben für das Leben“ u.a.m. erschienen Sammelwerke wie Dichter und Darsteller (Hg. Rudolf Lothar), Werke wie Wir Frauen und unsere Dichter von Laura Marholm, und Damenwahl. Sammlung ernster und heiterer Vorträge für Damen usw.

Bis 1910 war die Gesellschaft bereits ein leistungsfähiger Konzern mit 32 Druckpressen, einer voll eingerichteten Setzerei, Buchbinderei und Schriftgießerei. Um sich mehr auf andere Gebiete, wie z.B. die gutbeschäftigte kommerzielle Druckerei, zu konzentrieren, entschloß sich die Gesellschaft ihre Verlagswerke auszuverkaufen und den Buchverlag aufzulassen.

Da die finanzielle Lage der Gesellschaft recht ungünstig war, trat der leitende Verwaltungsrat Carl Colbert im Jahre 1912 an einen Herrn heran, der „die Beschäftigung mit der Industrie als notwendige Ergänzung [seiner] Bankierstätigkeit ansah“ (Rückblick, S. 196). Es war Richard Kola, der ganz zufällig sich bei der Wiener Mode seine literarischen Sporen verdient hatte und die Übernahme als eine „Gelegenheit zu Erfahrungen auf industriellem Gebiet“ (ebda., S. 195) ansah. Kola erklärte sich bereit, die Aktienmehrheit zu kaufen, nur brauchte er die „Mithilfe eines Fachmannes“. „Ich erkundigte mich bei Freunden, welche Persönlichkeit aus der Druckerei- und Verlagsbranche für die Leitung in Betracht käme, und übereinstimmend wurde mir Herr Sigmund Rosenbaum genannt, der gemeinsam mit seinem Bruder Ignaz die Druckerei- und Papierkonfektionsfirma Brüder Rosenbaum innehatte“. (S. 197) Das einzige Hindernis zur Übernahme der obersten Leitung der Gesellschaft durch Rosenbaum war dessen eigene Firma „Brüder Rosenbaum“. Kolas Lösung: „Ich kaufe einfach Ihr Geschäft und übernehme den Bruder mit.“ (S. 198)

Als Kaufpreis nennt Kola in seinen Erinnerungen K 750.000, eine Summe, die auch der entspricht, die in diversen Meldungen dieser Zeit erwähnt wird. [4] Die Übernahme durch Kola scheint aber weder ein „Ankauf“ noch ein „Erwerb“ gewesen zu sein. Ein Jahrzehnt später ist vielmehr von einer „Pacht“ die Rede.

Es wurde gesetzesgemäß die Einladung zur a.o. Generalversammlung der Gesellschaft für graphische Industrie in den Räumen der Gesellschaft in der Gumpendorferstraße 87 samt Tagesordnung in der Wiener Zeitung bekanntgemacht, [5] und anläßlich der Generalversammlung der Aktionäre am 17. Juni 1912 kam es zum Austausch der meisten Mitglieder des Verwaltungsrates. Eingetreten und am 24. September 1912 ins Handelsregister unter Reg. Ges. Band 48, pag. 73 eingetragen wurden die Herren Richard Kola, Arthur Kola, Ignaz und Sigmund Rosenbaum. Fortan oblag den beiden Brüdern die oberste Leitung der Druckerabteilung sowie der Papierkonfektion.

Obwohl die Firma „Brüder Rosenbaum“ also „gänzlich“ in die Gesellschaft für graphische Industrie aufgegangen war, hörte sie keineswegs auf, selbständig zumindest juristisch zu existieren. Sie scheint vielmehr als eine Art „Abteilung“ innerhalb der Gesellschaft bis 1927 weiter bestanden zu haben. [6]

Nach dem Tod von Ignaz Rosenbaum traten einige andere Familienmitglieder in die Gesellschaft für graphische Industrie ein, so z.B. Anfang 1914 Alfred Rosenbaum (* 15.5.1855, Betriebsleiter), Dr. Ernst Rosenbaum (* 6.11.1888, Sekretär) und Robert Rosenbaum (Betriebsleiter) als Kollektivprokuristen. Im August 1917 kam Rudolf Rosenbaum (27.8.1894, Wien-2.10.1965, ebda.) als Prokurist hinzu. Der „Eingliederung“ der „Brüder Rosenbaum“ in den wachsenden Richard Kola-Konzern folgte 1919 die der Österreichischen Zeitungs- und Druckerei A.G., deren Verwaltungsratsmitglied der Generaldirektor der Anglo-Österreichischen Bank, Sigmund Rosenbaum, seit 1914 war.

Diese Konstellationen blieben bis ungefähr 1919 bestehen, als Kola die nächsten gewaltigen Veränderungen in der Papier- und Druckindustrie verursachte. Als Schritt in Richtung der Schaffung eines Vertikalkonzerns ergab sich nämlich die Notwendigkeit zur Erwerbung einer modernen Buchbinderei. Kola erwarb die Firma Georg Yerebys Nachf. Zur Vollendung fehlte nur noch der Sektor Papier. Nachdem die Übernahme der Papierfabrik Leykam-Josefsthaler vorerst scheiterte, ging Kola auf die „Elbemühl“ zu, die vom Bankhaus Schoeller & Co. kontrolliert wurde. „Elbemühl“ besaß eine Papierfabrik in St. Pölten, mehrere in Böhmen sowie Beteiligungen an anderen. In Wien gehörten der Elbemühl zwei große Druckereien: die Hoftheater-Druckerei und die Zeitungsdruckerei.

→ Grafik Gesellschaft für graphische Industrie

Elbemühl[7]

ElbemühlDie „Papierfabrik und Verlagsgesellschaft Elbemühl“ war am 25. Februar 1873 unter Reg. Ges. Bd. 16, pag. 35 ins Wiener Handelsregister eingetragen worden. Die Firma hatte, im Grunde genommen, drei Standbeine: Papiererzeugung, Buchdruck und Verlag. Schon im Jahre 1874 hatte sie das offiziöse Fremdenblatt, dessen Nachfolger der 1919 gegründete, kurzlebige Neue Tag war, übernommen. In ihrem Zusammenhang erschienen noch das Illustrierte Wiener Extrablatt (ab 1906), die Wiener Mittags-Zeitung sowie die Wochenschriften Wiener Bilder und Das interessante Blatt. Als Richard Kola sich an die Elbemühl heranpirschte, war die Mehrheit der Aktien im Besitz des Hauses Schoeller & Co., vertreten als Mitglied des Verwaltungsrates durch Richard Ritter v. Schoeller. Dieser trat seinen ganzen Besitz an Elbemühl-Aktien an Kola ab, der unter Löschung Schoellers zusammen mit Sigmund Rosenbaum, Leopold Bauer (Oberbaurat) und Dr. Gottfried Kunwald (13.9.1869-14.3.1938) [8] – er wird später in der Rikola-Geschichte auftauchen – als Mitglied des Verwaltungsrates ins Handelsregister unter Reg. Ges. Bd. 52, pag. 1 am 27. Jänner 1920 eingetragen wurde.

Mit dem Erwerb der Elbemühl fiel Kola gleich ein weiterer Brocken in die Hände: die Druckerei & Verlags-Aktiengesellschaft vorm. R. v. Waldheim, Jos. Eberle & Co. (Wortlaut seit 22.1.1908). Die Vorgeschichte geht auf das Jahr 1912 zurück, als „Waldheim-Eberle“ sich mit enormen Verlusten und Bankschulden konfrontiert sah. Der Betrieb der verlustreichen Modejournal-Abteilung mußte aufgelassen werden, damit die Firma sich dem Druckereibetrieb als nunmehr alleinigem Geschäftszweck widmen konnte. [9]

Es erfolgte daher ein Besitzwechsel bei den Aktien der Gesellschaft. Als Vertreter der neuen Groß-Aktionäre wurden die Herren Philipp Broch, Direktor der k.k. Verkehrsbank in Wien, Ernst Prinzhorn, Generaldirektor der Elbemühl in Wien, sowie Friedrich Ritter v. Schoeller, Prokurist des Bankhauses Schoeller & Co., in den Verwaltungsrat kooptiert. Umschrieben wurde dieser Vorgang im Protokoll der Verwaltungsratssitzung vom 24. Mai 1912 folgendermaßen: „die ungünstigen Resultate unserer Gesellschaft lassen es als geboten erscheinen, einige auf dem Gebiete des Druckerei- und Verlagswesens versierte Herren für die Verwaltung der Gesellschaft zu gewinnen. (…) Wir sind nämlich zur Ansicht gelangt, daß es von Vorteil für unsere Gesellschaft ist, diese bewährten Kräfte in ihre Dienste zu stellen.“ [10] Auf den wichtigsten Posten hatte Prinzhorn z.B. deshalb Anspruch, weil kurz zuvor die Länderbank ihren Besitz an Waldheim-Eberle-Aktien der Elbemühl verkauft hatte.

Der spätere Besitzwechsel (zu Kola) vollzog sich offiziell anläßlich einer am 25. Februar 1920 abgehaltenen Verwaltungsratssitzung. In den Verwaltungsrat der nunmehrigen Waldheim-Eberle A.G. (seit 7. Juli 1916) wurden daher kooptiert: Richard Kola, Bankier; Arthur Kola, Bankier; Sigmund Rosenbaum, Generaldirektor der Gesellschaft für graphische Industrie und Dr. Gottfried Kunwald. Zugleich wurde Richard Kola einerseits zum Präsidenten des Verwaltungsrats, andererseits zum Präsidenten der Gesellschaft gewählt. Im Zuge der Neuübernahme kam es zur Beförderung von Dr. Justinian Frisch (19.7.1879, Wien-3.6.1949, Cambridge). Frisch war der Sohn des ersten Fackel-Druckers Moriz Frisch (28.2.1849-31.10.1913) und nach der Jahrhundertwende Karl Kraus-Kontrahent in einem langen Gerichtsverfahren. Er war selber Verleger geworden und kurze Zeit Gesellschafter des 1913 gegründeten Verlags „Dr. Frisch & Co.“, schied aber im folgenden Jahr aus, trat in den Dienst von Waldheim-Eberle ein, wurde technischer Leiter und schließlich unter Kola auf Grund seiner „gediegenen Fachkenntnisse“ Vize-Direktor und Prokurist von Waldheim-Eberle. (1936 wurde er Leiter der Buchherstellung beim neugegründeten Bermann-Fischer Verlag zuerst in Wien und dann in Stockholm.)

Bis Juni 1920 kontrollierten Richard Kola, Arthur Kola, die Firma Kola & Co. und andere ihr Ergebene knapp 50% der Aktien von Waldheim-Eberle. Kolas Aktienbesitz erweiterte sich bis August 1921. Als Groß-Aktionare verblieben ein paar Banken wie die Allgemeine Verkehrsbank, Schoeller und die Allgemeine Depositenbank.

Wenn wir also nun zusammenfassen, so war Richard Kola im Jahre 1920 Herrscher über einen großen Vertikalkonzern, der alle Sparten umfaßte – von der Papiererzeugung über den Druck bis zur Binderei. Ihm gehörten also die Gesellschaft für graphische Industrie, die Firma Brüder Rosenbaum, die Elbemühl, die Waldheim-Eberle A.G. Hinzu kam eine Beteiligung an der Neusiedler-Papierfabrik, einer Papierfabrik in Wels, und zum Schluß gehörte ihm als Groß-Aktionär die Aktienmehrheit der Leykam-Josefsthaler Papierfabrik.

Zum letzten großen Geschäft bedurfte er der tatkräftigen finanziellen Unterstützung des berüchtigten Camillo Castiglioni, der als Gegenleistung eine Beteiligung an Elbemühl und der Graphischen verlangte und bekam. Womit „mein Papierinteresse“, wie Kola sich ausdrückte (Rückblick, S. 279), einigermaßen befriedigt war. Es fehlte also nur noch eines: ein großer Verlag.

Grafik Waldheim-Eberle A.G.

Vorspiel zur Rikola A.G.

Die Vorbereitungen zur Gründung der Rikola Verlags-A.G. waren bereits Mitte 1920 sehr weit gediehen. So schreibt Kola in seinen Erinnerungen:

Zu meinen Lieblingsideen gehörte seit langem die Gründung eines Wiener Verlages, der berufen wäre, den großen deutschen Verlagsanstalten, die so unendlich viel für Kultur und Bildung geleistet, ebenbürtig an die Seite zu treten. Seit ich nicht nur über zahlreiche Druckereien, sondern auch über eine Reihe erstklassiger Papierfabriken verfügte, gewann der Gedanke immer breiteren Raum. Durch einen Zufall wurde seine Verwirklichung wesentlich beschleunigt. (Rückblick, S. 269)

In den ersten sechs Monaten des Jahres 1920 machten sich die Inflation und die Verteuerung der Waren besonders stark bemerkbar. Die Zeitungen berichteten sehr häufig über die Verteuerung der Bücher, vor allem der Importe aus Deutschland. Sie machten es zur Gewohnheit, einzelne Buchhändler in Wien wegen vermeintlicher Preistreiberei persönlich anzugreifen und besonders hohe Preise anzuprangern. Die Schlagzeilen sagen fast alles: „Das geistige Elend“, „Die Bücher werden teurer“, „Bücherblockade über Österreich“, „Die Bücherschieber“, „Gespräch über die Büchernot“, „Die Notlage unserer Bibliotheken“, „Zur Frage der Bücherpreise“ usw. Da liest man z.B. Mitte April 1920 in Sachen „Bücherblockade“:

Zu den vielen behördlichen Lebensmittelkarten gesellen sich nun auch sozusagen Karten für geistige Lebensmittel. Seit Monaten schon leiden wir an der furchtbaren Bücherverteuerung. Seit nahezu vier Wochen weisen aber die Buchhandlungen eine unheimliche Leere auf, dem bücherlesenden Publikum werden höchstens noch einige Ladenhüter und veraltete Schmöcker (sic!) zu exorbitant hohen Preisen feilgeboten. Von den Neuerscheinungen natürlich nicht zu reden. Die Ursache dieser geistigen Aushungerung Wiens ist in einer allerdings grotesken, aber neuzeitlichen Streikform der deutschen Verleger zu suchen. Sie wollen eine ins Phantastische gehende Erhöhung der Bücherpreise erzielen und gebrauchen die neuartige Waffe, keine Bücher zu liefern, solange sich die österreichischen Buchhändler nicht eidlich verpflichten, die bezogenen Bücher nicht unter anderen Bedingungen zu verkaufen, als es die deutschen Verleger vorschreiben. (Der Neue Tag, Nr. 105, Fr., 16.4.1920, S. 4)

Als „deus ex machina“ in dieser Not tauchte sodann ein Richard Kola mit Antworten und Lösungen zu all diesen Problemen auf.

Am 20. Juni 1920 brachte die Neue Freie Presse einige Aufsätze zur gegenwärtigen Lage auf den Büchermarkt: „Das geistige Elend“, „Die Volksbüchereien vor dem Zusammenbruch“ von Hofrat Dr. E. Leisching und schließlich „Bitte um Hilfe für die Bibliotheken“ von Dr. G.A. Crüwell. Dieser schloß seine Bitte mit einem Appell, der ins Ohr gehen sollte:

(…) Man spricht so viel von dem neuen Reichtum. Sollte sich in den Bezirken dieses neuen Reichtums nicht ein Kreis von freigebigen, um das geistige Wohl ihrer Heimat besorgten Personen finden, die den öffentlichen Büchersammlungen etwa durch eine Stiftung zu Hilfe kämen? Die geforderten Opfer sind nicht allzu groß. Ein paar Millionen – was sind sie heute! – würden fürs erste genügen. Sollte der schlichte, aber edle und dauernde Ruhm eines Mäzens nicht ebenso verlockend sein, wie Orden und Titel von einst? Wer der ältesten und ehrwürdigsten Republik, der Republik der Geister, Diener und Helfer sein will, dient und hilft er nicht auch sich selbst? Ein Mäzenas wird gesucht, ein Mediceer. Gibt es denn einen Menschen, den nicht engere oder weitere Beziehungen zu dem kostbarsten und heiligsten Gefäße binden, das der menschliche Geist geschaffen hat: dem Buch? (Nr. 20.047, So., S. 5)

Richard Kola „las den Artikel in der Nacht und schrieb noch zur selben Stunde eine Erwiderung, die in der ,Neuen Freien Presse“ vom 22. Juni 1920 erschien“ (Rückblick, S. 269). Diese Erwiderung führt uns mitten in die Grundprobleme von Verlagsneugründungen dieser Zeit wie auch des Büchermarkts schlechthin. Sie charakterisiert auch das Programm des zu gründenden Rikola Verlags und soll daher in extenso zitiert werden:

Das Hinaufschnellen der Bücherpreise.

Vom Präsidenten Richard Kola

Ich habe mit vielem Interesse in der heutigen „Neuen Freien Presse“ den interessanten Artikel des Herrn Doktor G.A. Crüwell gelesen, der einen Hilferuf für die Bibliotheken beinhaltet. Herr Dr. Crüwell fragt, ob sich nicht in Österreich ein Kreis von freigebigen, um das geistige Wohl ihrer Heimat besorgten Personen finden könne, die den öffentlichen Büchersammlungen, etwa durch eine Stiftung, zu Hilfe kämen. Die geforderten Opfer wären nicht allzu groß, denn ein paar Millionen dürften fürs erste genügen.

Herr Dr. Crüwell fragt des weiteren, ob es einen Menschen gibt, den nicht engere oder weitere Beziehungen zu dem kostbarsten und heiligsten Gefäße binden, das der menschliche Geist geschaffen hat: dem Buch.

Die Ausführungen des Herrn Dr. Crüwell sind ganz richtig. Auch ich bin der Meinung, daß unbedingt etwas geschehen muß, um das drohende geistige Elend, das durch den immer knapper und teurer werdenden Vorrat an Büchern droht, aufzuhalten. Das Hinaufschnellen der Bücherpreise, verursacht einerseits durch die Teuerung des Papiers und Verteuerung der Löhne, anderseits durch das Teurerwerden der Mark, das deshalb von ausschlaggebender Bedeutung ist, weil ja die meisten Bücher aus Deutschland zu uns kommen und in Mark fakturiert werden, ist für den Büchermarkt geradezu katastrophal. Ich sehe aber das Heil nicht darin, eine Millionenstiftung zu machen, um aus den Zinsen derselben Bücher anzuschaffen; denn einerseits würde man bei den heutigen gestiegenen Preisen nur recht wenig Bücher jährlich anschaffen können, anderseits wird es voraussichtlich in kurzer Zeit überhaupt keine Bücher mehr geben, die zu erschwinglichen Preisen angeschafft werden können.

Meiner Ansicht nach müßte das Übel an der Wurzel gepackt werden und es müßte durch Schaffung eines großen heimischen Verlages die Möglichkeit gegeben werden, uns unabhängig vom deutschen Büchermarkte zu machen und in Massenauflagen gute und billige Bücher für das Volk herzustellen. Ich selbst befasse mich seit längerer Zeit mit der Idee, einen großen Verlag ins Leben zu rufen, unter Mithilfe der drei großen Verlagsgesellschaften, deren Präsident zu sein ich die Ehre habe: der „Elbemühl“ Papierfabriks- und Verlagsgesellschaft, der Gesellschaft für graphische Industrie und der Waldheim-Eberle A.G. Geplant ist die Gründung einer neuen Verlagsaktiengesellschaft, deren Kapital mit etwa 10 bis 15 Millionen in Aussicht genommen ist, welche in dreifacher Hinsicht kulturell wirken soll: durch billige Neuausgaben der Klassiker, die in Massenauflagen gedruckt und mit einem bescheidenen Nutzen an die Buchhändler abgegeben werden sollen; durch einen belletristischen Verlag, der die moderne Literatur zu Worte kommen läßt, und schließlich durch einen wissenschaftlich-politischen Verlag, der berufen sein soll, in den weitesten Kreisen aufklärend zu wirken. Diese Verlagsgesellschaft soll durch den Umstand, daß sie die Preise in Kronen fakturieren wird, sich nicht nur von Deutschland emanzipieren, sondern soll auch berufen sein, der heimischen Bevölkerung Arbeit zu geben und gleichzeitig Bildung in die weitesten Bevölkerungsschichten zu tragen.

Ich halte – meiner unmaßgeblichen Meinung nach – die Millionen, die für diesen Zweck verwendet werden, für nutzbringender angelegt als eine einmalige Stiftung, aus deren bescheidenen Zinsen ja doch nur unzulängliche Vorräte angeschafft werden können.

(Nr. 20.049, Di., 22.6.1920, S.7)

Die Gründung

Am 2. Dezember 1920 fand die konstituierende Generalversammlung der „Rikola Verlag A.G.“ statt, die – und man sieht hier, wie rasant die Geldentwertung seit Juni fortgeschritten war – mit einem Kapital von 50 Millionen Kronen, eingeteilt in 250.000 Aktien ä 200 K Nominale, gegründet wurde. Betriebsgegenstand war: sämtliche Gebiete der Literatur, Kunst und Wissenschaft einschließlich des Verlags von Zeitschriften, geographischen Karten und Ansichtskarten, des Verlags und Vertriebs dramatischer Bühnenwerke, der Erzeugung von Papier, der Beteiligung an anderen Unternehmungen gleicher oder verwandter Art usw. Die neue Aktiengesellschaft wurde am 23. Dezember 1920 unter Reg. B, Band 9, pag. 13 ins Wiener Handelsregister eingetragen.

Rikola A.G.

Der 25köpfige Verwaltungsrat war aus Bankiers, Generaldirektoren, Präsidenten, Großindustriellen und Generalkonsuln zusammengesetzt. Eine Ausnahme bildete lediglich der „Schriftsteller“ Anton Wildgans. Dem Verwaltungsrat gehörten u.a. an: Dr. Daniel Brody, Budapest; Commendatore Dr. Arturo Castiglioni, Triest; Hugo Gerngroß, Arthur und Richard Kola sowie Sigmund Rosenbaum[11].

Präsident des Verwaltungsrats war selbstverständlich Richard Kola selber. Generaldirektor war Alexander Skuhra (23.12.1876, Wien-12.3.1966, ebda; Anzeiger , Nr. 8, 1966, S. 50), Verlagsdirektor Rudolf Staudt, literarischer Direktor Dr. Richard Wengraf (30.9.1875-11.5.1923, Wien), künstlerischer Direktor Otto Nirenstein (1.4.1894, Wien-30.11.1978, New York), wissenschaftlicher Direktor Leo Friedländer. Sitz der Firma war ursprünglich Wien VII., Kaiserstraße 45, wo auch die Direktion des Verlags der Wiener graphischen Werkstätte eine Zeit lang untergebracht war. Da diese Lokalitäten völlig unzulänglich waren, wurde das ehemalige Hotel Hungaria im 3. Bezirk, Radetzkyplatz 5, in dem während des Ersten Weltkriegs das Kriegspressequartier zeitweise untergebracht war, erworben und allmählich von Mai bis August 1921 bezogen.

Die ersten Verlagsveröffentlichungen auf dem Gebiete der schönen Literatur wurden Ende Juni 1921 in der Buchhändler-Correspondenz angekündigt.

Darunter befanden sich ein Roman von Emil Lucka – Fredegund -, Felix Brauns Die Taten des Herakles, Paul Bussons Die Wiedergeburt des Melchior Dronte, Wladimir Hartliebs Der mächtige Ruf (Gedichte) Nach etwa acht Monaten Vorbereitungen also kam das erste Buch in Österreich am 3. August 1921, in Deutschland am 31. August auf den Markt. Nach dem Geschäftsbericht für das erste Jahr (1921) wurden 106 Verlagswerke erworben und erzeugt, d.h. auf den Markt gebracht. Für die wenigen Monate der Ertragsbildung war das eine überaus ansehnliche Zahl. Doch für die großen Pläne Richard Kolas wurde das Kapital zu gering. Die damals noch rapid fortschreitende Geldentwertung hat die Herstellungskosten jedes Verlagswerkes überaus verteuert. Es wurde daher bereits am 20. Oktober 1921 eine Kapitalsverdoppelung auf 100 Millionen Kronen beschlossen. Sieben Monate später erfolgte neuerlich eine Verdoppelung. Dieser Kapitalbedarf – das Kapital wurde im Juni 1923 auf 600 Millionen Kronen erhöht – spiegelt ziemlich genau die wirtschaftlichen Verhältnisse im allgemeinen wie im Verlag selber wider. Wie war es aber möglich, so viel Geld, sprich: Aktienkäufer, für den Rikola-Verlag aufzutreiben? Dazu ein Zeitgenosse:

Die Aktien des neuen Verlages fanden infolge einer geschickt inszenierten Reklame zunächst reißenden Absatz. Man lebte in der Zeit der Inflation. Das unbegrenzte Vertrauen in die Tüchtigkeit und das beispiellose Glück des Gründers wurden auf die Gründung übertragen. Die Kurse schnellten unheimlich in die Höhe. Der Tip Rikola war eine sichere, Geld bringende Sache. Man spekulierte in geistigen Werten und kümmerte sich wenig darum, ob auch die Produktion des Verlages mit den emporwirbelnden Kursen im Einklang stand. Rikola wurde auf der Börse und nicht im Verlagsbureau gemacht. Rikola wurde das Schlagwort für die Börsenjobber, nicht für den Buchhandel und die Literaturfreunde. [12]

Wie war es möglich, im ersten „Jahr“ so viele Verlagswerke auf den Markt zu bringen, wenn, wie eine Zählung ergibt- Rikola 1921 „bloß“ 50-60 Neuerscheinungen herausbrachte? Die Antwort ist einfach: gleichzeitig mit der Gründung der Rikola Verlag A.G. setzte Richard Kola seine Passion des Alles-Auf-und Ankaufens fort. Bei der Gründung erwarb er zwei Verlagsfirmen bzw. trat mit ihnen in eine Geschäftsverbindung ein. Das waren die ILF VERLAG Ges.m.b.H. und der „Verlag Neuer Graphik“, der Kolas „Kunstverlag“ wurde. Sehen wir uns nun diese Verlage näher an.

Ilf Verlag für Dichtung, Kunst und Wissenschaft

Verl. für Dichtung, Kunst, WissenschaftDer Erwerb dieses Verlags durch Richard Kola war gewissermaßen ein Stück „Familienzusammenführung“. Die Ilf-Verlag für Dichtung, Kunst und Wissenschaft Ges.m.b.H., wie er im vollen Wortlaut hieß, war einer der vielen kurzlebigen Neugründungen der jungen Republik. Gegenstand des Unternehmens war die „Gründung eines Verlages für Dichtung, Kunst und Wissenschaft, eines Theaterverlages und Vertriebes dramatischer Bühnenwerke“. Das beherrschende Verlagssignet, das mit einiger Wahrscheinlichkeit von Prof. Bernd Steiner (10.4.1884, Mistelbach, N.Ö.-10.12.1933, Wien) entworfen wurde, zeigt das Bildnis eines Elefanten über den Worten „Ilf-Verlag“.

Das Verlagsunternehmen wurde mit einem Gesellschaftsvertrag vom 3. November 1919 im Verein mit der Gesellschaft für graphische Industrie A.G. in Wien ins Leben gerufen. Präsident war also indirekt wiederum Richard Kola. Die Leitung war in Wien VIII., Josefstädterstraße 9. Die offizielle Bekanntmachung der Gründung für die p.t. Kunden erschien am 19. November 1919 in der Österr.-ungar. Buchhändler-Correspondenz. Am 12. Dezember 1919 erfolgte die Eintragung der protokollierten Firma im Handelsregister Wien unter Reg. C, Band 35, pag. 65.

Das Stammkapital des Verlags betrug 190.000 Kronen. Felix Kostia-Costa, Dr. Ernst Rosenbaum (*6.11.1888, Wien) und Maximilian Lebmann gehörten je 26% der Anteile. Der Gesellschaft für graphische Industrie, die die Auslieferung und Administration besorgte, gehörten 20.000 Kronen (ca. 9,5%). Eine gleich hohe Einlage hatte ein Herr Eugen Reich, Fabrikant in Wien. Zu Geschäftsführern wurden bestellt Kostia-Costa, Rosenbaum und Emmerich Hofmannsthal (* 1884), Sekretär der Gesellschaft für graphische Industrie. Die „Gesellschaft“ ließ sich außerdem durch Generaldirektor Sigmund Rosenbaum und den Oberbuchhalter August Schreiber vertreten. Nach einer a.o. Generalversammlung am 3. März 1920 wurde der ausscheidende Geschäftsführer Hofmannsthal durch Sigmund Rosenbaum ersetzt. Durch das besondere Nahverhältnis zur Gesellschaft für graphische Industrie scheint der llf-Verlag ein „Versuchsballon“ für einen belletristischen Verlag gewesen zu sein.

In einem Schreiben vom 26. Januar 1921 gaben die Geschäftsführer des Ilf-Verlag dem Wiener Handelsgericht bekannt, „daß am 18. Januar d.J. sämtliche Geschäftsanteile der Ilf-Verlag Gesellschaft m.b.H. in die Hand der Ri-Kola Verlag A.G. übergegangen sind, sodaß nur mehr diese als einziger Gesellschafter im Anteilbuche erscheint“. [13]13 Am 18. Jänner 1921 wurden nämlich in den Geschäftsräumen der Firma Kola & Co., Wien IX., Frankgasse 1 eine a.o. Generalversammlung der Gesellschafter des Ilf-Verlags abgehalten, bei der Abtretungsverträge unterschrieben wurden. Alle Mitarbeiter des Ilf-Verlags wurden in die Dienste der Rikola A.G. übernommen. Kurz darauf wurde der mitübernommene Geschäftsführer Dr. Ernst Roenau von der Leitung des Rikola Verlags veranlaßt, aus dem Unternehmen auszuscheiden.

Obwohl der Ilf-Verlag also gänzlich in der Rikola A.G. aufging, existierte er noch eine Weile zumindest auf dem Papier. Erst anläßlich einer a.o. Gesellschafterversammlung am 23. Juli 1928 kam es zum Beschluß, die Firma aufzulösen und zu liquidieren. Zum Liquidator wurde Dr. Gottfried Linsmayer bestellt, ein Mann, der bis und nach 1938 in dieser Funktion im österreichischen Verlagswesen noch viel zu tun hatte. Die allerletzte Generalversammlung des Ilf-Verlags in Liquidation fand am 1. März 1929 statt, also beinahe 10 Jahre nach der Gründung in den Räumen der Zentralgesellschaft für buchgewerbliche und graphische Betriebe A.G., die gegen Mitte der 20er Jahre zu einer Art Fangnetz für in Schwierigkeiten geratene Verlage diente. Am 19. April 1929 wurde schließlich der Ilf-Verlag aus dem Handelsregister gelöscht.

Die Produktion

Die Produktion des bloß ein Jahr lang existierenden Verlags ist erwartungsgemäß relativ bescheiden gewesen. Es konnten insgesamt 14 Werke und 3 Ankündigungen nachgewiesen werden. Im Impressum stand in der üblichen großspurigen Manier „Leipzig-Wien-Zürich“, obwohl außerhalb Wiens bestenfalls Auslieferungsstellen bestanden. Gedruckt wurden sie alle natürlich bei der Gesellschaft für graphische Industrie, wobei insbesondere die künstlerische Ausstattung, für die in erster Linie Bernd Steiner zuständig war, hervorzuheben ist. Gediegene Buchillustration, schöngewählte Vorsatzpapiere und ansprechende Einbände zeichnen die Ilf-Verlags-Produktion aus. Neben Steiner war auch der „Wiener Werkstätte“-Mitarbeiter und Maler Karl Schwetz (4.7.1888, Wien-21.3.1965, ebda.) an Einband und Lithographie beteiligt. Erich Schmal-Walter (28.11.1886, Wien-31.12.1964, ebda.) entwarf Buchausstattung und Umschlag und führte Original-Steinzeichnungen aus.

Ilfverlag_HoellriegelZu den Verlagsautoren zählten Oswald Brüll, Egmont Colerus (2 Romanveröffentlichungen, 2 weitere Werke angekündigt), Oskar Maurus Fontana, Alfred Grünewald (ein 2. Werk angekündigt), Eugen Hoeflich, Arnold Höllriegel, Max Kalbeck, Michael Klapp, Ernst Kratzmann, Richard Peter, Roda Roda, Oskar Rosenfeld und Kory Towska (d.i. Kory Elisabeth Rosenbaum).

Von manchen Titeln wurden auch Vorzugsexemplare auf Papier nach Japanart usw. abgezogen (Eugen Hoeflich, Der rote Mond. Gedichte. 1919).

Die Auflagen schwankten zwischen 1.250 und 2.000 Exemplaren für Lyrikbände, wie z.B. für das letzte nachgewiesene, 1920 erschienene Werk Karfunkel. Neue Balladen und Schwänke von Alfred Grünewald, und 5.000 – wie etwa für die beiden Romane von Egmont Colerus. Die Bücher des Ilf-Verlags wurden so ziemlich ohne Ausnahme vom Rikola Verlag erworben und weiter verkauft und vertrieben.

Das erste Rikola-Verlagsangebot im ersten Geschäftsjahr konnte durch den Erwerb eines zweiten Verlags erweitert werden, nämlich durch die Angliederung des „Verlags Neuer Graphik“.

Verlag Neuer Graphik

Verlag Neuer GrafikObwohl die Firma als Verlag eine junge Neugründung darstellte, geht ihre Geschichte auf das Frühjahr 1908 zurück, als die Inhaberin und Geschäftsführerin Frl. Thekla Würthle beim Handelsgericht Salzburg die Firma „Würthle & Sohn Nachf.“ mit Hauptniederlassung in Salzburg, Zweigniederlassung in Wien (Mariahilferstraße 88a) eintragen ließ. Gleichzeitig wurde die Firma in Wien unter Reg. C 16, 229 eingetragen. 1914 taucht der bereits erwähnte Inhaber des Verlags „Der Merker“, Dr. Gottfried Kunwald, als Kollektivprokurist auf. Gegenstand des Unternehmens zu diesem Zeitpunkt war: „Die Ergänzung, der Vertrieb und Verlag von Objekten des Kunsthandels und Werken der Fotographie, des Lichtdruckes und allen künstlerischen und mechanischen Reproduktionsarten.“

Ende 1915 wurde die Hauptniederlassung in Salzburg aufgelassen, und die Gesellschaft „Würthle & Sohn Nachf.“ Ges.m.b.H. mit Handelsgeschäft in der Weihburggasse 31 mit Vertrag vom 29. Jänner 1916 an den k.k. Oberleutnant d.R. und akademischen Maler Rudolf (Ulf) Seidl verkauft. Am 23. Februar 1917 wurde die Firma „Würthle & Sohn Nachf.“ unter Reg. A 34, 88 ins Wiener Handelsregister eingetragen. Betriebsgegenstand war nun: der Kunsthandel. Am 6. Juni 1919 wurde Frl. Lea Bondi als Prokuristin eingetragen.

Am 10. Juni 1920 richtete der Inhaber Ulf Seidl (28.5.1881, Sbg.-3.3.1960, ebda.) ein Schreiben an das Wiener Handelsgericht mit dem Antrag auf einen neuen Wortlaut und den Zusatz „Verlag Neuer Graphik“ sowie auf Erteilung der Einzelprokura an den 26jährigen Otto Nirenstein. [14] Zur Entstehung dieses Verlags folgendes aus dem Antrag Seidls:

Da ich seit einiger Zeit moderne graphische Kunstsachen verlege, welcher Geschäftszweig zwar einen Teil des von mir als Betriebsgegenstand angemeldeten Kunsthandels bildet, trotzdem aber infolge seines Umfanges einer besonderen Hervorhebung bedürftig erscheint, melde ich zum Wortlaut meiner Firma den Zusatz „Verlag Neuer Graphik“ an. Nach bewilligter Eintragung dieses Zusatzes würde daher meine Firma lauten:

Würthle & Sohn Nachfolger, Verlag Neuer Graphik. (…)[15]

Am 22. Juni 1920 wurde Nirenstein, am 31. August 1920 der geänderte Firmawortlaut ins Handelsregister eingetragen.

Würthle & SohnDie Verbindung zwischen dem Rikola Verlag, der den „Verlag Neuer Graphik“ als seinen „Kunstverlag“ ausgab, und der Firma Würthle & Sohn Nachf., die bereits im April 1920 in der Buchhändler-Correspondenz Werke aus dem Verlag Neuer Graphik (als ,Abteilung“) anzeigte[16], scheint eine lockere und keine formaljuristische gewesen zu sein. [17] Die Verbindung bestand in der Person des Otto Nirenstein, der bis 1922 – so lange dauerte die Zusammenarbeit – Leiter der Kunstabteilung von Rikola und gleichzeitig Prokurist von Würthle & Sohn Nachf. war. Mehr als zwei Jahre dauerte also die Zusammenarbeit nicht. [18] Im Mai 1922 wurde der Verlag Neuer Graphik auch aus der Firma Würthle & Sohn Nachf. ausgegliedert. [19] Rikola ließ den Kunstverlag als schlechtes Geschäft liegen, und Nirenstein machte sich bald selbständig. Dieses Auseinandergehen dürfte mit verlagsinternen Streitigkeiten zusammenhängen, nachdem der Rikola Verlag, der mit großzügigen Plänen und allem Eifer ins Leben trat, bald erlahmte. Die künstlerischen Berater, die der Verlag anfangs an sich gezogen hatte, wurden erst kaltgestellt und dann abgebaut. So wahrscheinlich auch Nirenstein.

Aber das baldige Ende darf das durchaus anspruchsvolle Programm nicht vergessen lassen. Die allererste Eigenveröffentlichung der Rikola Verlag A.G. Kunstverlag/Verlag Neuer Graphik, deren Büro und Geschäftslokale bei Würthle & Sohn Nachf. in Wien I., Weihburggasse 9 untergebracht waren, stellte sich als riesige Niete heraus. Es handelte sich um die ab Herbst 1921 erscheinenden Handzeichnungen und Aquarelle aus der Österreichischen Staatsgalerie, herausgegeben von Franz Haberditzl und Bruno Grimschitz. Die Publikation sollte in einer einmaligen Auflage von 350 Ex. in Lieferungen erscheinen. Die Wiedergabe der Blätter erfolgte in Faksimile-Farbenlichtdruck durch die Kunstanstalt Max Jaffé in Wien. Doch: „Das kolossale Reproduktionswerk der österreichischen Staatsgalerie erfuhr infolge seiner unmöglichen Aufmachung allgemeine Ablehnung und mußte des Weiteren bei dem horrenden Herstellungspreise von 300 Millionen als schwere Passivpost gebucht werden.“ [20] Dieser Durchfaller hätte Signalwirkung haben sollen, aber das war nicht der Fall. Er war symptomatisch für die notwendige Erkenntnis, daß man nicht bloß mit unerschöpflichen Geldressourcen und an der Börse einen Verlag machen konnte. Der nach außen hin entwickelte Nimbus entsprach keineswegs dem Leben des Verlags im Inneren. Aber wir eilen den Ereignissen voraus. Fest steht jedenfalls, daß es dem Verlag eben an einer leitenden Verlegerpersönlichkeit fehlte.

Zu den ehrgeizigen Produktionsplänen des Verlags Neuer Graphik der Rikola Verlag A.G. gehörte eine Publikationsreihe, die in gedrängter Form einen Überblick über Leben und Schaffen der österreichischen Künstler und eine aufschlußreiche Auswahl ihrer Werke in Reproduktionen geben sollte. Den farbigen Umschlag für diese Serie von Monographien entwarf der junge Wiener Maler Julius Zimpel. Hergestellt wurden drei Ausgaben mit jeweils verschieden teurer Papiersorte und Handzeichnungen Zimpels zu Preisen zwischen M 8.50 und M 500 (Subskriptionspreis!). Eröffnet wurde diese Serie durch Max Eislers Monographie über Anton Hanak. Von den geplanten Bänden sind bloß einige wenige erschienen. [21]

Für ein noch elitäreres Kaufpublikum trat der Verlag Neuer Graphik mit einer weiteren Reihe auf den Markt. „Vom Bestreben geleitet, wertvolle und interessante Schöpfungen der deutschen und fremdländischen Literatur in mustergültigen bibliophilen Ausgaben herauszubringen“, [22] ließ der Verlag Neuer Graphik die ersten Bände der Zimpelbücher erscheinen. Zum Subskriptionspreis von 800 Mark bzw. 300 Mark mit einer beschränkten Auflage von 25 Exemplaren wurden die Zimpelbücher, die in der Sezessionsdruckerei von Arthur Berger hergestellt wurden, als „erlesene Kunstwerke“ angepriesen. [23]

Musarion Verlag

Der dritte Erwerb des Rikola Verlags erfolgte im März 1921. Der Musarion-Verlag in München wurde in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, an der Rikola ursprünglich 97% des Aktienkapitals von 1 Million Mark besaß. Nach einer Kapitalserhöhung im Jahre 1922 auf 4 1/2 Millionen Mark (1923: auf 20 Millionen Mark!) behielt Rikola nur 52 1/2%. Den Rest erwarb eine Schweizer Gruppe. Mit dem Erwerb von Musarion verfolgte Richard Kola auch einen weiteren Zweck, wie er in seinen Erinnerungen schildert:

Vor kurzem hat der Verlag die Mehrheit der Aktien des angesehenen Münchner Musarionverlages erworben und durch die Errichtung einer Generalvertretung für das reichs-deutsche Gebiet mit dem Sitz in München festen Fuß in Deutschland gefaßt. Ich wurde Präsident des Musarionverlages und kam dadurch auch in Deutschland in Berührung mit den hervorragendsten Schriftstellern. (Rückblick, S. 296)

Damit war auch sein Bedürfnis nach Verlagsübernahmen gestillt.

Produktion und Produktionsverhältnisse

Richard Kola war im Jahre 1920 angetreten, um eine Tat von hoher Bedeutung zu setzen, und ließ sich auch dementsprechend feiern. Er hatte anläßlich der konstituierenden Generalversammlung am 2. Dezember hervorgehoben, „daß es sich bei der nunmehr vollzogenen Gründung in erster Linie darum gehandelt habe, dem geistigen Leben Österreichs neue Impulse zu verleihen und die Herstellung und den Vertrieb von im Inlande erzeugten Büchern und anderen Verlagswerken nicht nur der Intelligenz, sondern auch dem heimischen Gewerbe in weitem Umfange Gelegenheit zur Betätigung zu geben. Da der Verlag beabsichtigt, alle Gebiete der Literatur, Wissenschaft und Kunst in seine Aktion einzubeziehen, werden verschiedene Abteilungen errichtet, die ressortmäßig die Zwecke des neuen Verlages zu fördern bestimmt sein werden. (…) Eine Gewähr für die Prosperität des Verlages biete seine nahe Beziehung zu befreundeten Konzernen der Papier- und Druckindustrien. Es ist beabsichtigt, Volksbibliotheken und ähnlichen Institutionen weitestgehende Berücksichtigung zuteil werden zu lassen.“ [24]

Es kam alles anders, wie das Beispiel „Kunstverlag“ auch zeigt. Denn es war wohl nur den reichlich vorhandenen Geldmitteln zu verdanken, daß der Rikola Verlag – so groß angelegt, wie er war – überhaupt das erste Geschäftsjahr überlebte. Die Produktionsverhältnisse für alle Verlage in Österreich zu dieser Zeit waren denkbar ungünstig, und dieser Zustand wirkte sich wohl negativer auf den Großverlag als auf den kleinen Verlag aus.

Bis zur ersten Generalversammlung der Rikola Verlag A.G. im Oktober 1921 waren die Kosten des Papiers um 1340%, für Satz und Druck um 2320%, für Buchbinderarbeiten um 6896% gestiegen. Bei den Gehältern war im Jahre 1921 nur eine Steigerung um 300% zu verzeichnen. [25] Der Personalstand an „Beamten und Dienern“, der bei der Gründung 20 betrug, blähte sich bis Ende 1921 auf 97 auf. (Bis Juni 1923 verminderte sich dieser Stand auf 60 und seit 1. Jänner 1926 arbeiteten nach der Sanierung nur mehr 6 Angestellte im Verlag.) Bald absorbierten die Personallasten nicht bloß den ganzen Gewinn des Rikola Verlags, sondern darüber hinaus auch die Reserven und standen in einem eklatanten Mißverhältnis zum Umsatz des Unternehmens. In den Worten eines etwas boshaften zeitgenössischen Kommentators:

Ein eigenes dreistöckiges Bureauhaus und ein Heer von Beamten mußten für den notwendigen Nimbus sorgen. Es gab Beamte, die ein Jahr lang Gehälter bezogen, ohne in ihrem Schlaraffenleben durch irgendeine Tätigkeit gestört zu werden. [26]

Wie sah aber die Produktion der ersten Jahre im Spiegel der großen Richard Kola-Worte aus?

Wie erwähnt betrug die Produktion im ersten Jahr nach Angabe des Verlags 106 Titel, wobei anzumerken ist, daß diese Zahl die von anderen Verlagen übernommenen Verlagsrechte miteinschloß. Demgegenüber ist festzuhalten, daß eine Verlagsanzeige Mitte Jänner 1922 insgesamt 53 Titel, darunter die gesamte frühere Produktion des Ilf-Verlags, anführt. Im Jahre 1922 erfolgte eine kräftige Produktionssteigerung, und zwar auf 120 Werke, [27] und danach ging es nur mehr bergab. Aus Gründen, die wir gleich erläutern werden, fiel die Produktionszahl auf ca. 52 Werke im Jahre 1923, weiter zurück auf ca. 36 im Jahre 1924 und schließlich auf 11 Titel im Jahre 1925. [28]

Man ist vielleicht den 1920 gesteckten Zielen in einem Bereich am nächsten gekommen, und zwar im Bereich moderner (österreichischer) Literatur. 1921 zählten zu den Rikola-Verlagsautoren vorwiegend jüngere Österreicher: [29] Béla Balázs, Rud. Hans Bartsch, Felix Braun, Egmont Colerus, Paul Busson, Leo Fischmann, Egon Friedell, Adolf Gelber, Wladimir Hartlieb, Arnold Höllriegel, Robert Hohlbaum, Emil Lucka, Julius Ludassy, Gustav Meyrink, Leo Perutz, Erwin Rieger, Thaddäus Rittner, Roda Roda, Ernst Scholl, Otto Soyka, Paul Wertheimer u.a. Hierunter befindet sich eine Reihe von Autoren, die früher oder auch in späteren Jahren dem den österreichischen belletristischen Markt geradezu dominierenden Staackmann-Verlag verpflichtet waren. Im zweiten Jahr kamen hinzu: Franz Karl Ginzkey, Alma Johanna Koenig, Ernst Kratzmann, (Thomas Mann), Hugo Salus, Hugo Winter u.a. 1923 veröffentlichte Rikola Belletristik von Hans Jüllig, Philipp Langmann, Oskar Laske, Franz Spunda, Karl Hans Strobl, Georg Terramare und Edmund Wengraf. 1924 erschienen Erzählungen des Wahlösterreichers Jakob Wassermann.

Der Rikola Verlag produzierte auch eine Reihe von Bücherserien, die allerdings – nach dem Umfang zu schließen – nicht angekommen sein dürften. So engagierte man Gustav Meyrink 1921 als Herausgeber der Romane und Bücher der Magie. Aber erschienen sind zwischen 1921 und 1924 bloß 5 Werke (1921:1, 1922:2; 1923:1; 1924:1). Genausowenig Erfolg hatte die Serie Romantik der Weltliteratur, für die Franz Karl Ginzkey als Herausgeber zeichnete. Mit Werken von Bettina v. Arnim, René de Chateaubriand, Prosper Merimée, E.T.A. Hoffmann u.a. erschienen zwischen 1921 und 1925 insgesamt nur 7 Bände (1921:3;1922:2;1923: 1;1924:1;1925: 1). Andere, reichsdeutsche Verlage zu dieser Zeit, die ähnliche Reihen herausgaben, brachten es hingegen auf bis zu 100 Titel! Der 1923 verstorbene Adam Müller-Guttenbrunn war Herausgeber einer weiteren Reihe, Die gute alte Zeit, in der 1922 bis 1924 vier Bände erschienen. Auch diese zählten zu den nicht wenigen Rikola-Ladenhütern.

Anzeige für den Frauenzimmer-Almanach

Anzeige für den Frauenzimmer-Almanach

Wie fast jeder andere belletristische Verlag gab auch Rikola einen Verlagsalmanach heraus. Er hieß: Frauenzimmer-Almanach und erschien insgesamt dreimal: auf das Jahr 1922, 1923 und 1924. Herausgeber war der wissenschaftliche Direktor und Schriftsteller Leo Friedländer. Die Zeichnungen bzw. den Buchschmuck für die Jahre 1923 und 1924 lieferte Prof. Victor Schufinsky (28.7.1876-7.10.1947). Jahrgang 1922 enthielt 19 Beiträge von verlagsnahen Autoren, wie u.a.: Hermann Hesse, F.K. Ginzkey, Thaddäus Rittner, Max Mell, Felix Braun, K.H. Strobl, Paul Busson und Emil Lucka. Etwas umfangreicher war der Frauenzimmer-Almanach auf das Jahr 1923 mit 24 Beiträgern und 12 Bildern nach Originalkupferstichen von Daniel Chodowiecki (1726-1801). Zu den Mitarbeitern zählten u.a. F.K. Ginzkey, Klabund, Heinrich Mann, Arthur Schnitzler, K.H. Strobl, Arnold Zweig, Stefan Zweig, Hermann Hesse, Hugo von Hofmannsthal, Felix Braun, Max Mell, Paul Busson, Albert Trentini, Alma Johanna Koenig. Der dritte und letzte Jahrgang des hübsch ausgestatteten, von der Gesellschaft für graphische Industrie hergestellten, kleinformatigen (ca. 9 x 13 cm.) Rikola-Almanachs vereinte Beiträge von Paul Busson, Stefan Zweig, K.H. Strobl, Ernst Zahn, F.K. Ginzkey, Klara Viebig, Hermann Hesse, Richard Wengraf, Klabund, Friedrich Hebbel, Anton Wildgans, Ludwig Finckh, Alma Johanna Koenig und Felix Braun.

Nach 1918 wollten mehrere neugegründete österreichische Verlage das Erfolgsrezept des Reclam-Verlags ausprobieren und „billige“ Bücher für den österreichischen belletristischen Markt herstellen. So auch Rikola. Wie erinnerlich, sprach Richard Kola von billigen Neuausgaben der Klassiker in Massenauflagen. Nur: es geschah mehrere Jahre lang nichts. „Die geplante Ausgabe der Klassiker, die unter Mitwirkung berühmter Namen zustande kommen sollte, wurde wieder fallen gelassen und der wertvolle, mit hohen Kosten hergestellte Satz zerstört.“ [30] Dafür begann man bereits 1921 den neuen Verlagszweig Jugendschriften/Kinderbücher anzukündigen. Es kam zur Gründung mehrerer solcher Reihen- und Serienwerke, für die zumeist Walter Kauders verantwortlich war.

Jugendschriften

Begonnen hat diese Sparte mit dem Blauen Kinderkalender. Ein Jahrbuch für die Jugend, herausgegeben von Walter Kauders. Es erschienen allerdings nur drei Jahrgänge (1922, 1923, 1924). Für den Jahrgang 1923 lieferte z.B. Axl v. Leskoschek (3.9.1889, Graz-12.2.1976, Wien) die Zeichnungen. Im Jahre 1921 gab Kauders die Reihe I der 12 Bändchen umfassenden Serie Die 1000 bunten Büchlein heraus. Max Mell wurde vom Rikola Verlag für die Herausgabe einer weiteren Serie – Das Wunderbrünndl – gewonnen. Zwischen 1922 und 1924 erschienen insgesamt 9 Bändchen (z.B. Das Buch von Doktor Johann Faust und Franz Stelzhamers Der Waldwurm). 1923 wurde die Reihe Das Füllhornbüchlein, herausgegeben von der Kinderautorin Frida Schanz, ins Leben gerufen. Nach dem Erscheinen von 6 Bändchen wurde die Reihe wieder eingestellt.

Ein ausländischer graphischer Konzern interessierte sich 1922/23 für die Jugendschriften des Rikola Verlags, doch führten diesbezügliche Fusionsverhandlungen zu keinem Abschluß. Allerdings wurde Ende 1923 berichtet, daß die Verhandlungen wegen Fusion mit einem ausländischen Verlag auf anderer Basis fortgeführt worden waren und daß diese „demnächst“ zur Gründung eines eigenen Verlagsunternehmens für die Jugendschriften mit ausländischer Beteiligung führen würden.

Alles in allem war der Kola-Ausflug in das Gebiet der Kinderbücher von Mißerfolg gekrönt. Zwei Gründe dürften dafür maßgeblich gewesen sein: die Konkurrenz und die angeblich nicht attraktive Aufmachung.

Exkurs: Sesam-Verlag

Der österreichische Sesam-VerlagMarkt für Kinder- und Jugendbücher war bereits heftig umkämpft: Zu den führenden Kinder- und Jugendbuchserien zählten ja noch Gerlachs Jugendbücherei und Konegens Kinderbücher. Im Spätherbst 1923 trat eine weitere Rikola-Konkurrenz auf den österreichischen Markt in der Gestalt des „Sesam-Verlags“, der die Herausgabe der besten Werke der Weltliteratur in Sesam Verlag Anzeigeguter Ausstattung zu billigsten Preisen plante. Somit war eine Jugend- und Volksausgabe, die sich die Bekämpfung der Schundliteratur zur obersten Aufgabe machte, geschaffen. Geschäftsführer waren u.a. zwei Direktoren der Universal-Edition A.G. Emil Hertzka und Hugo Winter. Es gelangten im Sesam-Verlag zur Ausgabe die Kleinen Sesam-Bücher, die von der bekannten Schriftstellerin und Geschäftsführerin Helene Scheu-Riesz herausgegeben wurden. Die Umschlagzeichnungen wurden unter Aufsicht von Professor Cizek von der staatlichen Kunstgewerbeschule Wien geschaffen. Hinzu kamen die Sesam-Liederbücher und die Sesam-Bilderbücher. Gleichzeitig übernahm der neue Sesam-Verlag die bisher von Konegens Jugendschriften Verlag Ges.m.b.H. herausgegebenen Konegens Kinderbücher, die bereits 115 Nummern umfaßten, um sie als Bunte Sesam-Bücher fortzuführen.

 

Der Mißerfolg für Rikola dürfte mit der Produktion selbst eng verknüpft gewesen sein. Ein zeitgenössischer Beobachter bemerkte dazu: „Die Kinderbücher des Rikola-Verlages erregten in Fachkreisen nur Kopfschütteln und Mitleid mit den unglücklichen Beratern des Verlages.“ [31]

Zu allem Überfluß wollte sich der Rikola Verlag als wissenschaftlicher und Kommissions-Verlag profilieren, obwohl ohnehin genug österreichische Verlage in dieser Sparte etabliert waren. Man traf z.B. ein Abkommen mit dem bekannten wissenschaftlichen Verlag Springer in Berlin, um noch medizinische Werke zu verlegen. (Beispiel: Lexikon der Ernährungskunde 1923-25) Oder man verlegte die Zeitschrift Das österreichische Rote Kreuz (1. Jg. 1924), gab die Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Wien (1921) und die Publikation Die Tätigkeit des Völkerbundes 1921 bis 1925 in Kommission heraus. Zu diesem Verlagskunterbunt kamen wissenschaftliche Werke wie Lehrbuch der Buchhaltung für höhere Handelsschulen (1922) und finanzrechtliche Publikationen wie Der Kollektivvertrag nach österreichischem und deutschem Rechte unter Berücksichtigung des Schweizer Obligationsrechts (1923).

Der Mangel an konsequenter Pflege, an klaren Programmrichtlinien, an langfristiger Planung machte sich bald bemerkbar. Auch die Herausgabe einer weiteren Serie, „einer besonders interessanten Novität (…), die einen Massenabsatz verspricht“: Aus dem Archiv des Grauen Hauses. Eine Sammlung interessanter Wiener Kriminalfälle, die Anfang Februar 1924 angekündigt wurde, zeugt von dieser verfehlten Verlagspolitik.

Es war nicht verwunderlich, daß sich der Niedergang des Rikola Verlags abzeichnete, als der neugegründete Paul Zsolnay Verlag auf den Markt trat und einige ehemalige Rikola-Autoren (Colerus, Perutz etc.) abwarb. Ob zufällig oder geplant, wurde Zsolnay vom Standpunkt der wirtschaftlichen Entwicklung in Österreich aus gesehen Ende November 1923, also zu einem idealen und günstigen Zeitpunkt, gegründet.

Illustration und Buchausstattung

Wohl durch den Umstand begünstigt, daß der Rikola Verlag in seiner Hausdruckerei – der Gesellschaft für graphische Industrie – eine Druckerei von gutem Ruf hatte, versuchte man mit einer entsprechenden Buchausstattung (künstlerisch gestaltete Einbände, Holzschnitte, Scherenschnitte, Textillustrationen usw.) durch freischaffende Künstler die Produktion abzusetzen.

Von den von Julius Zimpel illustrierten Werken in Rikolas Kunstverlag, dem Verlag Neuer Graphik, abgesehen, waren u.a. folgende Zeichner und Illustratoren zwischen 1921 und 1925 für Rikola tätig: Erwin v. Barka, Joseph Binder, Wolfgang Born, Amadeus Dier, Rudolf Geyer, Rudolf Großmann, Emil Hübl, Fritz Jäger, Ludwig Kozma, Oskar Laske, Axl v. Leskoschek, Eugen Mirsky, Jan Oeltjen, Karl Rössing, Josef Roller, Karl Schwetz, Victor Schufinsky, Erwin Tintner, Jury Wowk, Theo Zasche.

Es soll hier über die „Qualität“ der Buchillustration und Ausstattung der Rikola-Verlagswerke kein Urteil abgegeben werden. Daß aber das Aussehen der Bücher im allgemeinen zumindest umstritten war, zeigt das Urteil eines Zeitgenossen, der von „ihrer unschönen Ausstattung“ schrieb. [32]

Werbung

Der Buchschmuck war bloß eine Variante der Werbung. Der Rikola Verlag kaufte sehr viel Inseratenraum in der Buchhändler-Correspondenz bzw. im Anzeiger, griff aber auch zu eher ausgefallenen Werbemitteln. Da wurde z.B. im April 1924 eine „Rikola-Woche“ ausgerufen, um im Rahmen eines Schaufenster-Wettbewerbs ein halbes Dutzend Buchhandlungen in Wien mit Preisen von bis zu einer Million Kronen in bar zu prämieren. [33] Dieses Preisausschreiben unter Buchhändlern wurde aber von einem anderen Rikola-Werbegag weit übertroffen. Stichwort: „Rikola-Shimmy“. Ähnlich wie etwa die Zeitschrift Hugo Bettauers, Bettauers Wochenschrift, veranstaltete der Rikola Verlag 1924 mit Millionenaufwand eine „Rikola-Redoute“, um nebenbei für seine Bücher zu werben. Aus diesem Anlaß war der „Rikola Shimmy“ aus der Taufe gehoben (Worte von Ada, Musik von A.M. Werau, Opus 633):

Bei seiner Erstaufführung am 11. Februar 1924 auf der Rikola-Redoute, der er gewidmet war, hat sich dieser neueste Shimmy des durch seine vielen Schlager bekannten Komponisten ebenfalls als ein erstklassiger „Schlager“ erwiesen. Auf vielseitigen Wunsch gaben wir ihn daraufhin in Druck und bieten ihn hiermit dem verehrlichen Musikalienhandel an! (Anzeiger, Nr. 8, 22.2.1924, S. 97.)

So außergewöhnlich war die Redoute eines großen Verlags, daß er auch hier Kritik einstecken mußte:

Daß ein ernst zu nehmender Verlag zur Wiedergewinnung seiner erschütterten Reputation einen Eliteball unter Mitwirkung von Varietegrößen, Steptänzern und Rikola-Shimmis veranstaltet und auf diese Veranstaltung, der der seriöse Buchhandel mit Recht ferneblieb, noch an die hundert Millionen daraufzahlte, gehört ebenfalls zu den in der Geschichte des deutschen Verlagswesens einzig dastehenden Unbegreiflichkeiten dieses Verlages. [34]

Es scheint also einiges darauf hinzudeuten, daß der Rikola Verlag in seinen etwas unorthodoxen Methoden das, was man heute „Waschmittelwerbung“ nennt, betrieb. Nicht nur scheint sie parodiereif zu sein, sie dürfte es auch tatsächlich gewesen sein. Zum Fasching 1922 gaben die „bösen Buben“ Egon Friedell und Alfred Polgar die erste von insgesamt fünf Persiflagezeitungen (1922-26) heraus, namlich die Böse Buben-Presse vom 1. Februar 1922. Zumal die Werbung eines Verlags hier Gegenstand einer Satire ist, kann die „Wirklichkeit“ nicht weit entfernt gewesen sein. Diese Köstlichkeit wollen wir hier zitieren:

Rikola-Bücher

Signets

Im Laufe der etwa fünf Produktionsjahre gebrauchte der Rikola Verlag eine Reihe von ähnlichen Signets bzw. Markenzeichen. Am häufigsten verwendet wurde das Zeichen von Pfeil und Bogen mit den Buchstaben „RV“ – einmal in der Form eines afrikanischen Eingeborenen mit Pfeil und Bogen. Am anziehendsten war aber wohl das von Hermann Kosel (* 20.3.1896-12.12.1983) entworfene Werbeplakat: eine männliche und eine weibliche Gestalt, in ein Buch vertieft, darunter die Aufschrift „Rikola-Bücher“. Es kommt eher selten vor, daß man den Zeichner eines Signets bzw. eines Werbestreifens identifizieren kann; ebenso, daß ein Verlag das Signet markenrechtlich schützen ließ, wie es bei Rikola der Fall war. Ein Signet und das Kosel-Muster wurden am 7. Juni 1923 ins Markenregister eingetragen und sind im Österreichischen Zentral-Marken-Anzeiger auch abgebildet. [35]

Niedergang, Sanierung und Ende

Die Zukunft des Rikola Verlags sah bereits nach Erstellung der Bilanzen für die Jahre 1923 und 1924 sehr ungünstig aus.

Über den Geschäftsgang der Gesellschaft äußerten sich die ersten beiden Jahresberichte sehr befriedigt, und zwar trotz Steigerung aller Produktions- und Generalunkosten und Geldentwertung. Die Dividende für das zweite Geschäftsjahr wurde mit 50% festgesetzt. Doch wurde die Entwicklung des Verlags in Fachkreisen weitaus weniger positiv beurteilt als von den Herren in der Verwaltung. In einem Bericht, der sicherlich nicht von böser Absicht getragen ist, heißt es:

Der Verlag (…) erlahmte bald. Es wurden Bücher verlegt, deren literarischer Wert ebenso gering war wie der geschäftliche, wobei einerseits die persönlichen Beziehungen des Gründers sich ungünstig bemerkbar machten, andererseits auch mangelndes literarisches Verständnis der Leitung (…).[36]

Der Verlag wies die Behauptung von einem Erlahmen freilich entschieden zurück. [37] Doch blieb die Kursentwicklung der Aktien unbefriedigend, und neue Aktien im Rahmen der Kapitalerhöhung waren schwer anzubringen, u.a., weil das Gründerbankhaus auch keinen Kredit gewähren wollte. Es kam so weit, daß die Gesellschaft sich äußerst schwer bewegte. Nachdem die Marktlage sich wieder gebessert hatte und neue Aktien wieder placierbar waren, besserten sich die Verhältnisse im Verlag. „Auch wurde die Konjunktur für das österreichische Verlagsgeschäft um so günstiger, je schlechter es durch den Markverfall in Deutschland wurde.“ „Solange die Rikola-Bücher infolge der österreichischen Inflationspolitik im Preise tief unter der Weltparität standen, wurden sie (…), namentlich im Auslande, viel gekauft. Die Sachlage änderte sich, sobald die Preise anzogen und Deutschland in den Wettbewerb trat. In diesem Augenblicke war das Schicksal des Rikola-Verlages besiegelt.“ [38] Der Export nach Deutschland hörte fast gänzlich auf.

Im August 1925 hielt die Rikola A.G. ihre Generalversammlung ab, und bei diesem Anlaß hat ein Großteil des bisher im Besitz der Firma Kola & Co. befindlichen Majoritätspakets der Rikola Verlags-A.G. seinen Besitzer gewechselt. Die wichtigen Beschlüsse über die weitere Gestaltung der Gesellschaft hatten eine entscheidende Vorgeschichte. Die Verlustbilanz, die die Gesellschaft präsentierte, schloß mit einem Abgang von etwa 6.75 Milliarden Kronen, was für die informierten Kreise keineswegs eine Überraschung bedeutete. Die finanziellen Kalamitäten der Gesellschaft waren ein offenes Geheimnis. Als positiv zu werten war wenigstens die Tatsache, daß die beträchtlichen Reserven in der Höhe von etwa 10 Milliarden Kronen es ermöglichten, die Deckung des bilanzmäßigen Verlustes reibungslos durchzuführen. Die Rikola A.G. ging also an eine neue Gruppe über, und zwar an die „Zentralgesellschaft für buchgewerbliche und graphische Betriebe A.G.“ Diese war eine 1921 gegründete und von der der Großdeutschen Partei nahestehenden Österreichischen Industrie- und Handelsbank finanzierte Holdinggesellschaft, die im engsten Vertragsverhältnis zu einer ganzen Reihe führender Unternehmen buchgewerblicher und graphischer Natur stand. Im Mai 1924 war die Zentralbank der deutschen Sparkassen von der Regierung gezwungen worden, eine teilweise Fusion mit jener Pleitebank durchzuführen. Diese und zwei weitere Institute, die ebenfalls unter Zwang fusioniert wurden, trugen zum Zusammenbruch der Zentralbank dann am 30. Juni 1926 bei. Anläßlich der Übernahme durch die Zentralgesellschaft, die sich laut Revolverblatt Der Abend „es sich im großen und ganzen zur Aufgabe gemacht hat, das christlich-germanische Schönheitsideal in Wort und Bild zu pflegen“ [39], verblieb von den ursprünglich 25 Verwaltungsräten im Dezember 1920 – soweit sie nicht früher ausgeschieden waren – einzig und allein Richard Kola. Er aber mußte die Leitung des Geschäfts an Wilhelm Frick und Ernst Prinzhorn abgeben.

Vonnöten war eine umfassende Sanierung, denn eine der Hauptursachen des großen Bilanzverlustes lag in dem „schreienden Mißverhältnis zwischen dem Umsatz des Unternehmens und der Höhe der Spesen“. Das Personal wurde auf ein entsprechendes Minimum reduziert, und die Rikola A.G. wurde von allen produktionstechnischen und kommerziellen Sorgen befreit. Sie blieb also ein reiner Verlagsbetrieb, der für seine Gesamttätigkeit nur eine Handvoll Personal brauchte. Die Rikola A.G. wurde nämlich an zwei andere Verlagsbetriebe angeschlossen, die unter der Patronanz der Zentralbank der deutschen Sparkassen standen: an die Literaria A.G. (selber bereits ein dahinsiechendes Unternehmen) und die Hölder-Pichler-Tempsky A.G. So übernahm Hölder-Pichler-Tempsky die Papierbeschaffung, die Herstellung der Bücher, die Drucklegung jener Werke, die von der Rikola A.G. verlegt wurden, also die gesamte technische Seite. Das Kommerzielle der Tätigkeit, also vor allem den Verkauf, besorgte die Literaria A.G. [40]

Die ersten Erfolge der eingeleiteten Sanierungsaktion gestatteten nun die Annahme, daß die Bilanz für das nächste Jahr Schon mit einem Aktivum abschließen würde. Vorerst aber stürzten Rikola-Aktien auf der Börse, da offensichtlich ein gewisses Mißtrauen in Bezug auf die Reorganisationsarbeiten weiter bestand.

Während der Kurs der Rikola-Aktien Anfang 1926 durch Ankäufe eines Stützungskomitees wieder anstieg, zeichnete sich der Niedergang des Rikola Verlags durch den Verkauf des inzwischen überflüssig gewordenen großen Verlagshauses am Radetzkyplatz an reichsdeutsche Interessenten, nämlich die Deutsche Verkehrsgewerkschaft ab. Der Erlös soll etwa 2 Milliarden Kronen betragen haben. Der Verlag übersiedelte in das Gebäude des ehemaligen Handelsmuseums, Wien 9, Berggasse 16.

Im April 1926 tauchten in diversen Zeitungsmeldungen Gerüchte auf, wonach der Verlag beabsichtige, seinen Sitz überhaupt nach München zu verlegen. Das Gerücht wurde allenthalben heftig dementiert, und das, was vom Rikola Verlag übriggeblieben war, blieb in Wien.

Einen Todesstoß gab dem Rikola Verlag schließlich der Zusammenbruch der Zentralbank der deutschen Sparkassen Ende Juni 1926. [41] Eben durch die Pleite ihrer Hausbank war die Zentralgesellschaft genötigt, sich nach einer anderen Kreditverbindung umzusehen. Zuerst wurde mit dem Wiener Bank-Verein verhandelt, der jedoch zögerte, so daß das Geschäft schließlich mit der Credit-Anstalt gemacht wurde. Dieses Institut und eine Zürcher Bankfirma räumten der Zentralgesellschaft den benötigten Kredit ein. [42] Hinter den Kulissen wurde jedoch schon länger auf das endgültige Ende des Rikola Verlags hingearbeitet, und Ende Oktober/Anfang November 1926 war man schon so weit. Rikola hörte praktisch zu existieren auf, und gleichzeitig entstand die F.G. Speidel’sche Verlagsbuchhandlung, von der gleich anschließend die Rede sein wird, an derselben Adresse. Hinter dieser neuen Firma standen zwei ehemalige Rikola-Angestellte, beide Reichsdeutsche: Walther Scheuermann (5.10.1891, Leipzig-22.2.1975), zuletzt Prokurist bei Rikola und Felix Speidel (* 2.7.1875, Stuttgart), zuletzt Lektor im Rikola-Verlag und ein Neffe des berühmten Wiener Theaterreferenten und Schriftstellers Ludwig Speidel.

Vom rechtlichen Standpunkt waren die Dinge noch nicht so weit. Erst anläßlich einer Generalversammlung am 13. Juni 1929 wurde beschlossen, die Gesellschaft aufzulösen und in Liquidation zu treten. Als Liquidatoren fungierten Prof. Carl Kathrein und Dr. Gottfried Linsmayer. Am 30. Jänner 1931 wurde die Rikola-Verlags A.G. aus dem Handelsregister gelöscht.

Einen Nachruf eigener Art hatte aber die Zeitung Der Abend schon lange vorher veröffentlicht:

Interessant ist es, zu erfahren, daß der Ausflug in die Literatur Herrn Kola und alle jene, die an seine künstlerische Mission glaubten, die nette kleine Summe von 26 Milliarden Kronen gekostet hat. (Nr. 276, Mi., 2.12.1925, S. 3) [43]

Exkurs über den Gründer und seine „Presse“

Richard Kola und sein Verlag kamen in der „unabhängigen“ Wiener Presse schlecht weg, wobei Börsenkönig Kolas Leumund gewiß nicht unverdient war. Kritik wurde vor allem von der linken Presse geäußert, aber Positives fehlte nicht gänzlich. So erschien Mitte Juni 1921 im angesehenen Literarischen Echo der Aufsatz „Richard Kola. Ein Literaturbild aus Österreich“, in dem der Verfasser die Frage stellt: „in welchen Beziehungen steht Richard Kola zur Buchwelt, welches tiefere Interesse verbindet den Bankier und Finanzmann mit der Poesie und den Erzeugnissen der Literatur?“ [44] Schnürer kramt in seiner Bibliothek nach und entdeckt Kolas dichterisches Erstlingswerk, den Wiener Roman Die Gusti, der 1906 bei Paul Knepler erschienen war.

Bei Kola, von dem nach jener „Gusti“ kein weiteres Opus bekannt ist, scheint sich das Interesse an der Literatur in ein mit geschäftlichen Motiven verknüpftes Mäzenatentum, in das Bestreben gewandelt zu haben, das literarische Schaffen mit dem Werkzeug eines großen Verlagsunternehmens zu fördern. Von dieser Seite aus darf man also die Hoffnung hegen, daß der Rikola-Verlag den idealen Tendenzen, die jedem derartigen Unternehmen innewohnen solle, auch Rechnung tragen wird. (Sp. 1104)

Der „Kritiker“ schließt mit der Feststellung, man wisse nicht, ob man bedauern soll,

daß der Verfasser sich nicht ganz der Literatur gewidmet hat, oder daß er dem Bankfach treu geblieben ist und so die Möglichkeit schuf, einen großen Verlag ins Leben zu rufen, von dem man manche fruchtbare Ernte zu erwarten berechtigt ist. (Sp. 1105)

Wenn man der Frage nachgeht, wie der Verleger Kola in Wien bzw. Österreich angesehen wurde, darf man nicht vergessen, wieviele Tagesblätter ihm ergeben waren oder sein mußten. Genausowenig konnte man ja erwarten, daß kritische Äußerungen über Sigmund Bosel oder Camillo Castiglioni in bestimmten Zeitungen zu finden wären! Besonders kritisch Kola gegenüber waren Der Abend und die Zeitschrift Die Wage, deren Kommentare wir hier referieren wollen. Schon im Juli 1921 erscheint die erste Auseinandersetzung mit „Rikola“ als Antwort auf das vorhin erwähnte Porträt von Franz Schnürer. Hier geht es vor allem um die Verquickung zwischen Börsenjobbertum und Geist:

Um im Ernst zu sprechen: es ist uns ganz gleichgültig, ob ein aufgekommener Börsengalopin neben den Börseneffekten auch in romanhaften und dramatischen Effekten spekulieren will. Der Rikola-Verlag regt uns keineswegs so auf, wie das hungrige Literatenpack, das in diesem verwandten Milieu mit Literatur zu schieben hofft. Nur, wie Herr Schnürer (Schloß Horn) sagt: Auch diese Schöpfung des Herrn Richard Kola ist, wie jene andere, die „Gusti“ „ein Dokument und ein Kind seiner Zeit“. Und mehr noch als die Schöpfung die Aufnahme, die sie in gewissen Kreisen findet. Dieses platte Bodenkriechen und erwartungsvolle Halelujawinseln vor dem Gelde, dieses freiwillige Vorspannen des Geistes vor einem privaten Geschäftsunternehmen und noch mehr vor dem Kriegsgewinn, der sich mzenatenhaft bettigen will und dabei bis in die 50 Millionen gehende Aktiengewinne einstreicht, diese Vermischung von Börse und Literatur, Exoten und Heimatkunst, von Klassikerausgabe und Konnivenz gegen Börsenbekanntschaften, all das, was gönnerhaft oder aufgeregt, mit hngenden Lefzen und mit davontragender Faust um diesen neuen Verlag herumagiert, gehört zu den widerlichsten Nachkriegserscheinungen Wiens, genau so wie die vom Maisbrot erzeugte Darmfäulnis oder manche geistige Not. Gewiß, auch sonstwo werden Verlagsanstalten mit geschäftlichen Hoffnungen begründet und mit idealen Zielen garniert. Aber die Sache geht doch nicht so zu wie die Gründung einer Aktiengesellschaft zur Umwandlung von Holzspänen in Kognak. (Ganz abgesehen davon, daß wenigstens in korrekteren Zeiten auch eine solche Gesellschaft mit der Abgabe ihrer Aktien an den Markt gewartet hätte, bis wenigstens ihre Tätigkeit aufgenommen war.) Die Sache geht sonstwo nicht so anonym zu, sondern ein Mann und ein Wille stehen hinter ihr, sonstwo wartet man mit westlicher Gemessenheit, was der Verlag tut und beurteilt ihn dann. S. Fischer in Berlin und Albert Langen in München, die in der Geschichte der deutschen Kultur eine gewisse Rolle spielen werden, wurden nicht, weil sie etwa zahlreiche Lektoren angestellt hatten, als die Retter des deutschen Geistes proklamiert. Man hätte es z.B. sonstwo nie gewagt, eine vom Auslande gestiftete Institution, die für die Allgemeinheit und für öffentliche Institute bestimmt war, einem privaten Geschäfte gleichsam als Reklameanziehung und Aushängeschild zuzuschanzen. Wenn besonders Fernerstehende diese Darstellung für übertrieben und subjektiv halten (von denen zu schweigen, die ihren Anlaß in der Abweisung eines Manuskripts durch den Rikola-Verlag sehen), so mögen sie die Antwort aus dem Artikel des „Literarischen Echo“ erkennen. Hätte dieses angesehene Literaturblatt einen Aufsatz über den vor fünfzehn Jahren erschienenen Roman eines seitdem abseits von Literatur handelnden Autors gebracht, wenn dieser Autor nicht an der Börse, nicht etwa durch seltsame Abenteuer oder ein absonderliches Schicksal, zweihundert, fünfhundert, tausend Millionen oder zwei Milliarden – wir wollen den Literaturerfolgen des Herrn Richard Kola nicht schaden – errafft hätte? War es üblich, einen Verlag, noch ehe er ein Buch herausgebracht hat, anders als im Inseratenteil zu begrüßen? Hätte eine Wiener Zeitung, die sonst von Wasserern und Höckerweibern gelesen wird und sich ihrem Interessenkreise anpaßt (die, nebenbei erwähnt, der Elbemühl, dem Zeitungskonzern Kolas, gehört) diesen Artikel über die „Gusti“ und den Verlag abgedruckt? In Börsenkaffeehäusern wird erörtert, ob der Rikola-Verlag mit seiner Anzengruber-Ausgabe Erfolg haben wird. In Literaturkaffeehäusern gibt man das Gerücht weiter, daß Kola in polnischen Mark festgelegt ist. (Wir wollen die Literatur beruhigen: Es ist nicht wahr. Kola hat dementiert. Die letzten Engagements des Bankhauses Kola betreffen nicht polnische Mark, sondern Hugo von Hoffmannsthal [sic!] und Thomas Mann.) Die Aktien der Literatur steigen. Die Akademie der Wissenschaften will ihre Publikationen nicht bei Rikola veröffentlichen und die Stimmung an der Vormittagsbörse wird flau. Die Neuedition des Wandsbecker Boten von Mathias (sic!)

Claudius kann nicht erscheinen, weil Kola seinen ganzen Vorrat an holzfreiem Papier einem einflußreichen Aktionär der Holzbank zur Verfügung gestellt hat, dessen gottlob talentierte Tochter ihre Impressionen über den Kommunismus der Sexualität exhibieren will. Durch ein technisches Versehen der Administration ist die Besprechung der neuesten Bücher des „Rikolaverlages“ im „Economisten“ statt in der Literaturbeilage vom Sonntag erschienen. Die „Börse“ (Wien) hat sich den Vorabdruck der Einleitung zu den Sapphischen Gedichten gesichert. Die gesammelten Werke von Hermann Bang (bei Rikola erschienen) werden von dem etwas automatisch arbeitenden Redaktionssekretär im „Bilanzenspiegel“ angezeigt. Welcher Salat, ihr Götter, von Geld und Geist, von Buch und Börse, das ganze übergossen von der Niedrigkeit des Literatentums und von Zukunftshoffnungen der Valutenspekulanten. [45]

Im September dieses Jahres erscheint in der Wage eine längere Auseinandersetzung mit Geist und Geschäft anläßlich des Erscheinens des Verlagskatalogs Unser Bücherschrein[46] Kola wird nun als „Habebald“ apostrophiert.

Sehen Sie, Herr Übelwollender, das ist das Ärgerliche, daß sich Habebald so zu legitimieren sucht. Wenn sich früher ein gewisser Reichtum befestigte und ehrbar machen wollte, so war das eine Sache, die den Staatsanwalt und sonst nur Gesellschaftskreise anging, die wenig interessant waren. Haltefests Onkel kaufte sich den Baron, aber wer regte sich darüber auf außer neidischen Geschäftsfreunden und Aristokraten, die sich über solche Standesgenossenschaft ärgerten. Aber wenn jetzt so ein Kerl aufs Geistige aspiriert, wenn er Schriftstellern, Dichtern, Gelehrten, Thomas Mann und Historikern des Haus-, Hof- und Staatsarchivs seine Livree tragen heißt, so daß sie ihm nicht ins Gesicht sagen dürfen, was sie über sein Mäzenatentum und die Quellen seines Reichtums denken, wenn er sich vor seinen Kreisen durch Kreise legitimieren will, die ihm bisher stolz den Rücken kehren durften, so ist das was anderes, so schlägt das dem Geistigen ins Gesicht, so ist das eine Prostitution des Geistes. Daß sich Habebald z.B. Hermann Bahr kaufen kann, der Tags zuvor über die Lumpenhochfinanz schreibt und Tags darauf unter der Ägide Richard Kolas die Briefe von Josef Kainz herausgibt und Feuchtersleben einleitet, ist ein aufreizendes Argument, nicht einmal gegen Hermann Bahr, sondern gegen Richard Kola.

Die Leute von Rikola merken selbst nicht, daß ihre Unwahrheit bis zum Lächerlichen geht. Aber jedes Wort, das sie über Geistiges sprechen, muß ja lächerlich wirken. Es stehen im „Bücherschrein“ kluge, weisheitsvolle Sätze als Randleisten: Bücher machen nicht gut oder schlecht, aber besser oder schlechter machen sie doch! Oder: Verlangen Sie kostenlose Prospekte über Rikola-Bücher! Oder: Ein gutes Buch ist das schönste Geschenk. Oder: Lassen Sie den Bücherschrein auch Ihren Freunden (!) lesen, sie werden Ihnen dankbar sein ! Oder (Seite 18): Ein kluger Mann legt sein Geld in Büchern an! Was soll das an dieser Stelle? Ein Tadel an den Chef? Hätte er vielleicht besser getan, sein Geld nicht in polnischen Mark, sondern in den Erscheinungen des auch Rikola gehörigen Ilf-Verlages (Richard Peter, Der Generaldirektor, Eugen Höflich, Der rote Mond usw.) anzulegen? Sehen Sie, Herr Übelwollender, so wird man unwillkürlich im Hause Rikola von dem Geistigen zu den niedrigen Ereignissen des Tages abgelenkt.

Auch die für einen Verlag unorthodoxe Werbung kam im Dezember in der Wage unter Beschuß:

In allen Wiener Kinos kann man jetzt ein reizendes Bild vorüberflimmern sehen. Eine sehr kurzberockte Dame sitzt in einem Klubfauteuil, und dazu die Erklärung: „Jeder Kavalier schenkt seiner Dame den Frauenzimmeralmanach des Rikola-Verlages“. Es ist dies jedenfalls eine neue literarische Reklame, die gewiß den in den Augen der Rikola-Leute wichtigsten Vorzug hat, viel Geld zu kosten. [47]

Im Frühjahr 1922 wurde eine neue Kola-Beteiligung verspätet ruchbar, bei der Die Wage „ein unverschämtes Attentat auf das Wiener Theaterwesen“ witterte:

Ein großer Theatertrust sollte alle Wiener Theater auffressen und ihnen die Arbeit zuweisen. Die Volksoper sollte weiter den Musikbetrieb führen, Ronacher die komische Oper übernehmen, die Karczakbühnen [sic!] die Operette pflegen, im Raimundtheater wäre die hohe Literatur zu Gaste. [48]

Aber zu dieser Zeit waren die schon im April/Mai 1921 unter Beteiligung Richard Kolas ausgearbeiteten Pläne, die einer „Elefantenhochzeit“ zu Grunde lagen, zerschlagen. [49]

Besonders eindringlich setzte sich Die Wage mit der „Wiener Buchkritik“ auseinander. Da heißt es z.B. in einer Besprechung der Rikola-Serie Romantik der Weltliteratur:

Daß fast alle Wiener Zeitungen die schlechten Bücher des Rikola-Verlages entweder stillschweigend oder lobend aufgenommen haben, sei schließlich als charakteristisch für die Wiener Buchkritik notiert. [50]

Und einige Monate später:

Zu der merkwürdigen Tatsache, daß die Publikationen des Rikola-Verlags bei der Wiener Tagespresse ganz besonders warme Aufnahme und Anerkennung finden, paßt es sehr gut, daß wichtige und hervorragende Neuerscheinungen übersehen werden. [51]

Für Die Wage blieb Kola einer, der „die Literatur nicht so als Idealist betreibt, sondern mit ihr durch einen Verlag Geld gemacht, wenigstens Geld zu machen gesucht hat.“ [52] So schließt eine Kritik von Kolas Rückblick ins Gestrige folgendermaßen:

Wir wollten, es wäre wirklich nur ein Rückblick ins Gestrige. Aber es ist noch immer und noch lange einer ins Heutige. Noch lange werden die Schieberjünglinge gierig zum Buch des geistigen Führers des Wiener Verlagshandels greifen, um daraus das Rezept zu holen, wie man reich, enorm reich und ein Herr des Lebens wird: „Recipe, man nehme [53]

Die über drei Jahre dauernde Kritik der Wage an Kola und seinem Verlag schließt mit folgenden Worten: „Die geschäftliche Mache scheint also der literarischen ebenbürtig zu sein.“ [54]

Es erhebt sich zwangsläufig die Frage, was eigentlich aus dem Bankier und Möchtegern-Verleger Richard Kola wurde. Auf den Verlust des Verlags, der den Spottnamen „Ridikola“ angenommen hatte[55], folgte Anfang der 30er Jahre die Auflösung des einst so mächtigen Bankhauses Kola & Co. Dazu folgender Nachruf zu Lebzeiten:

Richard Kola. Das war ein Begriff, junge Literaten erschauerten, wenn sie den Namen aussprachen. Ein Druck auf einen Klingelknopf und der Kurs der Krone in Zürich schnellte einige Punkte höher, in der Staatsbank häuften sich die Devisenvorräte, die wichtigen Reserven für Kohle und Mehl. Bankgewaltige zittern in Budapest und London gleichermaßen, wenn ein Telegramm sein Nahen ankündigt, sein Erscheinen in einem Haus liefert Notizen für den volkswirtschaftlichen Teil der Blätter, ein aufgeschnapptes Wort aus einem Gespräch mit ihm entscheidet das Schicksal von Börsenpapieren, er ist der Bankier des polnischen Staates, aber auch der Bankier des Exkaiser Karls. [56]

Mitte der 30er Jahre – weiß derselbe Referent zu vermelden – saß Kola mehr oder weniger unerkannt in einem Vorstadtkaffeehaus, um an einem Autorenwettbewerb teilzunehmen, und befaßte sich nebenbei jetzt mit der Verwertung kleiner Patente. Richard Kola starb am 11. März 1939 in Wien.

Die Aufteilung

Nach Einstellung des Betriebs gingen, wie erwähnt, Verlagsteile an die Zentralgesellschaft für buchgewerbliche und graphische Betriebe A.G. Wien über. Die historischen Verlagsgruppen gingen an den Amalthea Verlag über, die medizinischen Verlagsgruppen an den Verlag J. Springer, Berlin/Wien und schließlich ein Teil der schönen Literatur und der kunsthistorischen Werke 1926 an die F.G. Speidel’sche Verlagsbuchhandlung.

F.G. Speidel“sche Verlagsbuchhandlung

Die F.G. Speidel’sche Verlagsbuchhandlung trat erstmals Anfang November 1926 öffentlich in Erscheinung, als sie mehrere Seiten Inseratenraums im Anzeiger kaufte, um folgendes mitzuteilen:

Ich beehre mich dem Gesamtbuchhandel bekanntzugeben, daß ich unter meinem Namen eine Verlagsbuchhandlung gegründet habe. Die Anzeige meiner Verlagswerke, womit ich zugleich die Richtung meiner Verlagsarbeit andeute, veröffentliche ich in der vorliegenden Nummer.

Ich bitte um freundliche Beachtung.

Die Auslieferung in Leipzig erfolgt durch Herrn F. Volckmar.

Wien IX., Berggasse 16, anfangs November 1926. [57]

Speidel'sche VerlagsbuchhandlungGleichzeitig wurde bekanntgegeben, daß Speidel insgesamt 26 Werke aus dem Rikola-Programm (Romane, Novellen, Briefe, Essays, Gedichte, Balladen, Volksbücher, kulturhistorische Werke und bildende Kunst) übernommen habe (ebda., S. 308) und schon sechs neue Verlagstitel ankündigen könne. Darunter befinden sich Anton Wildgans, Egmont Colerus, der zwischen Zsolnay und Speidel pendelte, Ernst Lothar und Martha Ostenso.

Erst im folgenden Februar ließ man die neue Firma protokollieren. Sie wurde somit am 18. Februar 1927 unter Reg. A, Band 70, pag. 61a ins Wiener Handelsregister eingetragen. Der Betriebsgegenstand umfaßte den Verlagsbuchhandel, beschränkt auf Werke schöngeistiger Literatur. Inhaber der Gründung war der ehemalige Rikola-Lektor Felix Speidel, „Buchhändler in Wien“. 1929 zog Speidel endgültig nach Berlin und wandelte seine Firma in eine offene Handelsgesellschaft um. Seit 27. Juni 1929 bestand die Firma in dieser Form und hatte nun drei Gesellschafter: Speidel selber, Hans Lederer, Industrieller in Wien, und Walther Scheuermann, Privatbeamter in Wien. Die nächste interne Veränderung in der Firmenzusammensetzung erfolgte erst gegen Ende 1935, als Lederer als Gesellschafter ausschied und durch Frau Else Speidel, geb. Häberle, als Gesellschafterin ersetzt wurde. Bis Oktober 1936 führten Scheuermann und Else Speidel den Verlag weiter. Dann kam es zu einem Besitzerwechsel. Scheuermann schied gänzlich aus der Firma aus und entschloß sich, zusammen mit Speidel-Autor Mirko Jelusich einen eigenen neuen Verlag zu gründen. Am 9. Oktober 1936 wurde Herr Eugen Swoboda, Buchhändler in Wien (17.2.1895, Wien-16.12.1962, ebda.) als Alleininhaber der F. Speidel’schen Verlagsbuchhandlung ins Handelsregister eingetragen. [58] Swoboda, der den Verlag mit dem „jüdischen“ Namen durch den Zweiten Weltkrieg hindurch führte, sah sich einmal bereits vor dem „Anschluß“ veranlaßt, geschäftsschädigende Gerüchte über seine Firma im Reich zum Verstummen zu bringen:

Da seit dem im Jahre 1936 erfolgten Inhaberwechsel hie und da Gerüchte auftauchen, die F. Speidel’sche Verlagsbuchhandlung sei keine arische Firma, erkläre ich hei dieser Gelegenheit eidesstattlich, daß ich Alleininhaber der F. Speidel’schen Verlagsbuchhandlung und Generationen zurück nachweisbar rein arischer Abstammung bin.

Mit kollegialem Gruß Eugen Swoboda

(…)

(Börsenblatt, 105. Jg., Nr. 14, 18.1.1938)

Mit Wirkung vom 1. Juli 1938 wurde Swobodas Ansuchen um Aufnahme in die RSK genehmigt. Auf die weiteren Auswirkungen des „Anschlusses“ auf seinen Verlag kommen wir noch zu sprechen.

Obwohl der Inhaber Eugen Swoboda nicht Mitglied der NSDAP geworden war, sondern „nur“ seit Juni 1938 den Status eines „Anwärters zur NSDAP“ [59] hatte, kam der Verlag 1945 unter öffentliche Verwaltung wie andere Firmen auch. Sie wurde aber bald aufgehoben, so als ob seit 1938 nichts geschehen wäre. Obwohl Swoboda als Inhaber der F. Speidel’schen Verlagsbuchhandlung erfolgreicher Verleger hochgradiger Nazis war, bekam er bald nach Kriegsende von der Zwangsgilde der Buch-, Kunst- und Musikalienhändler in Wien das Unbedenklichkeitssiegel, was ihm und seinen Komparsen ermöglichte, sich für bislang verpönt geglaubte Nazischriftstellerei stark zu machen. Die wiedererstandene Standesvertretung, die in ihren Entscheidungen im Rahmen der „Säuberung“ nach dem Dritten Reich sich vom Motiv der persönlichen Freundschaft oder Feindschaft leiten ließ, stattete Swoboda und den Verlag mit einem Persilschein aus.

Wir bestätigen, daß der Speidel-Verlag für Österreich große Bedeutung besitzt, umsomehr als bisher seine solide Tätigkeit und sein guter Ruf auch im Auslande sehr bekannt ist. Wir empfehlen daher, daß die Tätigkeit des obgenannten Verlages nicht verhindert wird. Wien, 18. Juli 1945.

Ähnliche Worte fand man für andere, gleichermaßen ehedem „kriegswichtige“ Verlage.

Nach dem Tod des Inhabers im Jahre 1962 ging der Verlag für ein Jahr an dessen Sohn Gustav (* 1898) über. Mit 1. Juli 1964 wurde der Verlag durch Geschäftsführer Rudolf Kremayr (* 25.12.1905) und Wilhelm Scheriau übernommen. 1965 wurde die Firma in „F. Speidel Verlag“ umbenannt und im August 1966 trat der C. Bertelsmann Verlag aus Deutschland (= Buchgemeinschaft Donauland) als Gesellschafter ein. [60]

Die Produktion

Der Umfang der Produktion dieses Verlags steht eigentlich in keiner Relation zum finanziellen Erfolg, also zum Umsatz, der erwirtschaftet wurde. Von Rikola hatte man mehrere Werke von Autoren wie Paul Busson, Egmont Colerus, Alma Johanna Koenig und Felix Braun übernommen und weitere Werke einiger dieser Autoren selbst verlegt. Aber als der bis dahin nur durch einen Roman im kleinen Leonhardt-Verlag vertretene Mirko Jelusich (d.i. Dr. Vojmir Jelusich) 1929 mit dem Roman Caesar zum Verlag stieß, gewann dieser sehr an Anziehungskraft für nationale Autoren. Caesar wurde ein Welterfolg und in mehr als ein Dutzend Fremdsprachen übersetzt. Der „historische“ Roman erlebte einen beispiellosen Boom. In diesen Romanen, in deren Mittelpunkt eine historische Persönlichkeit stand, fand man allenthalben die Bejahung des Führerprinzips. Man vertiefte die Erkenntnis der völkischen Vergangenheit. Ganz wesentlich waren die Erfolge durch die politische Welle, die den Glauben an das Heroische wieder emporgehoben hatte, bedingt. Ein wichtiger Vertreter dieser Richtung war eben Jelusich.

Dieser blieb – was Auflagenzahlen betrifft – der Traum eines jeden Verlegers in Österreich. Die Gesamtauflage von Caesar bis 1938 betrug 70.400. Aber diese selbst für einen mittelgroßen österreichischen Verlag ansehnliche Zahl stieg nach Kriegsausbruch weiter an, so daß 1940 das 78.-87. Tsd. gedruckt wurde. Bis 1961 waren bereits 183.000 Exemplare dieses Jelusich-Romans verkauft worden! Der 1933 bei Speidel erschienene Roman Cromwell mit seinen immerhin fast 500 Seiten konnte noch schneller abgesetzt werden. Im Erscheinungsjahr wurden schon 35.000 Ex. aufgelegt und 1937 stieg die Auflage auf 92.000. Die Gesamtauflage erreichte 168.000 im Jahre 1940, 180.000 im Jahre 1941 und 186.000 bis 1951. Der Roman Hannibal, der wie die anderen Bücher sowohl in Leinen als auch broschiert hergestellt wurde, wurde genauso gern gekauft. Die ersten 10.000 Exemplare waren vier Tage nach Erscheinen schon vergriffen. Etwa fünf Wochen nach Erscheinen am 29. Oktober1934 stand die Auflagenzahl bereits bei 32.000. Sogar in Blindenschrift legte man dieses Jelusich-Werk auf (Börsenblatt, 19.11.1934). 1940 waren 87.000, 1941 schon 99.000 Ex. verkauft.

Der 1931 veröffentlichte Roman Don Juan. Die sieben Todsünden hatte sich bis 1941 40.000 Mal verkauft, womit die Liste der bei der F. Speidel“schen Verlagsbuchhandlung erschienenen Werke Jelusichs noch keineswegs erschöpft ist. Bis 1936 blieb er dem Verlag treu, dann gründete er zusammen mit Walther Scheuermann einen eigenen Verlag, und auf diesen kommen wir später zurück. Von der Vermarktung des Schriftstellers Jelusich profitierten sowohl dieser als auch der Verlag. Es erschien z.B. im ideologisch verwandten Wiener „Verlag Dr. von Gerstel“ nach dem „Anschluß“ die Romanreihe Männer machen die Geschichte. Diese bestand aus gekürzten „Jugendausgaben“ von fünf Jelusich-Werken und von vier Werken der Autorin Gerhart Ellert (d.i. Gertrud Schmirger), die ja auch von Speidel betreut wurde. Die Originalausgaben waren selbstverständlich bei Speidel erschienen. Wie diese neun „historischen“ Romane vermarktet wurden, ist nicht uninteressant. Für diesen „idealen Klassenlesestoff“ wurde folgendermaßen geworben:

Die weltbekannten großen Romane unserer Ostmark-Dichter werden der deutschen Jugend zugänglich. Die großen Gestalter der Geschichte treten lebensvoll und in der Handlung auf. Der lang ersehnte Stoff zur Belebung jedes eindruckvollen Geschichtsunterrichtes ist vorhanden. Lehrer wie Schüler erleben geschichtlich denkwürdige Vorgänge und erkennen, daß zu allen Zeiten es immer die großen Männer waren, die die Geschicke der Völker bestimmt und ihr Schicksal gemeistert haben.

Und wenn das kein ordentliches Stück völkischer Ideologie ist …

< Es wäre vielleicht wichtig, hier darauf hinzuweisen, daß die F. Speidel’sche Verlagsbuchhandlung beispielsweise im Jahr 1934 nicht weniger als 81% ihres Gesamtumsatzes im Deutschen Reich tätigte. In Österreich selber setzte man nur 12%, im sonstigen Ausland 7% der Produktion ab. Dementsprechend fiel auch die Marketingstrategie aus. Überdurchschnittlich viel Geld wurde für Werbung im Börsenblatt ausgegeben, und nur sehr selten kaufte man Inseratenraum im Anzeiger.

Obwohl nur zweiterfolgreichste Speidel-Autorin, konnte Gerhart Ellert für österreichische Verlagsverhältnisse auch sehr hohe Auflagenzahlen vorweisen. Von ihr verlegte Speidel zwischen 1933 und 1938 sieben Bücher, darunter fünf historische Romane (z.B. Wallenstein, 1937; Karl V, 1935;Attila, 1934), eine historische Erzählung (Der König, 1936) und ein historisches Schauspiel in 6 Akten-Der Doge Foscari. Bis 1941 waren von Wallenstein 17.000, von Attila 31.000, vom Roman Der Zauberer 46.000 Ex. abgesetzt. In der Nachkriegszeit hielt ihre Popularität an; sie ist bis heute ungebrochen.

Von den Auflagenzahlen her lag die Romanschriftstellerin Martha Ostenso, von der sechs Werke erschienen, an dritter Stelle. Im Vergleich zu Jelusich und Ellert lagen die Auflagen bei Büchern von Felix Braun, Paul Busson, Max Mell, Friedrich Lorenz usw. zwischen 1.800 und ca. 5.000. Zu den weiteren Verlagsautoren zählten u.a. Joseph August Lux, Karl Schönherr (Gesammelte Werke, 1927 ff.), Werner Riemerschmid, Günther Schwab (Mensch ohne Volk), Robert Michel, Friedrich Perkonig, Ernst Wurm, Alma Johanna Koenig, K.H. Strobl und Hanns Julius Wille.

Es ist am Anfang davon die Rede gewesen, wie gewinnbringend dieses Verlagsunternehmen war. Laut eigenen Angaben betrug der Umsatz

1935: RM 390.000

1936: RM 325.000

1937: RM 295.000[61]

was ein Mehrfaches von dem war, was österreichische Verlage vergleichbarer Größe absetzten.

Der „Anschluß“ und die Folgen der RKK-Gesetzgebung in Österreich zwangen Eugen Swoboda, seine Verlagswerke in zwei zu teilen, nämlich in die, „die im In- und Ausland vertrieben werden“ (durften), also 48 Werke, und die, „die deshalb nicht vertrieben werden, weil es sich um unerwünschte oder um Werke Jüdischer Autoren handelt“ (Swoboda). Das waren neun Werke: alle fünf Bücher Felix Brauns, alle drei Werke Alma Johanna Koenigs und Goethe. Roman einer Dichterliebe von Joseph August Lux. [62]

Die Verlagswerke, die weiterhin während des 2. Weltkriegs produziert wurden, fielen nicht der Vergessenheit anheim, als der Krieg zu Ende war. Ganz im Gegenteil, sie wurden im Speidel-Verlag und/oder in der Buchgemeinschaft der Herren Kremayr[63] & Scheriau zu gutgehenden Verlagsartikeln.

Es ergeben sich aus einer Beschäftigung mit der F. Speidel’schen Verlagsbuchhandlung (und deren Nachfolger) und deren Verlagswerken einige lohnenswerte Aufgaben: eine Untersuchung der ungeheuren Popularität dieser Bücher und eine Analyse der Buchgemeinschaften nach Ende des Zweiten Weltkriegs als Sammelstelle „brauner“ Literatur.

Tieck-Verlag

Verfolgt man konsequent die Linie vom Rikola Verlag zur F.G. Speidel’schen Verlagsbuchhandlung, dann muß man zum Schluß noch dem „Tieck-Verlag“ des Vojmir Jelusich Aufmerksamkeit schenken.

Wenige Verlage konnten des Geschäftserfolgs so sicher sein wie der neugegründete TIECK-VERLAG. Parallel zum Ausscheiden Walther Scheuermanns nach 10 Jahren im Dienst der F. Speidel’schen Verlagsbuchhandlung begann der Erfolgsautor Mirko (Vojmir) Jelusich (12.12.1886-22.6.1969, Wien) im Oktober 1936 die Gründung des „Tieck-Verlags“ vorzubereiten.

Jelusich hatte bereits im Jahre 1917 eine Konzession zum Betrieb des Verlagsbuchhandels in Wien 2, Volkertplatz 1/17 verliehen bekommen, sie aber offensichtlich nicht die ganze Zeit in Anspruch genommen. Politisch hatte sich Jelusich bereits eindeutig exponiert: er war Chefredakteurstellvertreter der DÖTZ, also des „Hauptblattes der NSDAP-Hitlerbewegung“ gewesen, obwohl diese Tätigkeit Ende 1930 auf das Theaterreferat beschränkt worden war. Im Jahre 1931 wurde er zum 2. Vorsitzenden und schließlich zum Leiter der Ortsgruppe Wien des „Kampfbundes für deutsche Kultur“, jener politisch-literarischen Vorfeldorganisation zur Verbreitung nationalsozialistischer Ideologie in Österreich. [64]

Wohl in Verkennung der wahren Ideologie seiner Bücher und deren Einfluß auf die Masse im Sinne Hitlers hatte Jelusich ansonsten – literarisch gesehen – eine weiße Weste bei der österreichischen Staatspolizei. 1935 z.B. befand sie im Rahmen von Erhebungen, daß

Dr. Vojmir Jelusic (…) bisher in seinen Werken weder dem gegenwärtigen Regime in Deutschland irgendwelche Sympathien entgegengebracht, noch in irgendeiner Form eine österreichfeindliche Tendenz entwickelt

habe. [65] Bekanntlich wurde Jelusich am Tag des „Anschlusses“ zum Direktor des Burgtheaters ernannt. [66] Diese Entscheidung war nicht einfach von einem Tag auf den anderen getroffen worden. Ganz im Gegenteil: sie wurde von langer Hand vorbereitet. Es mag überraschend sein, festzustellen, daß Jelusich schon über drei Jahre zuvor für ebendiesen Posten auserkoren worden war. [67] Er war schon Mitte der zwanziger Jahre der Hitler-Bewegung nahegestanden und wurde auch NSDAP-Mitglied, obwohl man ihm das im Rahmen eines Verfahrens 1947 vor dem Volksgericht in Wien nicht nachzuweisen vermochte. Er war 1946 in Haft genommen worden, und sämtliche seiner Werke blieben (bis 1.9.1946!) für den Buchhandel und für Leihbüchereien gesperrt. Interessant ist, daß seine Herkunft Parallelen zur Herkunft vieler anderer nationaler österreichischer Schriftsteller (Strobl, Spunda, Hartlieb, Hohlbaum) aufweist: er ist als Sohn eines Kroaten und einer Sudetendeutschen in Böhmen geboren, war heimatberechtigt in Istrien (heute: Jugoslawien) und verlebte seine Kindheit und Jugend in Wien.

Doch zurück zum Verleger Jelusich! Rein ideologisch interessant ist die Wahl des Verlagsnamens, die Jelusich folgendermaßen in einem Antrag an das Wiener Handelsgericht erläuterte:

Was den Beisatz „Tieck“-Verlag anlangt, habe ich den Namen Ludwig Tiecks, des berühmten Dichters und Nachschöpfers Shakespeares und Cervantes zur Bezeichnung meines Verlages deshalb gewählt, um zum Ausdruck zu bringen, daß die Richtung, in die des Dichters Schaffen weist, auch mein Vorbild ist. Die Ideale der Romantik: Adel des Denkens, Lauterkeit des Fühlens, innige Liebe zu Heimat und Volk sollen auch meinen Weg bestimmen.

Der Zusatz „Tieck“-Verlag soll ähnlich wie der Zusatz Dürer-Verlag, Minerva-Verlag etc. zur näheren Bezeichnung meines Verlagsgeschäftes dienen und bringt zum Ausdruck, in welche Richtung ich den Verlag zu betreiben beabsichtige. [68]

Man sagte Romantik und meinte Nationalismus.

Wie sich herausstellte, muß der Verlag schon einige Zeit in Betrieb gewesen sein, denn in einem vom Handelsgericht angeforderten Gutachten der Kammer für Handel, Gewerbe und Industrie in Wien vom 5. November 1936 ist u.a. davon die Rede, daß ein Verlagswerk in drei Monaten eine Auflagenzahl von 20.000 erreicht habe. Ja,

Der Umfang des in Rede stehenden Verlages ist derzeit schon so groß, daß Dr. Jelusich in seinem Betriebe einen Verlagsdirektor, eine Buchhalterin und eine Kontoristin, sowie 2 Expedienten und sonstige Hilfskräfte beschäftigt. [69]

Der Betrieb gehe über den Umfang des Kleingewerbes hinaus und die Bezeichnung „Tieck-Verlag“ sei in Fachkreisen „bereits eingeführt“.

Am 17. November 1936 schließlich wurde der Tieck-Verlag ins Wiener Handelsregister unter Reg. A 42, 140a eingetragen. Der Betriebsgegenstand:

Verlagsbuchhandel und zwar zum Verlag von Werken literarischen und künstlerischen Inhalts, vorwiegend österreichischer Autoren, ausschließlich in deutscher Sprache, mit Ausschluß des offenen Ladengeschäftes.

Verlagsleiter und Einzelprokurist war der Verlagsbuchhändler Walther Scheuermann. [70] Die Geschäftsverhältnisse wurden sehr bald verändert. „Aus Zweckmäßigkeitsgründen, insbesondere deshalb, weil mir geschäftlich der Selbstverlag schadet“, sah sich Jelusich „genötigt, als offenen Gesellschafter in die Firma ,Tieck“-Verlag V. Jelusic meinen Verlagsdirektor Walter Scheuermann (…) aufzunehmen“ und beabsichtigte „nach Eintritt des Herrn Scheuermann in mein Unternehmen, den Firmenwortlaut des Unternehmens zu ändern wie folgt: ,Tieck“-Verlag/ W. Scheuermann & Co.“

Gleichzeitig suchte Jelusich um eine Sitzverlegung nach Wien I., Seilerstätte 22 an. Seine Begründung:

Der derzeitige Büroraum am Volkertplatz besteht nur aus einem Zimmer. Da der Umfang des Verlages doch so weit zugenommen hat, daß ich genötigt bin, außer meinem Verlagsleiter, meinem zukünftigen Gesellschafter Walther Scheuermann, noch zwei weitere Angestellte zu halten, benötige ich unbedingt größere Räume (… ) [71]

Bereits am 11. November 1936 hatten Jelusich und Scheuermann eine Vereinbarung abgeschlossen, derzufolge diese offene Handelsgesellschaft gegründet wurde. Scheuermann oblag

die alleinige technische und kommerzielle Führung der Firma. Diese Vereinbarung wurde hauptsächlich deshalb getroffen, weil ich infolge meiner schriftstellerischen Tätigkeit nicht die Möglichkeit hatte, mich um die kommerziellen Agenden der Gesellschaft persönlich zu kümmern. (Jelusich)

Die Änderungen wurden erst am 22. Juli 1937 ins Handelsregister eingetragen. Die Geschäftsfreundschaft zwischen Jelusich und Scheuermann dauerte allerdings nur ein halbes Jahr. Jelusich war über die Art und Weise unglücklich, wie Scheuermann in seinen Augen die erste Bilanzaufstellung durchführte. „Dieser Vorfall bildete den ersten Anstoß der zwischen mir und dem anderen Gesellschafter aufgetretenen, immer tiefer greifenden Differenzen“, schreibt Jelusich. Scheuermann sei ihm „gegenüber trotz voller Berechtigung meiner Beanstandungen feindlich“ eingestellt. Und erst nach Abschluß des Gesellschaftsvertrags habe Jelusich erkannt, „daß der Vertrag fast durchwegs für mich ungünstige Bestimmungen enthielt.“ Im Dezember 1937 schlug Jelusich Scheuermann „eine dem Gerechtigkeitsgefühl und den tatsächlichen Verhältnissen entsprechende Abänderung des Vertrages vor“, was dieser aber ablehnte. Jelusich sah sich veranlaßt, „unter Einhaltung der gesetzlichen Kündigungsfrist“ den Gesellschaftsvertrag per 30. Juni 1938 zu kündigen und den Antrag auf Liquidation der Firma zu stellen.

Die „Mißhelligkeiten“ darüber, wie man das Firmenvermögen usw. aufteilen sollte, dauerten weiter an und erreichten den Punkt, wo Jelusich und Scheuermann nur mehr über ihre Rechtsanwälte verkehrten. Zu diesem Zeitpunkt – es war bereits nach dem „Anschluß“ – entdeckte Jelusich bei seinem ehemaligen Kompagnon auch noch einen Verstoß gegen den Gesellschaftsvertrag, dessen Punkt VI besagte, keiner der Gesellschafter sei berechtigt, sich an einem anderen gleichartigen oder ähnlichen Unternehmen zu beteiligen oder eine Funktion auszuüben. Scheuermann hatte nach dem 13. März 1938 die Leitung des Phaidon-Verlags des im Ausland weilenden Inhabers Béla Horovitz übernommen.

Außerdem warfen sie einander vor, die jeweils eigenen Verlagswerke stark gefördert, die des anderen jedoch „absichtlich nicht gut verkauft“ zu haben. Scheuermann sprach von den „Anwürfe(n) ehrenrührigster Natur gegen mich“, obwohl Jelusich seine Freundschaft „in überschäumendster Weise mehrfach zum Ausdruck brachte“. [72]

Die beiden einigten sich schließlich über ihre Anwälte, uneinig zu sein, und stimmten der Bestellung eines Liquidators zu, der am 5. Juli 1938 ins Handelsregister eingetragen wurde. Josef Seibold, Buchsachverständiger in Wien und Liquidator des Tieck-Verlag W. Scheuermann & Co., teilte dem Handelsgericht Anfang Jänner 1940 mit, daß die Liquidation der offenen Handelsgesellschaft Tieck-Verlag beendet sei und stellte zugleich den Antrag auf Löschung der Firma. Diese erfolgte am 23. Jänner 1940.

Walther Scheuermann hatte aber bereits nach Beginn der Streitigkeiten mit Jelusich die Konsequenzen gezogen: am 1. April 1938 wurde eine neue protokollierte Firma – der Verlag Walther Scheuermann „Die Tieck-Bücher“ – mit Scheuermann als Alleininhaber unter Reg. A 60, 10a (umgeschrieben nach HRA 9969) ins Wiener Handelsregister eingetragen. Gegenstand des Unternehmens: Betrieb des Verlagsbuchhandels mit Ausschluß des offenen Ladengeschäftes. Eigentlich war er ein Selbstverlag. Als die Firma am 17. Februar 1971 gelöscht wurde, wurden Scheuermanns Verlagswerke im selben Jahr in das Verlagsprogramm des Verlags „Das Bergland-Buch“ in Salzburg übernommen und sind heute noch im Handel. [73] Diese Verlagsanstalt verlegt auch noch einige der bei Speidel erschienenen Erfolgsbücher von Gerhart Ellert (z.B. Karl V. Roman.).

Die Produktion

Der kurzlebige Verlag war primär als Eigenverlag der beiden Gesellschafter Jelusich und Scheuermann konzipiert, der unter dem Pseudonym Heinrich Tieck schrieb. Während die Rechte auf seine früheren Bücher weiterhin bei der F. Speidel’schen Verlagsbuchhandlung blieben[74], ließ Jelusich drei Werke im Tieck-Verlag erscheinen: Der Ritter. Roman (1937), Geschichten aus dem Wienerwald (1937) und Der Löwe (1936). Als Werbemittel ließ man gesondert einen Prospekt „Die neuen Werke von Mirko Jelusich. Im Tieck-Verlag“ drucken. Die Auflage von Der Löwe stand bei 25.000, als alle drei im Tieck-Verlag erschienenen Bücher 1938 an die F. Speidel’sche Verlagsbuchhandlung übergingen. Vom Roman Der Ritter (Auslieferung Ende Oktober 1937) hatte man bis 1943 69.000 Ex. aufgelegt. Von den Geschichten, die unmittelbar vor dem Streit im Mai 1937 auf den Markt kamen, waren nur 8.800 Ex. aufgelegt worden. Die 9.-13. Aufl. erschien 1939, die 30. Aufl. 1941, die 40. Gesamtauflage 1943 – alles bei Speidel.

Sehr erfolgreich, wahrscheinlich, weil sie sich zu Geschenkzwecken besonders eigneten – waren auch die Bücher von „Heinrich Tieck“, der für die illustrierte Bücherreihe „Die Tieck-Bücher“ verantwortlich war. In drei Monaten hatte das erste solche Werk – Trost bei Goethe – eine Auflagenzahl von 20.000 Stück. Bereits im November 1937 kam die 34. erweiterte Auflage auf den Markt. Während des 2. Weltkriegs dürften viele Leser Trost bei Goethe gesucht haben, denn dieses Werk allein mit seinen 90 Seiten Fraktur und relativ niedrigem Preis (RM 2,50) verkaufte sich bis 1949 241.000 Mal (Neuauflage 1949: 236.-241.000). Insgesamt erschienen 16 praktisch alle nach gleichem Muster aufgemachte „Tieck-Bücher“ in einer Gesamtauflage (bis 1949) von über einer Million Exemplaren. Bei solchem Verkaufserfolg ist es vielleicht nicht verwunderlich, daß Jelusich und Scheuermann über das liebe Geld stritten.

Ansonsten sind im Tieck-Verlag noch drei Werke erschienen: Bruno Brehms Soldatenbrevier. Mit 14 Bildern (Verlags-Werbespruch: „Ein stolzes Denkmal soldatischen Lebens!“), später als Frontlektüre weit verbreitet.

Anmerkungen

[1] 1935 erschien bei Speidel in einer Auflage von 10.000 Ex. ein Werk des 1904 in Prag geborenen Günther Schwab: Mensch ohne Volk. Roman. Der große Erfolg stellte sich erst nach Kriegsbeginn ein. 1937 wurde das Buch vom Verlag Walther Scheuermann übernommen, und 1944 erschien eine Ausgabe in der Frontbuchhandlung. Nach dem Krieg hörte sich der Titel Mensch ohne Volk nicht mehr so zeitgemäß an, der Verkauf nahm aber deswegen auch nicht ab. 1949 legte Scheuermann das Werk neu auf, allerdings unter einem anderen Titel, der nicht mehr an Blut und Boden erinnerte: Abenteuer am Strom. Roman. Somit erschien das 150. Tausend (!) aller Ausgaben. 1952 legten Kremayr & Scheriau gar das 156. bis 185. Tausend auf, und zum garantierten Absatzerfolg gehörte die Aufnahme des Schwab-Buchs in diversen deutschen, österreichischen und schweizerischen Buchgemeinschaften. Weniger erfolgreich war das zweite Schwab-Werk im Tieck-Verlag – Der Wind über den Feldern. Das Buch vom Jäger -, das 1937 erschien. 1948 erlebte es durch Scheuermann bloß die 14. bis 18. Auflage. ins Gestrige. Erlebtes und Empfundenes. Wien/Leipzig/München: Rikola, 1922. Kola wurde am 12. August 1872 in Wien geboren und trat nach Absolvierung des Untergymnasiums und einer Handelsschule im Alter von 17 Jahren als Volontär in ein Bankhaus ein. Im Alter von 21 Jahren war er bereits Prokurist. Er blieb bis zum 30. Lebensjahr bei diesem Bankhaus, woraufhin er ein Jahr auf Reisen ging und dann eine Stellung bei den Filialen der Länderbank in Paris und London annahm. Darauf kehrte er nach Wien zurück, um sich dort als Bankhaus Kola & Co. zu etablieren. Im Alter zwischen 16 und 20 Jahren schrieb K. viel, darunter ein Theaterstück Ledige Frauen, das 1891 in Wien uraufgeführt wurde. Im Jahre 1906 erschien von Kola ein Roman Die Gusti. 1923 veröffentlichte er schließlich Puppentragödie. Ernste und heitere Geschichten bei Rikola. (Dazu die kurze Autobiographie „Präsident Richard Kola schreibt“, in: Literarischer Almanach für 1922, III. Jg., Hg. und gewidmet von der Buchhandlung Moritz Perles, Wien, S. 12-14.)

[2] Akt Gremium/Brüder Rosenbaum.

[3] Eine kurze Skizze der Firmengeschichte der Gesellschaft für graphische Industrie findet sich in der Buchhändler-Correspondenz, Festnummer 1910, II. Teil, S. 43-45.

[4] “ – Druckereikauf. Die Gesellschaft für graphische Industrie in Wien hat die Buch- und Steindruckerei der Brüder Rosenbaum für zirka drei Viertelmillionen erworben und wird sie mit ihrem Betriebe in einem neu zu errichtenden Gebäude vereinigen. Die Herren Rosenbaum sollen, wie verlautet, in den Verwaltungsrat der Gesellschaft für graphische Industrie eintreten.“ In: Österreichisch-ungarische Buchdrucker-Zeitung (Wien), 40. Jg., Nr. 36, 5.9.1912, S. 438. Siehe auch das Schreiben der Firma Brüder Rosenbaum vom 10. Jänner 1913 an die „Löbl. Buchhändler-Bestellanstalt, Wien“: „Wir erlauben uns mitzuteilen, daß unsere Firma von der Gesellschaft für graphische Industrie, Wien VI., Gumpendorferstraße 87 übernommen wurde und gänzlich in derselben aufgeht. (…) Auch melden wir den Austritt der Firma Brüder Rosenbaum, Verlag aus der Korporation an, ebenso den Austritt des Herrn Ignaz Rosenbaum aus dem Verein der österreichisch-deutschen Buchhändler per 1. Jänner 1913.“ (Akt Gremium/Rosenbaum).

[5] WZ, Nr. 22, 30.5.1912, S. 16.

[6] In Ermangelung einer sonstigen „Geschichte“ dieser von der Entwicklung der Graphik in Wien nach der Jahrhundertwende nicht wegzudenkenden Firma wird hier das weitere Schicksal kurz skizziert. Verfolgen läßt sich diese Entwicklung anhand der Registereintragungen beim Wiener Handelsgericht sowie anhand des Registerakts, der ebenfalls heute dort deponiert ist (Reg. Ges. Bd. 28, pag. 70; Reg. Ges. Bd. 63, pag. 112; Reg. A Bd. 25, pag. 73a; HRA 4389; HRA 51 47a). Obwohl die verschiedenen Mitglieder der Familie Rosenbaum mit dem Rikola Verlag in dieser oder jener Eigenschaft viele Jahrelang tätig waren, wurde der Beschluß erst 1927 gefaßt, die Firma Brüder Rosenbaum wieder in Betrieb zu nehmen. Sigmund Rosenbaum war schon im September 1925 aus dem Verwaltungsrat des Rikola Verlags ausgeschieden. Zwei Jahre spter sah er sich veranlaßt, seine Stellung als Generaldirektor und leitender Verwaltungsrat der nunmehrigen Elbemühl-Papierfabriken und graphische Industrie A.G. niederzulegen. Desgleichen tat Rudolf Rosenbaum, der bisher die Direktion des Betriebes der Elbemühl und seit 1919 die der Gesellschaft für graphische Industrie innehatte.“ Die beiden haben den Betrieb ihrer Buch- und Steindruckerei ,Brüder Rosenbaum‘, welche seit dem Jahre 1874 besteht und seit 1912 an die Gesellschaft für graphische Industrie, resp. Elbemühl verpachtet war, mit den neuesten Maschinen und auf technisch vollkommenster Grundlage in Wien, V., Margaretenstraße 94, aufgenommen“, wußte der Österreichische Buch- und Steindrucker diesbezüglich zu berichten (Wien, XX. Jg., Nr. 18, 25.9.1927, S. 160). Seit 1. September 1927 und bis unmittelbar nach dem „Anschluß“ 1938 wurde die Firma Brüder Rosenbaum von Sigmund und Rudolf Rosenbaum, die jeweils einen 50%igen Anteil hatten, als offene Handelsgesellschaft geführt. Nach dem März 1938 dauerte es nicht allzu lang, bis ein williger Ariseur in Wien auftauchte. Knapp vor Monatsende waren bereits erste Schritte in Richtung Arisierung gesetzt: Die Kollektivprokuristen Anton Wasmer und Johannes Schmutzer (Schwiegersohn von Rudolf Rosenbaum) wurden ins Handelsregister eingetragen. Am 31. Mai 1938 wurde ein Herr Alois Schafler vom Staatskommissar in der Privatwirtschaft zum kommissarischen Verwalter der Firma Brüder Rosenbaum bestellt. Mittlerweile wurde über den „notwendigen“ Verkauf intensiv verhandelt. Der Interessent: ein Reichsdeutscher namens Walter Cyliax (* 25.10.1899, Leipzig). Die „Kaufverhandlungen“ erwiesen sich in diesem Arisierungsfall wie in allen anderen als bürokratisch und letztendlich vollkommen sinnlos. Im August 1938 konnten Sigmund und Rudolf Rosenbaum der Vermögensverkehrsstelle in Ergänzung ihrer Vermögensanmeldungen vom 16. Juli 1938 schon mitteilen, daß zwischen der Firma Brüder Rosenbaum und Herrn Walter Cyliax „eine Vereinbarung bezüglich Übergabe des Unternehmens mit allen Aktiven und Passiven unter Ausschluß der Steuerschulden um den Pauschalpreis von Rm 38.000,- übernommen wird.“ (AVA, BMfHuV, VVSt, V.A. 7430: Rudolf Rosenbaum bzw. V.A. 27.194: Sigmund Rosenbaum). Freilich mußte der Ariseur nicht eine Sekunde lang Angst haben, diesen Spottpreis obendrein noch zahlen zu müssen. Der Erlös sollte theoretisch dem Mitgesellschafter Sigmund Rosenbaum zufallen. Die Arisierung der Firma Brüder Rosenbaum soll – nach einer Darstellung von Rudolf Rosenbaum 1947 – „unter Mitwirkung der Gestapo“ erfolgt sein. Auszuschließen ist so etwas nicht. Wie dem auch sei, Cyliax übernahm alles bis auf das Geschäftshaus in der Margaretenstraße 94. Die VVSt genehmigte schließlich den „Kauf“ mit Erlaß vom 2. Februar 1939, HG-1, Ev 179 durch Karl Walter Cyliax, und am 1. April 1939 erfolgte die Eintragung im Handelsregister. Der Name „Brüder Rosenbaum“ – ein Begriff seit 65 Jahren – verschwand. Nunmehr hieß die Firma „Cyliaxdruck Walter Cyliax“. Während die Arisierung offensichtlich so „glatt“ über die Bühne ging, war sie nur ein Erlebnis der Brüder Rosenbaum mit den Nazis. Um es vorwegzunehmen, es wurde ihnen alles bis auf das Hemd am Leib weggenommen. Die offenbar beliebte Nebenform des „Raubs“ im Wien des Jahres 1938: die Hausdurchsuchung – von irgendwem vorgenommen – lernten sie beileibe nicht nur einmal kennen. So oder so verschmälerte sich das Vermögen. Wenn es nicht das Finanzamt war, das die Reichsfluchtsteuer kassierte oder Vermögen beschlagnahmte, so war es die VVSt, der Ariseur, der „Hausdurchsucher“, der gleiches tat. In einem Schreiben vom 5. Dezember 1938 an die VVSt gibt Sigmund Rosenbaum trocken an: „Gegenstände aus edlem Metall und eine Briefmarkensammlung wurden mir anläßlich einer Hausdurchsuchung am 10. November abgenommen.“ In seinem Vermögensbekenntnis vom 24. April 1939 heißt es lapidar: „Geld und Juwelen: Wurde mir anläßlich einer Hausdurchsuchung abgenommen.“ Nachdem ihm alles – Haus, Firma, Hausrat etc. – genommen worden war, konnte er sich Mitte November 1939 der VVSt gegenüber als mittellos hinstellen. (Siehe V.A. 27.294). Über die Gildemeester Auswanderungs-Hilfsaktion konnte Sigmund Rosenbaum Ende 1939 die „Ostmark“ verlassen. Er starb am 16. Juni 1945 in Cairo. Rudolf Rosenbaum zog im Frühjahr 1939 nach Griechenland, kehrte aber nach Ende des Zweiten Weltkriegs nach Österreich zurück. Am 7. Juni 1947 wurde unter HRA 5147a eine Firma „Brüder Rosenbaum“ mit den Gesellschaftern Rudolf und Friedrich Rosenbaum ins Wiener Handelsregister eingetragen. Bei einer Verhandlung der Rückstellungskommission beim Landesgericht f. Z.R.S. am 26. März 1948 (52 RK 78/47/15) wurde zwischen den beiden Rosenbaums und der Verlassenschaft nach Walter Cyliax ein Vergleich geschlossen. Das entzogene Vermögen der ehemaligen Firma Brüder Rosenbaum einschließlich der Liegenschaft Margaretenstraße 94 wurde an die Antragsteller zurückgestellt. Die Firma Cyliaxdruck vorm. Br. Rosenbaum mußte gelöscht werden, was schließlich am 24. Juli 1948 geschah. (Der Vollständigkeit halber wird auf folgende Publikation hingewiesen, obwohl sie keine Hinweise zur Geschichte des Unternehmens beinhaltet: HANS STROHOFER, Bilder aus der Druckerei Brüder Rosenbaum Wien. Text von DR. HANS ANKWICZ-KLEEHOVEN. Wien 1957.) Die Geschichte solcher Rückstellungsverfahren sowohl im allgemeinen als auch im besonderen ist noch nicht geschrieben worden. Ein erster Ansatz dazu wurde von DIETMAR WALCH in einer Salzburger Dissertation unternommen (D. W., Die jüdischen Bemühungen um die materielle Wiedergutmachung durch die Republik Österreich. Wien: Geyer-Edition, 1971.) (= Veröffentlichungen des Historischen Instituts der Universität Salzburg, 1). Die wenigen in meiner Arbeit herangezogenen Unterlagen zu diversen Rückstellungsverfahren sind eher Zufallsfunde, Weil der Gesamtaktenbestand in diesem Bereich meines Wissens nicht zugänglich ist.

[7] Zur Geschichte dieser Firma allerdings teilweise aus Nazi-Sicht und mit vielen Unterlassungen, vor allem der jüdischen Besitzer, siehe: Das Elbemühl. Das Werden eines Wiener Hauses. Wien o.J. (1940). (= Privatdruck der Elbemühl-Papierfabriken und graphische Industrie A.G. in Wien; Aufl. 2.000 Ex.)

[8] Wie an späterer Stelle anzuführen sein wird, war Kunwald Kollektivprokurist der Firma Würthle & Sohn Nachf. (später: Verlag Neuer Graphik), die dann kurze Zeit mit dem Rikola-Verlag liiert war. Er war auch Geschäftsführer der Verlag „Der Merker“ Ges.m.b.H. (Reg. C, Bd. 17, pag. 49) und Herausgeber der österreichischen Zeitschrift für Musik und Theater Der Merker in Wien. Ihm gehörte die Firma zu 55%, seinem Bruder, dem Schiffsarzt Dr. Lothar Kunwald, zu 45%. Der Merker stellte sein Erscheinen im Jahre 1922 ein. Kunwald besaß auch Aktien der Elbemühl.

[9] Siehe den Geschäftsbericht für die XIX. ordentliche Generalversammlung vom 28. Juni 1912. (In: Handelsgericht Wien. Registerakt Ges. Bd. 39, pag. 60 bzw. Reg. Ges. Bd. 62, pag. 131 (WrStLa).) Zur Geschichte dieser Firma siehe Buchhändler-Correspondenz. Festnummer 1910, II. Teil, S. 38. Verwiesen wird außerdem auf: Festschrift zum 40. Gründungstag von der Waldheim-Eberle A.G. in Wien. Wien 1932. Diese Festschrift enthält keinen Hinweis zur Geschichte der Firma, sondern bietet lediglich Fotoillustrationen zu den verschiedenen Zweigen des Betriebs.

[10] Protokoll der Verwaltungsratssitzung vom 24. Mai 1912. Im Registerakt (Anm. 9).

[11] Eine vollständige Liste findet sich u.a. in: BC, Nr. 16-17, 20.4.1921, S. 151.

[12] DR. H.E., Die Tragödie des Rikola-Verlages. In: Der Blaue Bücherkurier für den Sortimentsbuchhandel „früher Novitätenanzeiger“, XXXVII. Jg., Nr. 586, 15.12.1926, S. 1-2; bes. S. 1.

[13] Handelsgericht Wien. Registerakt Reg. C, Band 35, pag. 65 (WrStLa).

[14] Auf den Inhaber der Neuen Galerie in der Grünangergasse (gegr. 1923) und des Verlags der Johannes-Presse (gegr. 1923) kommen wir im Laufe dieser Arbeit mehrmals zu sprechen. Er erwarb das Doktorat aus Kunstgeschichte an der Universität Wien 1931 und führte ab 1936 den Namen Dr. Otto Kallir. Zu seiner Biographie zunächst folgende Hinweise: JANE KALLIR, Austria“s Expressionism. New York: Galerie St. Etienne, 1981. Abgesehen von den Verdiensten dieses Buches (Publikationsliste) sind einige Details zur Firmengeschichte besonders nach dem März 1938 mit Vorsicht zu genießen. Einen guten biographischen Überblick bietet der Abschnitt über Kallir-Nirenstein. In: Die geistige Elite Österreichs. Wien 1936, S. 433 f. Da heißt es etwas widersprüchlich: „Dr. Kallir gründete im Jahre 1920 den ,Verlag Neuer Graphik‘ (…).“ (S. 433)

[15] Handelsgericht Wien. Zitiert aus dem Registerakt Reg. A, Bd. 34, pag. 88 (WrStLa).

[16] BC, Nr. 14 u. 15, 14.4.1920, S. 188, 189.

[17] Im Registerakt Würthle & Sohn Nachf. (s. Anm. 5) ist vom Rikola Verlag nirgendwo die Rede, und umgekehrt im Registerakt Rikola Verlag (Reg. B, Band 9, pag. 13) keine Erwähnung des Verlag(s) Neuer Graphik.

[18] Nirenstein, der am 8. November 1921 als Rikola-Kollektivprokurist eingetragen wurde, wurde am 18. Dezember 1923 wieder gelöscht. Seine Prokura bei der Firma Würthle & Sohn Nachf. wurde am 26. Mai 1922 gelöscht.

[19] Die Firma hieß also wieder: Würthle & Sohn Nachf. Im August 1926 wurde unter Ausscheiden von Ulf und Leopoldine Seidl Frl. Lea Bondi Alleininhaberin. Lea Bondi, die sich 1936 mit Alexander Jaray verehelichte, mußte – weil Nicht-Arierin – ihre Konzession zurücklegen und die Firma aufgeben. Sie legte ihre Konzession am 21. April 1938 zugunsten des Friedrich Welz zurück. Welz gründete später (1940/41) die Firma Galerie Welz mit Hauptniederlassung in Salzburg und Zweigniederlassung in Wien. Lea Bondi-Jaray meldete sich am 7. April 1939 nach London ab. Die Firma Würthle & Sohn Nachf. wurde am 6. August 1941 aus dem Wiener Handelsregister gelöscht. (Zum ganzen Komplex siehe Handelsgericht Wien. Registerakt Reg. A, Bd. 34, pag. 88 in WrStLa.)

[20] DR. H.E. (zit. Anm. 12), S. 1.

[21] Siehe die entsprechende Anzeige in: Die Initiale (Wien), 1. Jahr, Drittes Heft, Juni 1921, S. 27.

[22] Die Initiale (Wien), 1. Jahr, 1. Heft, Februar 1921, S. 20.

[23] Anzeige, ebenda. Es erschienen z.B. L“Aerostat. Six Poèmes sur les premiers voyageurs aériens, publiés par l“almanach des muses 1784 sowie Der Fahrend Schüler im Paradeis. Ein Fastnachtspiel von Hans Sachs.

[24] WAZ, Nr. 12.781, Sa., 4.12.1920, S. 3.

[25] Die Bilanzen. Beilage zum Österreichischen Volkswirt (Wien), 16. Jahr, 1923-24, 3.11.1923, S. 34.

[26] Siehe Anm. 12.

[27] Die etwas zweifelhafte Zahl 106 „erworben und erzeugt“ für 1921 ist dem Bericht für dieses Geschäftsjahr entnommen. Dem Verfasser eines Artikels über den Rikola Verlag im Österreichischen Volkswirt kam diese Zahl etwas „ungenau“ vor (Die Bilanzen. Beilage zum Österreichischen Volkswirt, 16. Jahr, 1923/24, 3.11.1923, S. 34), doch wurde er vom Verlag aufgeklärt (s. Notiz, ebenda, 1.12.1923, S. 64). Die Zahl 120 für 1922 wird im erstzitierten Artikel angegeben. Die weiteren Produktionszahlen beruhen auf meiner Zählung, und zwar auf Grund der titelmäßigen Erfassung sämtlicher Verlagswerke im Verleger- und Institutionenkatalog der Deutschen Bücherei, Leipzig.

[28] Bei solchen Angaben wird grundsätzlich die Einschränkung „ca.“ gebraucht, weil es trotz genauester Erfassung noch immer möglich ist, daß mir der eine oder andere Titel entgangen ist.

[29] Also Autoren, die auf dem Gebiete des ehemaligen Habsburgerreichs geboren worden sind.

[30] Siehe Anm. 12.

[31] Siehe Anm. 12.

[32] Siehe Anm. 12.

[33] Zum Ergebnis s. Anzeiger, Jg. 1924, Nr. 19, 9.5.1924, S. 267. Der Durchschnittsladenpreis eines Rikola-Buches lag zu dieser Zeit bei 60.000 Kronen, sodaß der 1. Preis den Gegenwert von etwa 16 Bänden hatte.

[34] Siehe Anm. 12.

[35] Nr. 6, 1923, Wien, 26.9.1923, S. 151.

[36] Siehe Anm. 27, Die Bilanzen, 3.11.1923, S. 35.

[37] Anm. 27, 1.12.1923, S. 64.

[38] S. Anm. 12.

[39] Nr. 276, Mi., 2.12.1925, S. 3.

[40] Zur Reorganisation der Rikola A.G. siehe u.a. folgende Artikel: Der Blaue Bücherkurier, Nr. 571, 1.9.1925, S. 4; ebda., Nr. 572, 1.10.1925, S. 2-3; ebda., Nr. 578, 15.2.1926, S. 4-5; ebda., Nr. 586, 15.12.26, S. 1-2; Die Börse (Wien), 10.9.1925, S. 13; ebda., 23.12.1925, S. 10; ebda., 31.12.1925, S. 12; Der Abend, 7.4.1926, S. 2; WAZ, 8.4.1926, S. 4; WAZ, 10.4.1926, S. 5; Der Tag (Wien), 8.4.1926, S. 6 und 10.4.1926, S. 6 f.

[41] Über den Zusammenbruch dieser Bank schreibt sehr ausführlich KARL AUSCH in: Als die Banken fielen. Zur Soziologie der politischen Korruption. Wien: Europa Verlag, 1968, S. 205 ff.

[42] Dazu Die Bilanzen. Beilage zum Österreichischen Volkswirt (Wien), 18. Jahr, Nr. 48, 28.8.1926, S. 415 und 418 f.; bes. S. 419.

[43] Dazu auch: Der Abend, Nr. 75, Do., 2.4.1926, S. 3.

[44] FRANZ SCHNÜRER, Richard Kola. Ein Literaturbild aus Österreich. In: Das literarische Echo. Halbmonatsschrift für Literaturfreunde, 23. Jg., Heft 18, 15.6.1921, Sp. 1101-1105.

[45] Die Wage (Wien), Nr. 27, 16.7.1921, S. 321-322. Der Verfasser schreibt unter dem Pseudonym „Janus“.

[46] Ebenda, Nr. 37, 24.9.1921, S. 461-462.

[47] HÜGL, Wiener Ware. In: Die Wage, Nr. 51, 31.12.1921, S. 630.

[48] J.: Theatertrust. Ebenda, IV. Jg., Nr. 19, 13.5.1922, S. 166.

[49] Ausführliches zu diesem Komplex teilt OTTO KALLIR mit, in: Zur Vorgeschichte von Max Reinhardts Wiener Theatergründung. Erinnerungen und Dokumente. In: Hofmannsthal-Blätter, 1980/81, Heft 23/24, S. 19-56; bes. S. 24 ff.

[50] gk.: Romantik der Weltliteratur. In: Die Wage, III. (XXV.) Jg., Nr. 33, 19.8.1922, S. 503-504; hier S. 504.

[51] GEORG KOLLMANN, Menschen und Bücher. Zur Wiener Buchkritik. In: Die Wage, III. Jg., Nr. 38, 21.10.1922, S. 627 f.; hier S. 627.

[52] J., Notizbuch. Das geistige Wien. In: Die Wage, IV. Jg., Nr. 12, 9.6.1923, S. 384.

[53] ERGE, Das Wiener Dschungelbuch. In: Die Wage, N. F., III. Jg., Nr. 41, 2.12.1922, S. 699-703; hier S. 703.

[54] Wirtschaftliches vom Rikola-Verlag. In: Die Wage, IV. Jg., Nr. 23, 10.11.1923, S. 721-722; hier S. 722.

[55] Siehe A.J. STORFER, Wörter und ihre Schicksale. Wien 1935, S. 42.

[56] RAFAEL HUALLA, Richard Kola liest in der Vorstadt. In: Der Morgen (Wien), 18.3.1935, S. 8 (mit Foto Kolas).

[57] Anzeiger, Nr. 45, 1926, 5.11.1926, S. 307.

[58] Swoboda war seit 1.1.1932 offener Gesellschafter der Buch- und Zeitschriftenhandlung A. Swoboda & Söhne gewesen. Felix Speidel legte seine Konzession am 27.10.1936 zurück.

[59] Siehe: „Wer gilt als ,Parteianwärter“?“ In: Anzeiger, Nr. 9, 1.5.1974, S. 4.

[60] Zu diesen Vorgängen siehe Handelsgericht Wien. Registerakt A 70, 615, umgeschrieben nach HRA 7586, umgeschrieben nach HRA 19.621, die Registereintragungen sowie Gremium/Akt F. Speidel’sche Verlagsbuchhandlung.

[61] Laut Aufnahmeantrag Swobodas für die Reichsschrifttumskammer. Gremium/Akt F. Speidel’sche Verlagsbuchhandlung. Zum Vergleich hier die entsprechenden Umsätze der nicht gerade kleinen Firma Morawa & Co. 1935: RM 180.000; 1936: RM 195.000; 1937: RM 194.700. Laut Eintragungsbogen I zur Bearbeitung des Aufnahmeantrags für die RSK. Akt Gremium/Morawa & Co.

[62] Swoboda hat zwei Aufstellungen dieser Bücher samt Auflagenzahlen gemacht, die er dem Ergänzungsbogen I zur Bearbeitung des Aufnahmeantrags für die RSK beilegte. (Akt Gremium/Speidel)

[63] Kremayr, am 25.12.1905 in Ottsdorf, O.Ö., geboren, gründete nach Ende des 2. Weltkriegs zusammen mit Wilhelm Scheriau (* 16.11.1916) den Zeitschriftengroßbetrieb Kremayr & Scheriau. Anfang 1953 wurde Kremayr öffentl. Gesellschafter der Buchgemeinschaft Donauland (Näheres dazu im Katalog 25 Jahre Donauland. Wien 1975). Ein kurzes, dafür schöngefärbtes Porträt des Inhabers schrieb Wolfgang Höllrigl in profil (Wien), Nr. 38, 1977, S. 34-35: Der Alte und der Scheich. Einiges hierin entspricht aber nicht ganz der Wirklichkeit, so z.B. die Stelle „weil Kremayr in Untersuchungshaft auf einen Prozeß wegen vermeintlicher NSDAP-Umtriebe wartet“ (S. 34). Kremayr stand Ende April 1948 beispielsweise für mehrere Tage vor Gericht, und zwar unter Anklage wegen Totschlags. Er wurde beschuldigt, „den Tierzuchtdirektor, Dozent Dr. Josef Retzl, durch einen Fausthieb gegen den Kopf und Niederwerfen derart schwer mißhandelt zu haben, daß dieser zwei Monate später einer Gehirnblutung und hinzugetretener Lungenentzündung erlag“ (WZ, 27.4.1948, S. 3. Hiezu weiters: „Nazi erschlägt einen Wiener Gelehrten“, in: Österreichische Zeitung, 27.4.1948, S. 3). „Im weiteren Verhör ergibt sich, daß Kremayr in München wegen Urkundenfälschung 1934 mit sechs Wochen Gefängnis bestraft wurde. Er behauptet, nie Mitglied der NSDAP gewesen zu sein und es stets abgelehnt zu haben, den Antragsbogen auszufüllen.“ (WZ, 27.4.1948, S. 3) Im Widerspruch zu seiner Beteuerung vor Gericht 1948 hatte Kremayr auf einem eigenhändig ausgefertigten Fragebogen der gleichgeschalteten Zwangsgilde in Wien Ende März 1938 auf die Frage „Mitglied der NSDAP?“ geschrieben: „Ja, Mitgliedsausweis Nr. 16555, Wels, Gau Oberösterreich“. (Archiv, Buchgewerbehaus Wien) In den 30er Jahren war Kremayr im Zeitschriftenhandel des zwangsnazifizierten Ullstein-Verlags tätig. Im letzten Bericht über den Totschlagprozeß heißt es: „Der Angeklagte wurde des Totschlags an Dozent Dr. Josef Retzl schuldig erkannt und zu vier Jahren schweren Kerker, verurteilt, verschärft durch hartes Lager in jedem Vierteljahr sowie durch einsame Absperrung in dunkler Zelle und Fasten an jedem Jahrestag der Tat. (…) Bei Bemessung der Strafe nahm das Schwurgericht als erschwerend an die Vorstrafen des Angeklagten und den Umstand, daß Dr. Retzl einem völlig überraschenden feigen Angriff zum Opfer gefallen ist. In der Begründung des Urteils wird festgestellt, daß es sich bei der Tat um eine offensichtliche Provokation des Angeklagten handelte, denn dieser sei der Angreifer gewesen. Der Angeklagte ist ein Mann, der, wenn nötig über Leichen geht. (Sperrung im Original) Seine Verantwortung, daß der Tod des Dozenten auf einen ein Jahr zurückliegenden Unfall zurückzuführen sei, wurde durch das Beweisverfahren und das gerichtsmedizinische Gutachten eindeutig widerlegt. Kremayr nahm den Urteilsspruch ruhig und unbewegt auf. Sein Verteidiger meldete Nichtigkeitsbeschwerde und Berufung an.“ (WZ, 29.4.1948, S. 4) Kremayr dürfte mit seiner Berufung Glück gehabt haben. Am 5.7.1974 wurde ihm das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich verliehen. Dazu: Anzeiger, Nr. 17, Anfang September 1974, S. 105. Eine gereinigte Biographie findet sich im Anzeiger, Nr. 24, Mitte Dezember 1975, S. 141 („Rudolf Kremayr zum 70. Geburtstag“).

[64] Auch seine Tätigkeit im Ausland wurde von der Staatspolizei aufmerksam verfolgt. Ende November 1936 hielt er auf Einladung des Nationalsozialistischen Studentenbundes einen Vortrag an der Berliner Universität über Österreich und das Wesen des Österreichers. Der österreichische Gesandte in Berlin Stephan Tauschitz stellte dezidiert fest, daß der Vortragsabend Jelusichs „durchaus unpolitischen Charakter trug“. Auf politische Zeitfragen sei Jelusich nicht eingegangen. “ Er sagte lediglich, daß er nicht über Politik, Verträge und Abkommen, die zwar nützlich, aber immerhin vergänglich seien, sondern nur über das blutmäßig Gemeinsame im Österreicher und Reichsdeutschen sprechen wolle.“ (Bericht des Gesandten Ing. Stephan Tauschitz an Staatssekretär Dr. Guido Schmidt vom 1.12.1936.) ÖSta, HHSta, N.P.A. Karton 13, Berichte Gesandtschaft Berlin 1936. Als Mitinhaber des Tieck-Verlags gab Jelusich Ende März 1938 auf dem Fragebogen der Zwangsgilde an, NSDAP-Mitglied zu sein. Zu Jelusich siehe ferner: Johannes Sachslehner, Der Fall Mirko Jelusich. Eine Monographie. phil. Diss. Wien 1982.

[65] AVA, BKA (Gendion), 22 gen, Grundzahl 327.726/35; Geschäftszahl 350.951-St. B. G.D./35. Gegenstand: Nat. soz. getarnte Kulturorganisation (Verlag Zsolnay). Darin: Bericht der Poldion Wien vom 8. August 1935.

[66] Siehe z.B. NWT, So., Nr. 71, 13.3.1938, S. 14.

[67] Seine Vorbildung: Buchhandel erlernt bei Otto Maier, Leipzig, dann 5 Gehilfenjahre bei F. Volckmar, Kriegsdienst, Karl May-Verlag Dresden, Rikola Verlag München und Wien, Speidel’sche Verlagsanstalt. (Aus einem Schreiben Scheuermanns vom 19. November 1936 an die Buchkaufmannschaft, Gruppe Buchhandel in Wien. Akt Gremium/Tieck.) Er starb am 22.2.1975.

[68] Dies geht z.B. aus einem anonymen Schreiben an die österr. Staatspolizei vom 15. April 1935 hervor, in dem der Verf. „auf das wieder frecher werdende Treiben in den sogenannten Kulturorganisationen der Nazi aufmerksam“ macht. Dabei spielt das „Nazi-Nest“ im Zsolnay-Verlag eine wesentliche Rolle. (AVA, BKA (Gendion), Zl. 327.726/St.B. G.D./35, Karton 4930.) Auf den Inhalt dieses Schreibens wird im Kapitel über den Paul Zsolnay Verlag näher eingegangen.

[69] Zitiert nach dem undatierten Antrag, in: Handelsgericht Wien. Registerakt A 42, 140a (WrStLa).

[70] Kammergutachten ebendort.

[71] Zitiert nach dem undatierten Antrag Jelusichs nach dem 5.1.1937. Siehe Anm. 67.

[72] Äußerung des Antragsgegners Scheuermann zur Eingabe des Antragstellers Jelusich vom 7.6.1938. Eingabe an das Handelsgericht Wien vom 24.6.1938 durch Walther Scheuermann. Siehe Anm. 67.

[73] Diese Werke waren ohnehin von Anfang an bei Kiesel in Salzburg gedruckt worden.

[74] Nach dem Krieg kam es zwischen Jelusich und dem Speidel-Verlag zu einem Streit über Verlagsrechte. 1929 hatte Jelusich – so die Behauptung des Verlags – Speidel das ausschließliche Recht auf den Roman Cäsar gegeben. 1950 schloß der Autor einen Vertrag zur Veröffentlichung seines Cäsar-Romans mit dem Pilgram-Verlag in Linz, Heimatverlag für manche Schriftsteller wie etwa Franz Tumler (Heimfahrt). Hinter diesem Verlag stand ein Herr namens Hermann Stuppäck (* 28.9.1903, Wien), ehemals nationalsozialistischer Parteigänger, Intimus des Wiener Gauleiters Alfred Eduard Frauenfeld, verantwortlicher Schriftleiter der NS-Druckschrift Der Weg (früher: Der Neue Weg), Herausgeber, Eigentümer und Verleger der kurzlebigen NS-Zeitschrift Österreichische Wochenausgabe, nach Einzug der „nationalen“ Autoren in den Zsolnay Verlag 1934 auch dort mit einem Lyrikband vertreten, Pressechef der NSDAP Gau Wien, 1943 neben Ginzkey, Mell, Nabl und Weinheber Jurymitglied anläßlich der Verleihung des Adalbert-Stifter-Preises usw. usf. Reich an derartiger Erfahrung, durfte „Prof.“ Hermann Stuppäck die Salzburger Sommerakademie für bildende Künste 1964 bis 1980 leiten.

Ergänzungen zur Buchveröffentlichung von 1985

Literatur

Speidel’sche Verlagsbuchhandlung:

Rikola-Verlag:

  • Johannes Frimmel: Porträt. Alexander Skuhra, Thomas Mann und der Rikola-Verlag. In: Mitteilungen der Gesellschaft für Buchforschung in Österreich. 2003-1, S. 13–17.
  • Christina Köstner: Ein Nutznießer seiner Zeit – Der Verleger Dr. Gottfried Linsmayer. In: Mitteilungen der Gesellschaft für Buchforschung in Österreich. 2002–2, S. 19–26.
  • Murray G. Hall: Hermann Kosel: Von Rikola zum Buchkontor.

Sesam-Verlag:

  • Christiane Dreher: Weltliteratur für Kinder. Die Schriftstellerin und Verlegerin Helene Scheu-Riesz und der Sesam-Verlag in Wien 1923–1930. Magisterarbeit Univ. Mainz 1999.
  • Susanne Blumesberger (Hg.): Helene Scheu-Riesz. (1880–1970). Eine Frau zwischen den Welten. Wien: Edition Praesens, 2005 (1. Band der Reihe biografiA. Neue Ergebnisse der Frauenbiografieforschung. Hg. Ilse Korotin).
  • Susanne Blumesberger: „Ich hoffe, den Tag noch zu erleben, wo jedes Kind Anspruch auf eigene Bücher hat genau so wie den Anspruch auf eigenes Brot“. Helene Scheu-Riesz – Verlegerin und Visionärin. In: Gerhard Renner †; Wendelin Schmidt-Dengler †; Christian Gastgeber (Hg.): Buch- und Provenienzforschung. Festschrift für Murray G. Hall zum 60. Geburtstag. Wien: Praesens 2009, S. 23–42.

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